GeldanlageIm Osten was Neues

Kim Jung Un und Donald Trump
Nordkoreas Machthaber Kim Jung Un und US-Präsident Donald Trump bei ihrem historischen Gipfeltreffen in Singapurdpa

Wenn Anleger Rot sehen ist das nie besonders gut. Und zur Mitte der vergangenen Woche taten sie es. Zumindest im östlichen Teil der Welt, in Asien nämlich. Da hatten nun einen Tag vorher erst der amerikanische Präsident und der nordkoreanische Diktator zu einem Treffen zusammengefunden, das beide selbst als historisch bezeichneten.

Dementsprechend wollten sie es auch gewürdigt wissen und feierten ihren Gipfel als symbolträchtigen Akt. Was sich aus den Abrüstungsverhandlungen beider Länder wirklich ergeben wird, das muss die Zeit zeigen. Ebenfalls, ob eine Annäherung der koreanischen Staaten aneinander daraus folgt und ob sie letztlich die Wirtschaft im ostasiatischen Raum deutlich ankurbeln wird. Bislang ist das eine Hoffnung einiger Marktteilnehmer, aber eher vage Vision als nahe Realität. Ganz zuversichtlich jedenfalls, so könnte man es diplomatisch formulieren, reagierten die Börsen auf das Gipfeltreffen nicht. Die Stimmung in weiten Teilen der asiatischen Börsenwelt war danach eher verhalten, die Aktienindizes färbten sich nach Kursrückgängen rot. Euphorie sieht anders aus.

Nun ist das nicht allein auf das Treffen von Trump und Kim zurückzuführen, sondern die vorsichtige Stimmung war auch durch die Europäische Zentralbank EZB begründet. Deren Entscheidung über weitere Anleihenkäufe erwarteten auch die Märkte in Asien gespannt und viele Händler legten daher eine Pause ein, um das Ergebnis abzuwarten. All das hat nun die Vorzeichen der Asienbörsen von Grün auf Rot gefärbt. Aber ist das die neue Farbe, an die sich Anleger dort gewöhnen müssen? Schließlich haben die Aktienmärkte dort in den vergangenen Monaten eine enorme Entwicklung hingelegt. Übrigens als einzige, denn der Rest der Welt schwächelt inzwischen ganz schön.

Auf Jahressicht konnten die Aktien der asiatischen Welt – ohne Japan – um rund 20 Prozent aufsteigen. Der MSCI all Country Asia ex Japan legte sogar 24 Prozent zu bis Anfang Juni. Einen Monat zuvor kam er auf Zwölfmonatssicht erst auf 17 Prozent. Insgesamt jedenfalls entwickelten sich die Indizes der fernöstlichen Staaten erheblich besser als die der entwickelten Länder der Welt: Der Dax kam im selben Zeitraum auf eine magere Performance von einem Prozent, der Eurostoxx fiel sogar um zwei Prozent, selbst die Vereinigten Staaten konnten da – trotz guter Börsendaten – nicht mithalten, der S&P 500 schaffte „nur“ 15 Prozent. Einen Großteil davon aber auch nur wegen des Extraeffekts der Trumpschen Steuersenkungen, die zu beachtlichen zusätzlichen Unternehmensgewinnen führen dürften und großzügig vom Markt eingepreist wurden.

Die Gesamtheit der aufstrebenden Staaten wuchs im Vergleich zu den Industrieländern zuletzt sehr viel stärker. Insgesamt verbuchten die Emerging Markets deshalb gute Kursgewinne von 13 Prozent auf Jahressicht, das ist ebenfalls viel. Der Kern des Wachstums aber, daran lassen die Börsen derzeit keinen Zweifel, liegt im fernen Asien und in jenen noch nicht industrialisierten Ländern. Der MSCI Asien-ex-Japan-Index nähert sich insgesamt punktemäßig jenem Höchststand, den er bereits 2007 vor der Finanzkrise erklommen hatte. Die spannende Frage ist nun: Wird er deutlich darüber hinaus klettern? Oder wird die Luft danach auch für Anleger dünn? Momentan sind sich viele Analysten einig: Sein Aufschwung ist noch nicht zu Ende. Deswegen könne es sich für Anleger auch jetzt noch lohnen, in Fernost zu investieren.

Ihre Argumente sind im Wesentlichen folgende: Die Region erfreue sich derzeit einer gesunden Konjunktur, die Produktivität wachse und die Wirtschaftskraft der Region lege vermutlich auch im laufenden Jahr um rund sechs Prozent zu. Angetrieben werden die Volkswirtschaften durch das stabile globale Wachstum und überdies von der hohen Nachfrage der eigenen Bevölkerung nach Gütern. Vor allem der Inlandskonsum nämlich trage in den Ländern maßgeblich dazu bei, dass die Produzenten immer größere Absatzmärkte finden und noch mehr Produkte unters Volk bringen. Kein Wunder, denn nirgendwo lebt eine derart junge Bevölkerung, die zudem mit steigenden Einkommen nach neuen Produkten lechzt.

In China zum Beispiel bilden inzwischen die vielen nach 1990 Geborenen eine kaufkräftige Konsumentenschar, die inzwischen rund 230 Millionen Menschen groß ist. Sie gründen zunehmend eigene Haushalte und decken sich mit neuen Geräten ein, vor allem mit elektronischen. Schließlich sind sie Digital Natives und haben nur mit Produkten wie Handy, Laptop und Internet das Leben gelernt. Deshalb ist es auch nicht verwunderlich, dass gerade die Technologiefirmen in China boomen und das nicht erst seit kurzer Zeit.

