KolumneGameStop-Hype entlarvt Qualität und Quantität von Brokern

Für die GameStop-Aktie ging es zuletzt steil bergauf, dabei geht es dem Unternehmen sehr schlechtIMAGO / Pacific Press Agency

Wenn man zu Hause sitzt und wenig zu tun hat, gleichzeitig aber reichlich Geld zum Investieren, dann liegt die Börse nicht allzu fern. Private Anleger haben den Nervenkitzel entdeckt und decken gleichzeitig die Qualität von Onlinebrokern auf.

Wer billig kauft, kauft doppelt. So lautet eine Weisheit von Oma und Opa, doch sie ist deshalb nicht falsch. Aktive Anleger bekommen das in Deutschland momentan zu spüren. Denn in Sachen Quantität macht Trade Republic keiner was vor: Das Berliner Start-up hat so viele Kunden eingesammelt in den letzten Monaten wie kein anderer Broker. Qualitativ machen die neuen Kunden aber eine Serviceerfahrung auf die sie wohl gerne verzichtet hätten. Kundenorders werden nicht bedient und der vermeintlich günstige Broker entpuppt sich final als teure Mogelpackung.

Dass Kontoeröffnungen momentan schwierig sind, erfährt auch Neuling Smartbroker, ebenfalls aus Berlin. Natürlich, Nokia, GameStop und der Hype am Aktienmarkt sorgen für ein Interesse, das nicht immer direkt bedient werden kann. Dafür läuft bei Smartbroker ebenso wie bei Consors oder Flatex der Handel aber ziemlich rund, woran man erkennt, dass eingünstiges Angebot auch mit Qualität einhergehen kann. Das ist wichtig, da das generelle Umfeld hoch attraktiv bleiben wird und die Alternativen gering sind.

US-Notenbank-Chef Jerome Powell hat es in dieser Woche bestätigt: Die Zinsen bleiben bei null und die Anleihenkäufe werden auf absehbare Zeit nicht gekürzt. Diese, übrigens auch von der EZB betriebene Liquiditätsschwemme, wird von Anlegern wie ein trockener Schwamm aufgesaugt und in den Aktienmarkt gepumpt. Ein Kursrekord jagt den nächsten, insbesondere in den USA, wo viele Anleger dank günstiger Broker sehr aktiv sind.

Über einen wie Robin Hood lässt sich sogar fast provisionsfrei handeln, was den Einstieg bei vielen riskanten Titeln auch erleichtert. Die aktive Anlegergemeinde hat sich dabei auf viele geshortete Aktien gestürzt, also auf Titel, die leerverkauft wurden. Dabei werden Aktien verkauft, ohne sie vorher zu besitzen, in der Hoffnung, diese Aktien später billiger zurückzukaufen. Diese Trades sind bei vielen Brokern und Banken erlaubt, wenn entsprechende Sicherheiten auf dem Konto sind.

Short-Aktien gefragt wie selten zuvor

Aber nur weil sehr viele Short-Positionen bei einer Aktie existieren, heißt das noch lange nicht, dass die Aktienkurse auch fallen werden. Tesla ist hierfür ein gutes Beispiel: Rund 25 Prozent der frei handelbaren Aktien waren leerverkauft und haben die Kursentwicklung jahrelang belastet. Erst in der Corona-Krise im April 2020 zog die Aktie kräftiger an, weil sich abzeichnete, dass Tesla aufgrund seiner Marktstellung bei E-Autos und führender Batterietechnik eher zu den Krisengewinnern zählen wird. Dieser Umschwung hat viele Short-Anleger herausgefordert. Denn ihre Positionen sind bei steigenden Notierungen in die Verlustzone gelaufen und mussten geschlossen werden, um den Verlust zu begrenzen.

Um Short-Positionen zu schließen, müssen Anleger die ursprünglich am Markt verkauften Aktien wieder kaufen und diese dann an den Verleiher zurückgeben. Die Nachfrage nach den Papieren steigt somit durch die Short-Eindeckungen, was meist zu weiter anziehenden Preisen führt, andere Leerverkäufer unter Zugzwang setzt und nicht selten einen sich selbst verstärkenden Effekt auslöst. Das hat bei Tesla seit April 2020 zu einer Kursexplosion von mehr als 600 Prozent geführt.

Noch schneller ging es zuletzt bei der Aktie der Einzelhandelskette für Computerspiele und Unterhaltungssoftware GameStop. Zu Jahresbeginn stand der Titel des defizitären Unternehmens knapp unter 20 Dollar und vergangene Woche noch bei 65 Dollar. In dieser Woche explodierte die GameStop-Aktie in der Spitze auf 500 Dollar bevor sie wieder auf 440 Dollar leicht zurückfiel. Im Unterschied zu Tesla hatten die Hobby-Trader bei GameStop wesentlich leichteres Spiel, weil der Börsenwert der Firma deutlich kleiner ausfällt. Eindeckungskäufe waren auch bei anderen Titeln wie Beyond Meat oder der weltgrößten Kinokette AMC zu beobachten.

GameStop Aktie

GameStop Aktie Chart
Kursanbieter: L&S RT

Kurskapriolen bei deutschen Aktien

Die Turbulenzen bei GameStop zeigen zugleich, wie eng Märkte verknüpft sind. Denn nicht nur einige US-Aktien lieferten zuletzt ungewöhnliche Kurssprünge, auch deutsche Papiere wie Evotec und Varta sprangen kräftig an. Die Verbindung: Bei GameStop wie auch beim deutschen Biotech- und Batterie-Unternehmen hielt angeblich der Hedgefonds Melvin Capital größere Short-Positionen. Der Leerverkäufer stand kräftig unter Druck, musste Risikopositionen abbauen und daher auch Deckungskäufe bei Evotec und Varta vornehmen. Besonders bei Evotec war der Effekt am letzten Mittwoch im Januar bemerkenswert: Zum Handelsauftakt zog der Kurs auf 43 Euro, gegen Mittag bezahlten Anleger nur noch 33 Euro. Wer hier mitzocken möchte, sollte daher sehr wachsam sein.

Dennoch erfreuen sich Wetten gegen große Hedgefonds derzeit auf beiden Seiten des Atlantiks einer großen Beliebtheit. So fielen die Umsätze bei GameStop-Aktien an einigen Börsen in Deutschland zuletzt nahezu doppelt so hoch aus wie mit Dax-Titeln auf Xetra, auch am Börsenplatz Gettex griffen die Anleger in Massen zu. Das Phänomen Robinhood ist gekommen, um womöglich zu bleiben.

 


Daniel Saurenz betreibt mit seinem Team das Börsenportal Feingold Research. Es bietet täglich einen Börsenbrief an, den Sie für 14 Tage kostenfrei testen können. Melden Sie sich unter Info@feingold-research.com an oder probieren Sie den Börsendienst unter diesem Link aus. Trainingstage und Coachings finden Sie NEU unter feingold-academy.com