TourismusTui stimmt Anleger auf harte Zeiten ein

Tui-Chef Friedrich Joussen imago images / localpic

Friedrich Joussen ist so der Typ, bei dem man bedenkenlos eine zweiwöchige Pauschalreise in ein teures Clubhotel am Mittelmeer mit Tauchkurs bucht – und dabei hat man das Gefühl, genau das Richtige zu tun. Nun arbeitet Joussen nicht in einem Reisebüro irgendwo in einer deutschen Innenstadt, an diesem Mittwochabend wirbt er vor Journalisten in Frankfurt für die Idee des Reisens. „Die Leute haben Spaß am Urlaub“, so die Botschaft. Sobald sie wieder reisen dürfen, werden sie dies auch tun.

Joussen braucht den Zweckoptimismus, denn er ist Chef des größten europäischen Tourismuskonzerns, Tui aus Hannover. Dank Staatshilfe hat das Unternehmen die Corona-Krise ohne Insolvenz überstanden, doch vor ihm liegen noch harte Zeiten, wie auch Joussen einräumt. Das sollten Privatanleger im Blick haben, die in der Vergangenheit viel mit der Tui-Aktie gehandelt haben. Das Unternehmen sitzt auf einem riesigen Schuldenberg, muss hohe Zinsen an den Staat zahlen und wird möglicherweise sogar das Kapital noch einmal erhöhen müssen.

Ob es denn stimmt, dass Tui ab sofort wieder die Kanarischen Inseln anfliegt, wird Joussen an diesem Abend von einer spanischen Journalistin gefragt. „Ja“ lautet die Antwort, begleitet von einem breiten Lächeln. „Wir setzen ein Zeichen.“ Joussen ist froh, wieder „eine Destination zu öffnen“, wie in der Tourismusbranche das Ende einer Reisebeschränkung genannt wird. Und da zählt jedes Ziel und jeder Touristenflieger Richtung Südeuropa, denn bei Tui war die Vollbremsung zu Jahresbeginn schlichtweg brutal. „Im Januar hatten wir im Vorjahresvergleich ein Buchungsplus von 20 Prozent, wir haben 50 Flugzeuge mit Crews zusätzlich gechartert“, berichtet Joussen.

Die Rettung kommt Tui teuer zu stehen

Wobei der Tui natürlich auf dem Weg zum vermeintlichen Rekordjahr 2020 auch half, dass der Konkurrent Thomas Cook (unter anderem mit den Marken Neckermann-Reisen und Condor) im September 2019 pleiteging. Und dann war dieses Wochenende Anfang März, als die Grenzen in Europa geschlossen wurden und Tui um die 200.000 Kunden irgendwie nach Hause holen musste. „Mit null Umsatz ist alles nichts“, sagt Joussen. Tui beantragte als erster Konzern in Deutschland während der Corona-Pandemie Staatshilfe. „Die Alternative wäre die Insolvenz gewesen.“

Nun geht es langsam aufwärts, und die Buchungen für die Sommersaison 2021 stimmen Tui zuversichtlich, für 2022 hofft man gar auf „eine normale Saison“. Doch die Rettung in der Pandemie hat für das Unternehmen einen Preis, es sitzt auf einem zusätzlichen Schuldenberg von rund 3 Mrd. Euro. Und der ist teuer, denn der deutsche Staat, vertreten durch seine Förderbank KfW, lässt sich das hohe Risiko bei der Unterstützung eines zeitweilig umsatzlosen Unternehmens bezahlen. Joussen zufolge zahlt Tui Zinsen „im hohen einstelligen Bereich“ für den Rettungskredit. „Ich hätte nie gedacht, dass man so hohe Zinsen zahlen muss.“

Die hohen Schulden haben zudem die Bilanz des Konzerns in eine Schieflage gebracht, Joussen spricht von der notwendigen „Balance Sheet Repair“. „Wir müssen die Schulden reduzieren und 2022 steht eine Umschuldung an.“ Auf dem Tisch liegt, wie der Tui-Boss einräumt, das ganze Instrumentarium: Emission weiterer Anleihen, Verkauf von Firmenanteilen oder eine Kapitalerhöhung, wobei letztere bei einem aktuellen Aktienkurs von 3,20 Euro illusorisch sei. Denn nach Berechnungen von Analysten müsste Tui möglicherweise neue Aktien im Wert von insgesamt 1,5 Mrd. Euro ausgeben. Doch auch der Verkauf von Firmenteilen oder neue Joint Ventures – die Tui-Fluggesellschaften sollen „partnertauglich“ werden – würden den Wert des Gesamtunternehmens und damit auch den fairen Wert eines Firmenanteils sinken lassen.

Selbst wenn die Corona-Krise hinter Tui liegt, so wird die Aktie also auf geraume Zeit für Anleger noch nicht wieder attraktiv werden.

TUI Aktie

TUI Aktie Chart
Kursanbieter: L&S RT

Apropos Aktie: Tui ist zwar ein deutsches Unternehmen mit Sitz in Hannover, die Hauptnotierung der Aktie befindet sich aber in London als Ergebnis der Fusion mit der frühen Tochter Tui Travel. Deshalb ist die Tui-Aktie auch nicht Mitglied eines Auswahlindex der Dax-Familie in Frankfurt, sondern des britischen Leitindex FTSE 100. Der Brexit werde daran nichts ändern, betont Joussen. Die Politik habe im Zuge der Verhandlungen über das Rettungspaket auch nicht gefordert, die Notierung „nach Hause“ zu holen, wie er auf Nachfrage sagt.

Dennoch treibt Joussen der Brexit um und das hat mit der Flugtochter des Unternehmens zu tun. Tui muss mindestens zur Hälfte im Besitz von Investoren mit Sitz in der EU sein, damit Flugrechte nicht verloren gehen. Aktuell sei dies kein Problem, betont Joussen. Die Politik dies- und jenseits des Ärmelkanals sei jedoch „gut beraten“, die Eigentümerschaft im gegenseitig anzuerkennen.

 


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