Interview"Mittelfristig hat Gold Potenzial"

Goldbarren
Der Goldpreis hat sich weit von seinen Höchstständen entfernt
© Deutsche Börse AG

Evy Hambro ist Portfoliomanager des rund 2,6 Mrd. Euro schweren Blackrock World Gold Fund Evy Hambro ist Portfoliomanager des rund 2,6 Mrd. Euro schweren Blackrock World Gold Fund

 


Capital: Steigende Zinsen, eine schwächelnde Nachfrage von Investoren und Zentralbanken, ein starker Dollar und Inflation außerhalb der Sichtweite – gibt es überhaupt irgendeinen Grund, nach dem Einbruch 2015 optimistisch für Goldminen-Aktien oder den Goldpreis selbst zu sein?

Hambro: Steigende Zinsen gelten als schwieriges Umfeld für physisches Gold. Allerdings entspricht diese Annahme nicht unbedingt der Realität, denn die Realzinsen und andere Faktoren spielen ebenfalls eine Rolle.

Ist der Boden erreicht?

Es gibt jedenfalls mehrere Faktoren, die den Goldpreis unterstützen sollten: weitere Käufe aufseiten der Notenbanken, die abnehmende Menge an Bestandsgold, die Bodenbildung beim Minenangebot, ein Nachfrageschub angesichts des Preisrückgangs, die steigende Nachfrage aus Asien, die Angleichung des Goldpreises an die Produktionskosten und die Möglichkeit, dass das Inflationsrisiko zunimmt und Investoren sich dagegen absichern wollen.

Könnten wir von einer Kapitulation der Investoren sprechen?

Rohstoffe haben insgesamt eine Verkaufswelle erlebt. Gründe dafür waren Äußerungen der US-Notenbank Fed in Richtung einer strafferen Geldpolitik und der Dollar, der daraufhin stärker geworden ist. Momentan dürfte die fehlende Nachfrage das Aufwärtspotenzial beim Geldpreis dämpfen. Aber mittelfristig hat Gold das Potenzial, in Anbetracht der genannten Faktoren wieder höher zu notieren. Wir positionieren unser Portfolio weiterhin für einen Goldpreis, der sich in einer Spanne von etwa 100 Dollar um 1200 Dollar je Feinunze herum bewegen dürfte.

„Ausverkauf bei Minenwerten war undifferenziert“

Bei Goldminenaktien fiel der Absturz mit im Schnitt über 80 Prozent doppelt so stark aus wie bei Gold selbst. Zu Recht?

Der jüngste Ausverkauf bei Minenwerten war unserer Ansicht nach zu undifferenziert. Daher halten wir nach Unternehmen Ausschau, die unserer Meinung nach vom Markt zu stark verkauft wurden und bei denen wir nun Positionen aufstocken können.“

Sind die Schulden, die viele Goldminenbetreiber aufgebaut haben, nachhaltig – und welche Strategie bietet sich in der aktuellen turbulenten Phase an?

Die Goldproduzenten müssen Wege finden, wie sie ihren Unternehmenswert durch Wachstum, Exploration oder Fusionen und Übernahmen steigern können. Gleichzeitig müssen sie ihre abnehmenden finanziellen Reserven im Hinterkopf behalten. Angesichts dieses Umfeldes ist es besonders wichtig, auf Qualität zu setzen. In unserem Portfolio haben wir Unternehmen mit geringen Kosten, qualitativ hochwertigem Vermögensbestand und relativ gesunden Bilanzen übergewichtet.

Die gibt es noch?

Natürlich. Die Goldbranche hat im Hinblick auf ihr Geschäft und ihre Bilanzen viele schmerzliche Anpassungen durchlaufen, um sich auf den niedrigeren Goldpreis einzustellen. Schmerzlich waren diese Anpassungen insofern, dass weniger konservative Unternehmen die Möglichkeit eines niedrigeren Goldpreises nicht in ihr Risikomanagement einbezogen hatten. Daher mussten sie einige Investitionen komplett abschreiben, Vermögenswerte mit Abschlägen verkaufen oder Eigenkapital aufnehmen. Die qualitativ hochwertigen Unternehmen in unserem Portfolio sollten auch dann starke Renditen liefern, wenn der Goldpreis bei etwa 1200 Dollar je Feinunze verharrt.

Warum sollten Investoren Goldminenaktien gegenüber dem SPDR Gold, der in physisches Gold investiert, bevorzugen?

Die Goldbranche bietet aktiven Portfoliomanagern viele Chancen: Auf der einen Seite gibt es spannende Unternehmen, die angesichts einer fast durchweg negativen Stimmung am Rohstoffmarkt niemand auf dem Radar hat. Auf der anderen Seite stehen Unternehmen, die immer noch zu hoch bewertet erscheinen und strukturelle Probleme haben. Langfristig orientierte Investoren sollten sowohl physisches Gold als auch Goldminenaktien in ihre Überlegungen einbeziehen. Das haben wir immer wieder betont. Denn physisches Gold bringt womöglich mehr Risikostreuung ins Portfolio, liefert aber keine Zinsen. Goldminenaktien hingegen besitzen ein höheres Renditepotenzial – nicht nur wegen möglicher Kurssteigerungen, sondern auch wegen ihrer attraktiven Dividenden.