KolumneKeine Panik, wenn die Zentralbanken den Fuß vom Gas nehmen

Karen Ward ist Chief Market Strategist für EMEA bei J.P. Morgan Asset Managementvivianbirch.com

Letzte Woche kündigte die Europäische Zentralbank die Drosselung ihrer Anleihenkäufe an. Zentralbanken in anderen Ländern führen ähnliche Diskussionen. So dürfte auch die US-Notenbank Fed in den kommenden Monaten das offizielle „Tapering“ ihres Kaufprogramms ankündigen. Treiber für diesen geldpolitischen Richtungswechsel ist die wirtschaftliche Erholung. Zwar liegt die Pandemie noch nicht hinter uns und die Delta-Variante ist weiterhin besorgniserregend. Dennoch sind die Volkswirtschaften im Westen in guter Verfassung.

Tatsächlich ist es erstaunlich, dass es nur wenige Anzeichen dauerhafter wirtschaftlicher Narben durch die Pandemie gibt. Haushalte und Unternehmen zeigen eine hohe Kaufbereitschaft. Und auch die Regierungen haben mehrjährige Haushaltspläne aufgestellt, um den Aufschwung weiterhin zu unterstützen. So sollte beispielsweise der Wiederaufbaufonds der EU nicht unterschätzt werden. Italien als einer der Hauptnutznießer wird im kommenden Jahr voraussichtlich um fast sechs Prozent wachsen. Das ist mehr als das Doppelte des italienischen Wachstums in den zehn Jahren nach der Finanzkrise.

Der Inflationsdruck nimmt ebenfalls zu, wobei wir der Meinung sind, dass sich einige der jüngsten Inflationsspitzen nur als vorübergehend erweisen sollten. Selbst die Wirtschaftssegmente mit den größten Lieferengpässen werden im Laufe der Zeit nachlassenden Kosten- und Preisdruck feststellen.

Die Rolle der Arbeitsmärkte

Für den mittelfristigen Inflationsausblick müssen wir jedoch auf die Arbeitsmärkte schauen, denn diese können die Inflationsdynamik antreiben aber auch stoppen. Wenn Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer feststellen, dass Verbraucherpreise steigen, liegen Forderungen nach Lohnerhöhungen nahe. Wird die Forderung abgelehnt, haben sie keine andere Wahl, als sich einzuschränken, wodurch die Nachfrage sinkt. Erhalten sie eine Lohnerhöhung, können sie ihre Konsumausgaben weiterführen, aber da die Kosten für das Unternehmen steigen, trägt dies zur Inflationsspirale bei.

Anders als in den vergangenen zehn Jahren scheinen die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer dieses Mal Verhandlungsmacht zu haben. In einer Umfrage der Europäischen Kommission wurden Industrieunternehmen der Eurozone gefragt, ob ihre Tätigkeit durch Engpässe bei Arbeitskräften behindert wird. Der Anteil der Unternehmen, der dies zuletzt bejahte, war der höchste seit Beginn der Umfrage im Jahr 1985.

Es erscheint daher angemessen, dass die EZB den Fuß langsam und behutsam vom Gaspedal nimmt. Von der Bremse brauchen wir gar nicht zu reden – es wird noch dauern, bis Zinserhöhungen gefordert werden. Aber es ist an der Zeit, den Ankauf von Vermögenswerten, also die quantitative Lockerung (kurz QE), zurückzufahren.

Effizentere Kapitalmärkte

Bei Anlegerinnen und Anlegern sorgt die Vorstellung einer endenden quantitativen Lockerung und die Einschränkung der ultralockeren Geldpolitik jedoch für Unbehagen. Da die Märkte stiegen, als die Zentralbanken Geld ins System pumpten, befürchten viele instinktiv, dass die Märkte fallen werden, wenn diese Unterstützung entzogen wird. Ich bin aber optimistischer und überzeugt, dass die Märkte den Rückgang der Wertpapierkäufe nicht nur überstehen werden; sie werden auch effizienter sein und besser funktionieren, wenn der Einfluss der Zentralbanken entfällt.

