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Christoph Bruns So vergeht der Ruhm des Euro

Christoph Bruns
Christoph Bruns
© Lyndon French
Die Finanzmärkte haben ihr Urteil über den Euro gesprochen: Es ist ein Misstrauensvotum – und ein Krisensignal. Die Politik täte gut daran, jetzt einen Kassensturz vorzunehmen und liebgewonnene Denkgewohnheiten infrage zu stellen

Anders als in der Politik wird an Finanzmärkten täglich darüber abgestimmt, welcher Preis Aktien, Anleihen, Rohstoffen und Währungen beizumessen ist. Ein großer Vorteil von Märkten besteht darin, dass neue Erkenntnisse rasch in veränderte Preise umgewandelt werden. Man kann auch von täglichen Abstimmungen sprechen, wobei aber im Gegensatz zu Wahlen in der Politik hier mit einer Stimme pro eingesetzter Geldeinheit gesprochen wird. Das verleiht der Angelegenheit eine große Ernsthaftigkeit, denn falsche Wahlen haben finanzielle Verluste zur Folge. Daher ist man gut beraten, Börsenkurse als Preissignale ernst zu nehmen.

Was bedeutet es dann, wenn wir Zeuge eines Verfalls des Euro gegenüber US-Dollar und Schweizer Franken werden? Nun, offenbar gibt es Gründe, warum die Marktteilnehmer andere Währungen gegenüber dem Euro bevorzugen. Sogleich fällt die Zinsdifferenz zwischen kurzfristigen Festzinsanlagen in der Eurozone und jenen in den Vereinigten Staaten auf. Allerdings erklärt dieses Argument nicht den Verfall des Euro gegenüber dem Franken. 

Nachdem Kritik am Euro – und insbesondere an seiner zu raschen Einführung in Ländern, die sich nicht ökonomisch qualifiziert hatten –, von den etablierten Parteien als sakrosankt angesehen wurde, gelangen wir jetzt in Zeiten, in denen einige liebgewonnene deutsche Denkgewohnheiten infrage gestellt werden dürfen. Dem Thema Versorgungssicherheit zu akzeptablen Preisen wurde in der Vergangenheit ebenso wenig Aufmerksamkeit gewidmet wie der Verteidigungsfähigkeit. Nicht minder ist die gescheiterte Familienpolitik, die nicht in der Lage war, eine höhere Geburtenrate zu erreichen, über Jahrzehnte ein teures Tabu gewesen. Tatsächlich ist die Gelegenheit, angesichts der aufgetretenen Krisen jetzt günstig, einen generellen Kassensturz vorzunehmen. Vieles spricht dafür, dass die Prioritäten in der Politik neu ausgerichtet werden müssen. Dann wird sich erweisen, ob der alte Satz ‚Tempora mutantur, nos et mutamur in illis‘ (Die Zeiten ändern sich, und wir ändern uns in ihnen) noch Gültigkeit besitzt, oder ob der Staat weiter macht auf seinem Weg zum Vollkasko-Umverteilungs-Leviathan.

Selbstverständlich gilt das Infragestellen alter Weisheiten auch für den Finanzmarkt. Aktuell werden die Nerven der Anleger angesichts der breiten Finanzmarktbaisse stark belastet. Aber im Gegensatz zum bisweilen hysterischen Politikbetrieb in Berlin sind die Muster für den klugen Umgang mit Aktienmarkteinbrüchen wohlbekannt. Man tut in der Regel gut daran, in Börsenbaissen die Erkenntnisse Warren Buffets und seines Mentors Benjamin Graham nachzulesen. Sodann zeigt sich, dass Situationen wie die heutige keineswegs ohne Beispiel sind. Ein Zitat von Warren Buffet mag die Essenz der Angelegenheit verdeutlichen:

„Der üblichste Grund für niedrige Kurse lautet ‚Pessimismus‘ - der manchmal allgemein ist und manchmal nur einzelne Unternehmen oder Branchen betrifft. Wir wollen in einem solchen Umfeld aktiv werden, aber keineswegs, weil wir Pessimismus mögen, sondern weil wir die Kurse vorziehen, die er produziert. Der Optimismus ist der Feind des rationalen Käufers.“

Der Börsenoptimismus der letzten Jahre ist eindeutig verflogen. Wir werden in den kommenden Monaten lesen, was das Orakel von Omaha während der aktuellen Baisse gekauft hat.


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