In Indien sind bereits 48 Prozent der Bevölkerung jünger als 25 Jahre, das sind immerhin 624 Millionen Einwohner. Das ist enorm, hierzulande sind es gerade einmal 19,8 Millionen. Von den jungen Indern hat zwar längst nicht jeder genug Geld für üppigen Konsum zur Verfügung, doch die Schar jener Mittelständler, die sich dort etwas leisten können, wächst stetig und wird auch künftig dazu beitragen, dass das Wirtschaftswachstum bei sechs bis sieben Prozent liegen wird, sagen Marktbeobachter. Ähnlich sieht es in vielen asiatischen Staaten mit der Demographie aus. Und allein das wird die Volkswirtschaften in Fernost weiter beflügeln.

Zudem arbeiten einige daran, ihre Verschuldung zumindest nicht zu schnell größer werden zu lassen – wie China – oder ihre Wirtschaftsstrukturen sogar zu reformieren – siehe Indien. Als einer der langfristig interessantesten Märkte gilt derzeit Vietnam, mit ebenfalls knapp sieben Prozent Wachstum. Die Inflation dort ist klein, die Währung robust, die Staatsunternehmen werden zunehmend privatisiert. Und die Bevölkerung ist mit knapp 93 Millionen Menschen größer als die jedes europäischen Landes. All das lässt auch dort auf weiteren Aufschwung hoffen.

Trotz dieser guten Aussichten aber – und trotz der enormen Kursanstiege der jüngsten Zeit – seien die Aktien asiatischer Unternehmen noch längst nicht dort angekommen, wo sie eigentlich hingehörten, sagen Analysten: Das Kurs-Gewinn-Verhältnis des Regionsindex liegt bei rund 14. Da kommen viele Dax-Unternehmen zurzeit auf das Doppelte und auch der Weltindex MSCI World liegt momentan bereits bei 18,5. Auch das Kurs-Buchwert-Verhältnis des Asien-ex-Japan-Index ist mit 1,7 äußerst moderat. Der Weltindex hat längst eine Zwei vorm Komma und kommt auf 2,2. So gesehen sind Asiens Aktien derzeit noch unterbewertet. Und deshalb für mutige Schnelleinsteiger ein Kauf.

Natürlich gibt es die Unwägbarkeiten. Schließlich hat Präsident Trump nicht nur Europa, sondern auch China den Handelskrieg angedroht. Und vor allem solche externen Schocks oder ein Abschwung der Weltwirtschaft würden Asiens Volkswirtschaften schwer treffen. In der jüngsten großen Krise, der Finanzkrise brach der MSCI Asia ex Japan Index mit minus 52 Prozent deutlich stärker ein als der Weltindex (minus 40 Prozent) und als die Indizes vieler entwickelter Staaten. Beim nächsten Absturz dürfte das ähnlich sein. Vor allem, weil immerhin ein Drittel der Aktien im Asien-Index aus Technologie- und IT-Aktien besteht. Sie sind klassischerweise die ersten Werte, die auf einen Wirtschaftseinbruch reagieren. Ein weiteres Viertel besteht aus Finanzwerten und großen Banken, die auch in höchstem Maße konjunktursensibel sind.

Der Index hatte allerdings vor der Finanzkrise von 2007/2008 auch exorbitant zugelegt mit jährlichen Kurssteigerungsraten zwischen 17 und 40 Prozent und die hielten über mehrere Jahre an. Außerdem erholte er sich danach auch viel schneller wieder vom Einbruch und legte bereits ab Oktober 2008 wieder zu. Im Lauf des Jahres 2009 erzielte er sogar wieder eine Performance von 72 Prozent. Der MSCI World brauchte noch bis März 2009, um wieder nach oben zu streben und schaffte 2009 „nur“ 30 Prozent Plus. So gesehen scheint eine Investition in einen der Asien ETFs zunächst zwar gewagt. Doch auf lange Sicht von 30 Jahren zahlte sich bisher ein Investment mit über 9 Prozent pro Jahr aus. Der MSCI World Index kam da nur auf 7,96 Prozent.

Den Anlegern sollte in jedem Fall klar sein, dass sie mit einem Asien-Indexfonds in erster Linie auf China setzen, das nämlich einen 35-prozentigen Anteil im Asia All Countries ex Japan Index hat. Weitere 17 Prozent macht darin Südkorea aus, das nun auf den Versöhnungseffekt mit Nordkorea setzt. Als nächstgrößere Länder folgen Taiwan, Hongkong und Indien. Wem das zu gewagt erscheint, der kann sich aber auch den Asia Pacific ex Japan Index ins Depot legen, der ist in etwa ähnlich zusammengesetzt. Doch darin hat China lediglich einen Anteil von 29 Prozent und immerhin 17 Prozent der Aktien stammen aus Australien. Südkorea macht 14 Prozent aus, gefolgt von Taiwan und Hongkong. Im Pazifikindex ist auch der Anteil der IT-Aktien etwas kleiner. Das sorgt im Ernstfall vermutlich für etwas mehr Stabilität.

So lange die Konjunktur aber brummt und die Politiker dieser Welt alle Hände voll damit zu tun haben, sich die Hände zu schütteln, als gefährliche Knöpfe zu drücken oder Handelsbarrikaden aufzubauen, stehen die Chancen gut, dass die Anleger in Asien nur Rot sehen, wenn sie längerfristig die Flaggen der Länder betrachten, in die sie investieren – und nicht, weil sie auf die Kurse schauen.