Denken Sie daran, dass die Zentralbanken beim Kauf von Vermögenswerten keine Gewinner und Verlierer auswählen durften. Beim Kauf von Staatsanleihen musste die EZB im Verhältnis zur relativen Größe der jeweiligen europäischen Volkswirtschaften kaufen. Eine Vorzugsbehandlung konnte sie sich nicht erlauben.

Die gleiche Philosophie galt, als die Käufe auf Risikoanlagen ausgeweitet wurden. Die Zentralbanken durften keine Sektoren oder einzelne Unternehmen bevorzugen. Stattdessen wurden Unternehmensanleihen in etwa gemäß ihres Ratings gekauft, mit kaum einer weiteren Due Diligence, wie sie bei einer privaten Anlageentscheidung üblich ist.

Solche wahllosen Käufe widersprechen dem System des freien Markts, das ja letztendlich Regierungen und Unternehmen für gutes Management belohnt. Wenn sie sorgfältig agieren und solide wirtschaften und investieren, sollten geringere Fremdkapitalkosten gezahlt werden müssen. Im Gegensatz dazu sollten Regierungen und CEOs, die weniger überzeugend agieren, mit höheren Kosten rechnen.

Die Anleger, die diese „Strafen“ in normalen Zeiten verhängten, wurden als „Anleihewächter“ und „Bond Vigilantes“ bezeichnet. Aber die quantitative Lockerung machte den Wächtern ein Ende. Oberflächlich betrachtet hat dies für ein recht angenehmes kurzfristiges Anlageumfeld mit minimaler Volatilität gesorgt. Manchmal sind jedoch kurzfristige Turbulenzen am Markt erforderlich, um einen langfristigen wirtschaftlichen Gewinn zu erzielen. Anleihewächter sind ein wichtiger Bestandteil der Mikroökonomie und ein wesentliches Element für eine florierende Makroökonomie.

Dies wird heute immer wichtiger, da Unternehmen einen so großen Beitrag zur Bekämpfung des Klimawandels leisten müssen. Investoren prüfen Unternehmen verstärkt in Bezug auf ökologische, soziale und Governance-Faktoren, also aus einer anderen Perspektive als die traditionellen Ratingagenturen. Dies erfordert ein erhebliches Unternehmensresearch und Engagement der Stakeholder.

Die Zentralbanken haben gut daran getan damit, den Geldhahn zu öffnen und das System während der Krise mit Liquidität zu versorgen. Dies ermöglichte es den Regierungen, ihre Volkswirtschaften und Unternehmen in einer sehr angespannten Marktphase mit Finanzmitteln zu unterstützen. Da wir die Krise aber zunehmend hinter uns lassen und eine wirtschaftliche Erholung in Aussicht steht, ist es für die Zentralbanken an der Zeit, ihre Marktinterventionen einzustellen.

Und so sollten Anleger dem Drang widerstehen, in Panik zu geraten, wenn immer mehr Zentralbanken der quantitativen Lockerung ein Ende setzen. Dies wird uns letztendlich wesentlich robustere Anlagemärkte, mehr Möglichkeiten und bessere langfristige Renditen eröffnen.

 


Karen Ward, Managing Director, ist seit November 2017 Chief Market Strategist für EMEA bei J.P. Morgan Asset Management. Zuvor war sie Vorsitzende des Rates der Wirtschaftsberater für das britische Finanzministerium, davor arbeitete sie für ein Jahrzehnt in verschiedenen Positionen bei HSBC, darunter als Senior Global Economist und später als Chief European Economist. Sie begann ihre Karriere bei der Bank of England. Karen Ward hat einen Master mit Auszeichnung in Wirtschaftswissenschaften des University College London.