KolumneDer Markt braucht mehr Pessimisten

An der New Yorker Börse wurde der Parketthandel wieder eröffnet. Allerdings ist die Zahl der Händler begrenztimago images / Xinhua

Also wenn Sie mich fragen: Ich bin Optimist. War ich schon immer, weil es viel schöner ist, die Welt durch die bunte Brille zu sehen, als ständig schwarzzumalen. Die Frage ist nur: Wie clever ist das? Vor allem, wenn man den Optimismus auch aufs Investieren überträgt? Täte uns da nicht ein bisschen mehr Pessimismus gut – auch wenn die gute Stimmung nach so vielen Wochen des Lockdowns gerade wie Balsam für Wirtschaft und Seele wirkt?

Pessimismus soll nicht heißen: Verkauft eure Papiere. Auch nicht: Hört auf zu sparen. Sondern nur: Überlegt euch genau, wie viel ihr jetzt investiert – und wo! Es ist so: Der jetzige Abschwung ist der schwerste seit 1930. Er lässt die Wirtschaft weltweit zusammenschrumpeln. Und es wird noch eine ganze Weile dauern, bis sich Produktion, Konsum und Dienstleister von diesem Schock erholen. Inzwischen sind die Arbeitslosenzahlen explodiert, auf allein 30 Millionen in den USA. Hierzulande steckt jeder vierte Beschäftigte in Kurzarbeit. Und was macht der Aktienmarkt?

Die neue Capital

Der feierte im April schon wieder Rekorde: Elf Prozent Plus schaffte der MSCI World, die Wall Street schrieb einen der besten Monate in 33 Jahren. Auch der Dax marschiert wieder stramm aufs Niveau von Anfang 2019 zu. Kann das sein? Oder ist das schon wieder Überoptimismus?

Fragen wir mal Vermögensverwalter, die sind ja als defensive Zunft bekannt. Etliche von ihnen sehen den Markt derzeit „zweifelnd“, aber „verhalten optimistisch“, ergibt eine Spontanumfrage der V-Bank. Aber: Die Geschwindigkeit der Erholung überrascht einige, sagt zumindest Helge Müller von Genève Invest. Was ihn und viele andere Analysten wundert: Welche Aktien der Turboaufschwung besonders rasant nach oben spülte – die Techtitel nämlich und risikoreiche Hochzinspapiere.

Die Gewinner von heute müssen nicht die Sieger von morgen sein

Entkoppelt sich die Wall Street gerade von der Main Street – also die Finanzwelt von der Realwirtschaft? Für Main-Street-Firmen wird erst das zweite Quartal ganz übel ausfallen – erst das wird alle Kettenreaktionsverluste zeigen. Was die Wall Street also feiert, sind bestimmt nicht die Geschäftsprognosen. Auch nicht das nahe Lockdown-Ende. Sie feiert die Fed und die Zentralbanken. Die verleibten sich jetzt mit neuer Geldschwemme und noch größeren Anleihekaufprogrammen so große Teile des Weltsozialprodukts ein, dass künftig kaum noch ein Staat oder Großkonzern straucheln kann.

Das beruhigt die Nerven. Doch es sollte nicht übermütig machen. Denn die Gewinner von heute müssen nicht die Sieger von morgen sein. Zumal, so warnt Andreas Görler von Wellinvest, diese Krise tief in Psyche und Privatleben eingreift. Mit Logik kommt man da nicht weit. Mit Vorsicht und einem Fokus auf Qualitätsunternehmen mit stabilem Geschäftsmodell kommt man dagegen schon viel weiter. Warten wir also das zweite Quartal ab und halten vor allem die zweite Pandemiewelle auf. So lange darf man ruhig defensiver unterwegs sein. Erst wenn die Zy­kliker und Rohstoffe steigen, ist das Schlimmste vorbei. So war es stets.

Und wenn es diesmal anders ist? Dann war ich wohl zu optimistisch – dass gerade die Defensiven auch in dieser Krise wieder ihr Revival erleben. Schadet aber nicht.

 


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