SparenFondsstatistik widerlegt 3 Mythen über die Geldanlage in Deutschland

Symbolbild GeldanlageIMAGO / Westend61

Die Deutschen gelten noch immer als finanziell ungebildete „Sparbuch“-Sparer. Doch mit dieser Einschätzung ist es wie mit vielen Mythen: Sie hatten einmal einen wahren Kern, doch die Welt hat sich weitergedreht, nur der Mythos hält sich halt irgendwie. Das gilt auch für die Geldanlage hierzulande. Neben dem „Sparbuch“ setzen die Menschen in Deutschland immer mehr auf die Geldanlage am Kapitalmarkt. Und das tun sie, in dem sie mehr Aktien kaufen, dafür günstige ETF nutzen und das Ganze auch noch verstärkt nachhaltig anpacken. Diese drei Trends lassen sich jedenfalls aus der aktuellen Statistik des Fondsverbandes BVI lesen, die am Dienstag vorgestellt wurde.

Mythos 1: Deutsche sind Sparbuch-Sparer

Eine Bemerkung vorab: Auch wenn das „Sparbuch“, heute in der Regel ein Tagesgeldkonto, keine Zinsen abwirft und real das Geld wegen der Inflation sogar an Kaufkraft verliert, die Grundlage jeder Geldanlage sollte das Bankguthaben sein. Es ist täglich verfügbar und behält nominal seinen Wert. Für Notsituationen oder größere Anschaffungen ist es also genau das Richtige und sollte einen größeren Batzen Geld umfassen als die vielfach zitierten drei Netto-Monatsgehälter. Diese Regel geht noch auf Zeiten zurück, als man Bankguthaben als Terminkonten und hohen Zinsen halten konnte.

Wie schaut es nun bei den Anlegern in Deutschland aus? Werden aus den Sparern, die ihre Euro auf die hohe Kante legen, nun also Anleger, die etwas Rendite mitnehmen wollen? Offenbar ja, denn selbst im Krisenjahr 2020 erlebten offene Publikumsfonds in Deutschland in der Summe deutliche Zuflüsse. Das sogenannte Netto-Mittelaufkommen betrug im vergangenen Jahr 43 Mrd. Euro nach nur 17 Mrd. Euro im Jahr 2019. In den offenen Publikumsfonds, typischerweise Aktien-, Renten- und Mischfonds, waren zum Jahresende 1,18 Billionen Euro investiert. Zehn Jahre zuvor waren es nur 710 Mrd. Euro. Offenbar gibt es außer Sparbuch- also auch Fondssparer. Immerhin rund zehn Millionen Menschen hierzulande legen nach BVI-Schätzungen inzwischen regelmäßig mit Sparplänen an.

Bemerkenswert ist die Zusammensetzung der Zuflüsse, das führt zu Mythos 2.

Mythos 2: Deutsche kaufen keine Aktien

Naja gut, diese jungen Leute, die mit Tradingsapps rumzocken, das ist doch keine Aktienkultur. Auch so ein Mythos, genauso wie der: Deutsche legen nicht in Aktien an. „Den Fondsabsatz führen Aktienfonds an“, sagt BVI-Präsident Alexander Schindler, im Hauptberuf Vorstandsmitglied bei Union Investment. Das zeigt die Statistik zum Netto-Mittelaufkommen. Die reinen Aktienfonds, die sich an Privatanleger wenden, haben 2020 in Deutschland netto 20,9 Mrd. Euro an frischem Geld eingesammelt. Im Jahr zuvor waren es nur 4,5 Mrd. Euro. Nach einem starken Abfluss im ersten Quartal kamen die Anleger schnell zurück, in allen drei folgenden Quartalen floss den Aktienfonds wieder netto Geld zu. In Mischfonds, lange Zeit der große Wachstumstreiber im Fondsgeschäft, stagnierte dagegen der Zufluss bei gut 10 Mrd. Euro. Verlangsamt wuchs auch das Geschäft mit offenen Immobilienfonds, hier sank das Netto-Mittelaufkommen auf 8,3 von 10,6 Mrd. Euro.

Doch die Deutschen wären nicht die Deutschen, wenn sie Aktienanlage nicht zunehmend preisbewusst angehen würden: Von den 43 Mrd. Euro Nettozuflüssen entfiel rund ein Drittel auf passive Fonds. Bei Aktien ziehen diese günstigen ETF bereits die Hälfte des Mittelaufkommens auf sich. Bei Anleihefonds, auch Rentenfonds genannt, gab es unter dem Strich sogar Abflüsse aus teuren aktiven und Zuflüsse in günstige passive Fonds.

Mythos 3: Niemand will nachhaltig anlegen

Die deutschen Privatanleger haben in Sachen Nachhaltigkeit längst ein klares Votum abgegeben: Sie wollen, dass ihr Geld nach ökologischen und sozialen Kriterien sowie den Regeln guter Unternehmensführung angelegt wird – jedenfalls ein sehr großer Teil von ihnen. Rund die Hälfte des Netto-Mittelaufkommens entfällt laut BVI inzwischen auf nachhaltige Geldanlagen. Das Jahr 2021 wird nun zeigen, ob mit einem Anteil von 48 Prozent wie in 2020 und 2019 die Decke erreicht ist oder ob sich der Trend zum steigenden Anteil aus den Vorjahren fortsetzt. 2017 wurden erst 6 Prozent und 2018 dann 16 Prozent des neuen Geldes nach ESG-Kriterien angelegt. Einen Boost könnte das Thema in der zweiten Jahreshälfte bekommen, wenn Anlageberater verpflichtet sind abzufragen, ob es eine Präferenz für ESG bei der Anlage gibt.

Die Trends zu günstigen ETF und zu nachhaltigen Produkten dürften sich sicher fortsetzen. Den Aktien-Crash vor rund einem Jahr haben sie ausgesessen. „Die Privatanleger blieben erstaunlich gelassen, die staatlichen Maßnahmen nahmen ihnen die Angst“, blickt Schindler zurück. Ob dies beim nächsten Mal wieder so ist, muss sich erst noch zeigen.

 


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