Kolumne Schlechte Zeiten für quartalsfixierte Anleger

Capital-Kolumnist Bernd Ziesemer
Capital-Kolumnist Bernd Ziesemer
© Martin Kress
Die richtigen Horrorzahlen aus den Unternehmen kommen erst noch. Doch man kann sie in den meisten Fällen weitgehend ignorieren. Jetzt gelten andere Kriterien

Bisher kennt man nur Schätzungen aus den Unternehmen, aber jetzt läuft die Berichtssaison für das erste Quartal an und schon bald prasseln Horrorzahlen auf die Anleger ein. Umsatzeinbrüche wie in der Corona-Krise gab es seit Jahrzehnten nicht. Und entsprechend nervös dürften die Anleger an der Börse reagieren.

Aber macht es wirklich einen großen Unterschied, ob Adidas am 27. April auf der Pressekonferenz einen Einbruch von 20, 30 oder 40 Prozent nach der Schließung der Sportgeschäfte verkünden muss? Normalerweise beobachten die Finanzexperten jede noch so kleine Abweichung von ihren Prognosen genau und erst recht jedes Minus gegenüber dem Vorjahresumsatz. Doch in diesen Zeiten kann man mit dem spitzen Rechenstift nicht viel anfangen. Die Aussagekraft der Zahlen tendiert gegen Null. Sie sagen nur eines: Ja, die Corona-Krise hat uns tief, sehr tief nach unten gerissen.

Entscheidend aber ist nicht die Tiefe des Umsatz- und Gewinneinbruchs, sondern allein die Frage: Wie lange dauert der Einbruch? Wie schnell und wie stark können sich die Umsätze und Gewinne wieder erholen? Genau dazu können die Unternehmen jedoch wenig bis gar nichts sagen. Man kann die anstehenden Pflichtberichte also zu einem guten Teil ignorieren.

Achtung Horrorgefahr!

Entscheidend sind in der jetzigen Lage ganz andere Kennziffern: Wie hoch ist die Liquidität der Konzerne, welche neuen Kreditlinien hat man sich inzwischen gesichert? Wie hoch ist vor allem das Eigenkapital und damit die Schuldentragfähigkeit? Stehen hinter den Konzernen Großaktionäre, die bereit sind Eigenkapital nachzuschießen, wenn es hart auf hart kommt?

In einer tiefen Krise sieht man, welche Geschäftsmodelle gut funktionieren und welche nur mit Mühe und Not über die Runden kommen. Jetzt schlägt die Stunde der Fundamentalisten unter den Anlegern. Die Charttechnik hilft genauso wenig weiter wie die akribische Analyse der Quartalszahlen. Trotzdem dürften die meisten Kleinanleger auf die kommenden Horrormeldungen aus den Konzernen mit einiger Panik reagieren.

Eine noch höhere Volatilität dürfte vor uns liegen. Mit heftigen Ausschlägen nach unten, aber vereinzelt natürlich auch mit einigen nach oben. Wenn der eine Konzern ein Minus von 30 Prozent meldet für die Wochen unmittelbar nach der Kontaktsperre und der andere nur zehn Prozent, dann gilt das plötzlich als phantastisch positiver Wert, was unter normalen Bedingungen noch Anlass für einen veritablen Ausverkauf an der Börse gewesen wäre.

Auf die Infiziertenzahlen kommt es an

Anders als in der großen Finanzkrise vor zwölf Jahren kommt der Schock für die Industrie und die Banken dieses Mal nicht von innen, sondern von außen. Das macht eine Analyse selbst für die Profis viel schwieriger. Fürs erste gilt auf jeden Fall: Die Anleger sollten die Zahlen des Robert-Koch-Instituts über die Entwicklung der Pandemie mindestens genauso genau verfolgen wie die Zahlen aus der Wirtschaft.

Auch die Daten über die Virusinfizierten bedürfen der stetigen Interpretation, wie die täglichen Duelle der Epidemiologen zeigen. Auf jeden Fall entscheiden aber sie darüber, wann es mit den Volkswirtschaften wieder richtig aufwärts geht. Und nichts sonst.

Bernd Ziesemerist Capital-Kolumnist. Der Wirtschaftsjournalist war von 2002 bis 2010 Chefredakteur des Handelsblattes. Anschließend war er bis 2014 Geschäftsführer der Corporate-Publishing-Sparte des Verlags Hoffmann und Campe. Ziesemers Kolumne erscheint regelmäßig auf Capital.de. Hier können Sie ihm auf Twitter folgen.


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