Bargeld 2.0So funktioniert der digitale Euro

Die Einführung des digitalen Euros rückt näher
Die Einführung des digitalen Euros rückt näherIMAGO / PPE

Der digitale Euro kommt. Das hat der EZB-Rat am heutigen Mittwoch beschlossen. Alle Bürgerinnen und Bürger des Euroraums sollen künftig eine digitale Geldbörse, ein sogenanntes Wallet, mit Zentralbankgeld darin haben. Das ist der Plan. So einfach die Idee klingt, auf dem Weg dahin gilt es noch viele offene Fragen zu klären. Capital hat die drängendsten zusammengetragen:

Was haben die EU-Bürger vom Digitalen Euro?

Anders als Bank- und Kreditkarten muss digitales Bargeld innerhalb des Euroraums von allen Händlern akzeptiert werden. Das heißt aber nicht, dass das physische Bargeld verschwindet, der Digitale Euro ist eine Ergänzung, ein zweites Bargeld.

Was ist der Unterschied zwischen dem Geld auf dem Konto und Bargeld?

Bislang schon. Aber solange das Geld auf den Kundenkonten bei den Geschäftsbanken liegt, ist es Buch- oder Giralgeld. Die Kunden haben lediglich einen Anspruch an die Bank auf dieses Geld. Geht die Bank jedoch pleite, müssen sich die Kunden an den Einlagensicherungsfonds wenden, um das Geld zurückzubekommen. Außer sie haben es vorher am Schalter oder am Geldautomaten in Bargeld umgewandelt. Dadurch erlischt nämlich der Anspruch gegen die Geschäftsbank und einer an die Zentralbank entsteht: Sie garantiert den stabilen Wert des Bargelds. Das Bargeld im Portemonnaie ist somit sicherer als das auf dem Konto – außer der Geldbeutel wird geklaut.

Der Digitale Euro hat also den Vorteil, dass er so sicher wie Bargeld ist, aber nicht gestohlen werden kann. Die Bekämpfung von Taschendiebstahl ist jedoch nicht die Hauptmotivation der EZB, den Digitalen Euro zu entwickeln.

Warum entwickelt die EZB den Digitalen Euro denn dann?

Ob man nun sein Geld auf dem Konto hat oder in bar unter dem Kopfkissen, macht keinen Unterschied, solange die Wirtschaft stabil läuft. Erst in einer Krise – wie etwa in der Finanzkrise 2008, als Banken reihenweise insolvent gegangen sind – ist die höhere Sicherheit des Bargelds von Vorteil. Die EZB beobachtet jedoch mit Sorge, dass die Menschen seltener Bargeld nutzen, befeuert durch zunehmenden Internethandel, digitale Bezahlmethoden und Onlinebanking.

Lediglich 20 Prozent der gesamten Menge an Euros sind derzeit Bargeld. Da mit dem digitalen Euro auch im Netz bar bezahlt werden kann, dürfte die Quote wieder steigen und damit laut EZB die Souveränität der Währung schützen. Das ist der Zentralbank ein Anliegen. „Sonst,“ sagt Fabio Panetta, Direktoriumsmitglied der EZB, „übernimmt jemand anderes.“ Die Vorstellung, dass das eine Kryptowährung wie der Bitcoin sein könnte, dürfte in den EZB-Gremien Panikattacken auslösen. Diese gelten wegen fehlender Aufsicht und Regulatorik als instabil.

Welche Regeln werden denn für das Zentralbankkonto gelten?

In Zeiten, in denen Geschäftsbanken schon ab Einlagen von 50.000 Euro negative Zinsen erheben, klingt es fast zu schön, um wahr zu sein: Das Guthaben bei der Zentralbank ist zinslos. Wer sich innerlich schon sein Geldvermögen umschichten sieht, freut sich jedoch zu früh. Der Betrag auf dem Zentralbankkonto wird gedeckelt, derzeit ist viel von einer  Obergrenze von 3000 Euro die Rede. Auch, um zu verhindern, dass die Menschen ihr Geld umschichten, sobald die Wirtschaft mal unrund läuft.

„Das könnte eine Bankenkrise auslösen“, sagt Panetta. Was aber, wenn auf einem Konto 2800 Euro liegen und ein Gläubiger 500 Euro an Schulden zurückzahlt? Dafür sucht die EZB noch nach Lösungen. Wahrscheinlich ist aber, dass ab einer gewissen Summe auf dem Zentralbankkonto ebenfalls eine negative Zinszahlung fällig wird.

Und wie kommt man an so ein Konto?

Die EZB will die Geschäftsbanken dabei einbinden, sie werden als Vermittler zwischen Zentralbanken und Verbrauchern tätig bleiben. Die EZB hat schlicht nicht ausreichend Mitarbeiter, um sich um die Verwaltung der Konten zu kümmern. Zudem verspricht sich die Behörde vom Digitalen Euro, Geldwäsche, Terrorismusfinanzierung und Geldwäsche besser eindämmen zu können. Doch auch die Auswertung der dazu notwendigen Daten wäre bei den Banken, die damit bereits Erfahrung haben, besser aufgehoben.

Wie sicher sind die ganz normalen Kundendaten, wenn die Geldtransaktionen zur Verbrechensbekämpfung ausgewertet werden?

Dazu gibt es bislang nur Ideen. Eine davon ist, dass den Geschäftsbanken die Identitäten hinter den Transaktionen verborgen bleibt. Lediglich die EZB könnte bei Auffälligkeiten diesen Schleier lüften. Laut einer Umfrage der Behörde, fühlten sich Menschen sicherer, wenn ihre Daten bei einer öffentlichen Einrichtung liegen statt bei einem privatwirtschaftlichen Institut. Zudem gibt es die Überlegung, Zahlungen zwischen 70 und 100 Euro in einer gewissen Frequenz – mehrere tausend am Tag wären verdächtig – komplett zu anonymisieren.

Funktioniert der digitale Euro wie eine Kryptowährung?

Auch das ist noch nicht entschieden. Die EZB testet zwei Systeme: Das eine ist das 2018 eingeführte elektronische Bezahlsystem Target Instant Payment Settlement (TIPS). Es erlaubt Zahlungsdienstleistern, ihren Kunden Geldtransfers mit Zentralbankgeld in Echtzeit durchzuführen. Im Gegensatz zur Distributed-Ledger-Technologie, gemeinhin als Blockchain und Basis von Kryptowährungen bekannt, ist es jedoch ein zentrales System. Alle Fäden liefen dann bei der EZB zusammen.

Ein Distributed-Ledger hätte hingegen den Vorteil, dass Transaktionen an Bedingungen geknüpft werden, was den Handel über Grenzen hinweg effizienter und billiger machen könnte. Beide Möglichkeiten erfüllen die Voraussetzung, 40.000 Transaktionen pro Sekunde verarbeiten zu können. Bis zur Entscheidung, welches System mehr Vor- als Nachteile bietet, lässt sich die EZB voraussichtlich noch zwei Jahre Zeit, in der sie beide Möglichkeiten prüft.

Zwei Jahre? Und wann kommt der Digitale Euro dann?

Das kann noch bis 2026 dauern. In zwei Jahren präsentiert die EZB ihr Konzept der EU-Kommission, dem Parlament und weiteren Regulierern. Diese müssen der Einführung des Digitalen Euro zustimmen und die europäischen Gesetze anpassen. Dann rollt die Notenbank das Projekt aus. Dafür hat sie drei Jahre Zeit.

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