KolumneFünf Thesen zur VW-Aktie

Christian Kirchner
Christian Kirchner
© Gene Glover

Christian Kirchner ist Frankfurt-Korrespondent von Capital. Er schreibt an dieser Stelle regelmäßig über Geldanlagethemen. Hier können Sie ihm auf Twitter folgen


Das Schöne an Börsenregeln ist ja, dass sich immer irgendein Blödsinn rezitieren lässt, der die eigene Haltung stützt! Nehmen wir etwa die Aktie von Volkswagen, die aufgrund der „Dieselgate“-Affäre binnen einer Woche rund ein Drittel an Wert eingebüßt hat und den Börsensmalltalk dominiert wie wenige Aktien zuvor: Wer investiert ist, kann sich das mit der Regel schön reden, dass man Aktien kaufen und Schlaftabletten nehmen solle – und einem das zwischenzeitliche Auf und Ab egal sein kann.

Schnäppchenjäger können der Logik Warren Buffetts folgen und argumentieren, man kaufe am besten „billig und verkaufe nie“ oder die Regel anwenden, nach der man ja kaufen müsse, wenn „die Kanonen donnern“ – in diesem Fall eben die Kanonen der US-Umweltbehörde EPA, der Anwälte und der Leerverkäufer.

Wer hingegen gar nichts machen will, zitiert einfach den Spruch „Greife nie in ein fallendes Messer“, denn einem solchen gleicht schließlich der Kursverlauf der VW-Aktie. (Wenn Sie beim Smalltalk ein wenig angeben wollen, schicken Sie als VW-Skeptiker noch hinterher, zwischenzeitliche Kurserholungen glichen dem „Dead Cat Bounce“-Syndrom, eine reichlich zynische Metapher, nach der alles einmal kurz abprallt, was aus großer Höhe herunterfällt.)

Sie wollen nun allerdings von mir vermutlich keine Sprüche hören, sondern eine klare Handlungsempfehlung, ob Volkswagen-Aktien auf dem aktuellen Kursniveau Schrott oder ein Schnäppchen sind. Das kann ich Ihnen zwar ebenso wenig mit Bestimmtheit sagen wie andere Experten, aber wir können uns einer sinnvollen Antwort zumindest mit fünf Thesen nähern.

These 1:

Die alleinige Betrachtung des Börsenwerts und des Kurses ist irreführend – und beim Unternehmenswert ist gar nicht so viel passiert.

Seit Tagen beherrscht die Frage die Medien, welchen Prozentsatz die Vorzugsaktie (rund 25 Prozent) und wie viele Milliarden Börsenwert das Unternehmen verloren habe (rund 20 Mrd. Euro): Doch Automobilkonzerne gleichen heute, wie Kritiker spotten, eher Banken mit angeschlossener Automobilproduktion. Daher sind die Finanzaktivitäten der Hersteller von großer Bedeutung, die Schulden und die Liquidität.

Und hier droht ein weiteres Missverständnis, denn häufig ist die Rede von rund 30 Mrd. Euro Liquidität, die Volkswagen in der Kasse habe. Machen wir es kurz: Aussagekräftig ist hier die Kennziffer des Unternehmenswerts – auf Englisch: „Enterprise Value“ – in der sämtliches Eigen- und Fremdkapital saldiert wird.

Vereinfacht gesprochen: Es ist die Summe, die eine Übernahme kosten würde, da man ja nicht nur die Aktien, sondern auch dessen Nettoschulden übernähme. Jener „Enterprise Value“ von Volkswagen liegt derzeit bei näherungsweise 140 Mrd. Euro. Und wir stellen fest: So viel ist gar nicht passiert. In Sachen Unternehmenswert hat Volkswagen „nur“ gut zehn Prozent eingebüßt durch eine Affäre, die das Unternehmen in seinen Grundfesten erschüttert. Das ist insofern wichtig, als dass die Dieselgate-Affäre auch die Kreditwürdigkeit verschlechtert und Refinanzierungskosten der Verbindlichkeiten erhöhen wird. Auch ein weiteres Abrutschen des Kurses sollte nicht falsch verstanden werden: Selbst bei einem Aktienkurs von nur noch 10 Euro betrüge der Unternehmenswert noch einen hohen zweistelligen Milliardenbetrag.

Volkswagen Vz Aktie

Volkswagen Vz Aktie Chart
Kursanbieter: L&S RT