Interview „Bei der Entwicklung des digitalen Euro haben wir nur einen Schuss“

Andreas Krautscheid, Hauptgeschäftsführer und Mitglied des Vorstands beim Bundesverband deutscher Banken
Andreas Krautscheid, Hauptgeschäftsführer und Mitglied des Vorstands beim Bundesverband deutscher Banken
© Reiner Zensen / IMAGO
Der digitale Euro, den die Notenbanken derzeit entwickeln, könnte das Geschäft der Banken schwächen – diese Befürchtung äußert Andreas Krautscheid, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands Deutscher Banken, im Interview

Der digitale Euro ist beschlossene Sache. Wie schauen die Banken darauf?

ANDREAS KRAUTSCHEID: Banken beschäftigen sich mit digitalen Währungen spätestens, seit Facebook 2019 angekündigt hat, Libra (heute: Diem) auf den Markt zu bringen . Wir sehen die Chancen, aber auch die damit verbundenen Risiken. Deshalb ist es richtig, dass die EZB das Thema engagiert angeht. Gleichwohl denken Banken das Thema wesentlich weiter. Ein digitaler Euro der EZB greift zu kurz – es braucht ein Ökosystem neuer Geldformen, um die Anforderungen der digitalen Ökonomie zu adressieren.

Was macht Ihnen denn Sorgen?

Der Wettbewerb um digitales Geld hat längst begonnen, die Uhr tickt. Bei der Entwicklung des digitalen Euro haben wir nur einen Schuss. Die Chinesen sind weit fortgeschritten mit den Arbeiten an einem digitalen Renmimbi. Da ist die digitale europäische Währungssouveränität in Gefahr. Hinter den Aktivitäten von Facebook steht auch die Frage, wer hier die globalen Standards setzt: Unternehmen oder Staaten? Das ist hochpolitisch.

Vordergründig gibt die EZB als Begründung an, dass digitale Bezahlmethoden das Bargeld als Stabilitätsanker des Finanzsystems ablösen und sie deshalb einen digitalen, bargeldgleiche Euro entwickeln wollen. Was für Auswirkungen hätte das auf die Banken?

Der digitale Euro wäre eine dritte Form von Zentralbankgeld neben Bargeld und den Einlagen der Banken bei der Zentralbank. Wir beobachten - nicht zuletzt während der Corona-Pandemie - einen deutlichen Rückgang in der Verwendung von Bargeld, weil das digitale Bezahlen so viel einfacher geworden ist. Entscheidend ist, wer künftig unmittelbaren Zugriff auf digitales Zentralbankgeld bekommt: Sind es wie bisher nur die Banken oder auch jedes Unternehmen und jeder Bürger? Dann hätten alle ein Konto bei der Zentralbank, und die EZB könnte theoretisch zu einer Geschäftsbank werden. Die Folge wäre ein Verlust der Kundenschnittstelle für die Banken, aber auch ein enormer Mehraufwand für die EZB.

Von was für Risiken sprechen Sie?

Ein unbegrenzter Besitz von digitalem Zentralbankgeld von Unternehmen und Privatkunden könnte die Gefahr einer sogenannten Disintermediation mit sich bringen, indem Kunden Einlagen aus dem klassischen Bankensektor abziehen. Das könnte das Finanzsystem destabilisieren und die sinnvolle Funktion von Banken im System schwächen. Oder umgekehrt: Wie würde zukünftig eine Zentralbank auf einen digitalen „bank run“ reagieren, bei dem Millionen Kunden ihr Zentralbankkonto in Sekundenschnelle räumen könnten?

Wie reagiert die EZB auf die Befürchtungen der Banken?

In unseren regelmäßigen Gesprächen mit EZB und Bundesbank wird nachdrücklich betont, dass die Zentralbank nicht zu einer Geschäftsbank werden will: Die Schnittstelle zum Verbraucher bleibt die Bank, nicht die EZB.

Derzeit wird heiß diskutiert, den Zugriff der Bürger auf direktes Zentralbankgeld bei 3.000 Euro zu deckeln. Das ist mehr, als der durchschnittliche EU-Bürger monatlich netto verdient. Das wird doch zwangsläufig Auswirkungen auf das Einlagengeschäft haben…

Das ist derzeit nicht absehbar, denn niemand kann prognostizieren, wie viel die Bürger von ihrem normalen Bankkonto auf das Zentralbankkonto umschichten würden. Wenn dies im großen Umfang geschähe, könnte das am Ende die Kreditvergabefähigkeit von Banken beeinträchtigen und eventuell deren Refinanzierung erschweren. Diese Risiken werden von den Zentralbanken gesehen und mit uns diskutiert, denn wir haben ein gemeinsames Interesse an der Stabilität des Finanzsystems.

Was wären mögliche Lösungen?

Manche Konzepte diskutieren die Einführung einer Obergrenze auf den EZB-Konten oder Zinsmechanismen, um die Geldhaltung unattraktiv zu machen. Das sind aber noch sehr frühe und komplexe Überlegungen. Hier geht ganz klar Gründlichkeit vor Schnelligkeit, auch wenn unsere Industriekunden einen hohen Erwartungsdruck haben.

Was erwartet die Industrie denn?

Auf europäischer Ebene sind die deutschen Unternehmen beim Wandel zur Industrie 4.0 und dem Internet der Dinge weit vorne. Wenn Maschinen autonom agieren, müssen digitale autonome Bezahlverfahren eingesetzt werden können. Hieran arbeiten Banken und Industrieunternehmen bereits. Auch dafür brauchen wir das Projekt digitaler Euro.

Dabei geht es doch aber auch um blockchainbasierten Handel ohne den Intermediär Bank. Sehen Sie in einer vollautomatischen Handelsfinanzierung nicht eine Bedrohung für die Bankengeschäfte?

Ich glaube eher an die Chancen. Unsere Industriekunden brauchen neue Lösungen und wollen dabei ihre Banken im Boot haben. Wenn Maschinen Zahlungen auslösen und empfangen, dann müssen sich diese Maschinen sicher identifizieren können. Die Qualität muss mindestens ebenso hoch sein, als würde ein Mensch die Zahlung auslösen. Das können Banken sehr gut.

Die EZB hat sich noch nicht entschieden, ob der digitale Euro über eine Blockchain oder das erst 2018 gelaunchte elektronische Bezahlsystem TIPS laufen soll. Bremst es die Projekte nicht aus, dass die Basis des Digitalen Euro noch nicht klar ist? Am Ende soll schließlich alles miteinander vernetzt werden.

Denkbar ist vieles, auch Zwischenschritte. Schließlich muss die EZB mit dem digitalen Euro ein breit akzeptiertes, attraktives und preisgünstiges System schaffen. Wir müssen die zugrunde liegende Technologie möglichst früh kennen, um für unsere Kunden Lösungen entwickeln zu können. Und die EZB muss natürlich darauf achten, dass sie für den Bau eines Elektroautos keine Zündkerzen liefert.

Wie meinen Sie das?

Wir sollten jedenfalls gemeinsam auf die zukunftsträchtigste Technologie setzen. Es ist absolut nachvollziehbar, dass der dezentrale Blockchain-Ansatz letztlich den Anspruch auf eine zentrale Autorität in Frage stellt. Das verändert die klassische Steuerung einer Währung. Wir müssen also den Autoritätsanspruch der EZB mit der modernsten Technologie zusammenbringen.

Die EZB stellt sich vor, dass der digitale Euro ein Innovationsmotor ist. Was passiert, wenn die Fintechs vor den Banken Anwendungen entwickeln?

Wer Digitalisierung als etwas einordnet, was nur die IT im Keller schneller macht, lebt gefährlich. Digitalisierung geht immer an die Grundfesten eines Geschäftsmodells. Genauso ist es hier auch: Der dgitale Euro ist nicht nur etwas, was schnell und schick ist. Es geht dabei um Finanzstabilität, Währungsstabilität und unsere Autonomie im Zahlungsverkehr. Das sollte niemand unterschätzen.

Was würde denn passieren, wenn sich eine private Kryptowährung so etabliert, dass es die Souveränität der Zentralbank und des Euros schwächt?

Entscheidend ist das Vertrauen der Menschen in die Währung. Also ist es entscheidend, dass der digitale Euro das gleiche Vertrauen genießt wie der analoge. Bei allen interessanten Projekten rund um Kryptowährungen – ob zur Spekulation oder zur Aufbewahrung: Wenn es zu einer ernsten Krise kommt, ist das Vertrauen in die Instanz entscheidend. Das ist das Ziel der EZB. Gelingt es, muss sie sich keine Sorgen um Abwanderungen aus dem Euro machen. Momentan stehen die Chancen dafür gut.

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