Interview„EY hat Testate erteilt, die nicht zu rechtfertigen sind“

Eingang zum Wirecard-Firmensitz in Aschheim bei München
Eingang zum Wirecard-Firmensitz in Aschheim bei Münchenimago images / Sven Simon


Peter Mattil von der Kanzlei Mattil ist Fachanwalt für Bank- und Kapitalmarktrecht


Capital: Welche Ansprüche können Anleger jetzt geltend machen?

PETER MATTIL: Man muss dabei unterscheiden: Es gibt die Wirecard AG, die börsennotiert ist, und es gibt die Wirecard Bank AG, die sich um das operative Geschäft kümmert. Die Wirecard AG steht also ähnlich wie eine Holding über der Wirecard, dort sind allerdings die Aktionäre beteiligt. Ein Aktionär ist prinzipiell kein Gläubiger, Verluste kann er daher in einem Insolvenzverfahren nicht als Gläubiger anmelden. Wenn er allerdings aufgrund von Betrug Ansprüche auf Schadensersatz stellt, kann er diese Forderung anmelden. Das, was an Vermögen da ist, wird dann auf alle Gläubiger verteilt, dazu gehören unter anderem mehrere Banken. Dabei sind alle Gläubiger gleichrangig.

Auch die Anleger?

Wenn es einen Anspruch auf Schadensersatz gibt, dann sind auch die Anleger gleichrangig zu den anderen Gläubigern. Der Schadensersatzanspruch muss natürlich erst bewiesen werden. Der Kläger muss in seiner Klage deutlich machen, was wurde falsch gemacht – und warum ist deswegen ein Schaden für Anleger entstanden, die Aktien gekauft haben.

Im Hinblick auf Schadensersatzansprüche nehmen viele Kanzleien auch weitere Akteure ins Visier. Gegen wen macht Ihre Kanzlei Ansprüche geltend?

Neben der Insolvenz der Wirecard AG machen wir Ansprüche gegen verschiedene Personen geltend. Dazu zählt natürlich der Vorstand, aber auch der Aufsichtsrat. Denn der Aufsichtsrat hat die Pflicht, die Vorgänge im Unternehmen gründlich zu überprüfen und zu kontrollieren. Er steht damit in der Haftung. Das gilt auch für den Wirtschaftsprüfer EY. Dort wurde Ende April 2019, ein uneingeschränktes Testat für 2018 erteilt. Zu diesem Zeitpunkt haben Medien schon von Vorwürfen der Bilanzfälschung und Scheinberichten berichtet. Ein Wirtschaftsprüfer ist verpflichtet in diesem Fall, den Vorstand zu befragen und in solchen Fällen tiefgründig zu ermitteln. Wenn er das nicht tut, hat er einen Prüfungsfehler begangen. Das ist eine Pflichtverletzung, die auch zu einem Schadensersatzanspruch der Anleger führt. Wir prüfen auch Ansprüche gegen die Ratingagentur Moody’s, die der Wirecard AG noch bis Juni 2020 ein gutes Rating (Baa3) erteilt hat.

Das heißt EY hätte nach den Medienberichten genauer prüfen müssen?

Ein Wirtschaftsprüfer hat wahnsinnig weite Pflichten. Das besagt schon der Name „Prüfer“. Diese Pflichten sind im Handelsgesetzbuch klar geregelt. Selbst wenn der Prüfer also zum Beispiel den Vorstand mit Vorwürfen aus den Medien konfrontiert und ausweichende Antworten erhält, reicht das nicht aus. Stattdessen muss er konkrete Nachfragen stellen und sich die betreffenden Vorgänge genau erklären lassen – im Prinzip wie ein Journalist. EY steht also sehr stark in der Haftung, vor allem weil die Vorwürfe gegen Wirecard nicht erst 2019 aufgetaucht sind. Das gilt natürlich auch für Moody’s.

Sollte man sich deshalb mit seinen Schadensersatzansprüchen nur auf EY als finanziell besser gestellten Akteur konzentrieren?

Wenn man Ansprüche gegen verschiedene Stellen hat, sollte man sie auch verfolgen. EY ist natürlich ein Milliardenunternehmen, aber wir werden auch die Ansprüche in der Insolvenz sowie gegen Ex-Wirecard-CEO Markus Braun und den Aufsichtsrat geltend machen, um keinen Formfehler zu begehen. Außerdem, so klar ist die finanzielle Situation bei Wirecard noch nicht. Der Vorstand hat rechtzeitig ein großes Aktienpaket verkauft, er müsste also allein deswegen Vermögen besitzen. Über die Aufsichtsräte ist bislang unklar, wie vermögend sie sind. Das ist bei jedem Mitglied zu prüfen. Außerdem wäre es auch möglich, dass man gegen EY vor Gericht nicht durchkäme. Bei langer Prozessdauer könnten die Ansprüche gegen die Wirecard AG, den Vorstand und den Aufsichtsrat dann verjährt sein.

Können eigentlich auch Ansprüche gegen die Bafin als Finanzaufsicht geltend gemacht werden?

In jeder Insolvenz der letzten Jahrzehnte gab es Kanzleien, die angekündigt haben, dass sie die Bafin verklagen würden. Das ist aber nicht möglich. Selbst wenn die Bafin Pflichtverletzungen begangen hat, haftet sie nicht. In Paragraf 4, Absatz 4 im Finanzdienstleistungsaufsichtsgesetz steht, dass die Bafin nur im öffentlichen Interesse handelt. Das bedeutet, sie haftet nicht gegenüber Anlegern. Das ist sowohl vom Bundesgerichtshof als auch vom europäischen Gerichtshof bestätigt.

Wie bewerten Sie aktuell die Chancen für Schadensersatzansprüche?

Die Schadensersatzansprüche der Aktionäre gegen die Wirecard AG kann man auf jeden Fall begründen. Dabei handelt es sich nicht nur um die Ad-hoc-Pflichtverletzungen, sondern unter anderem auch um Betrug. Gegen EY gibt es diese Ansprüche auch, da dort zu einem Zeitpunkt Testate erteilt wurden, die nicht zu rechtfertigen sind.

Können auch Anleger aus dem Ausland Schadensersatzansprüche gegen Wirecard stellen?

Natürlich! Ausländische Anleger müssen natürlich schauen, an welchem Gericht sie klagen und nach welchem Recht. Im Fall der Wirecard AG wird also nach deutschem Recht und in München geklagt, weil die AG hier ihren Sitz hat.

Wie geht es denn jetzt weiter?

Als nächstes wird ein Gutachten erstellt, das zu zwei Schlüssen kommen kann. Der erste lautet, dass es bei der Wirecard AG Vermögen gibt und ein Insolvenzverfahren zu empfehlen ist. Daraufhin wird dann ein Insolvenzverfahren eröffnet und das Vermögen der Gesellschaft wird an die Gläubiger verteilt. Das Verfahren dürfte aber Jahre dauern. Der zweite ist, dass die Wirecard AG kein Vermögen hat. Dann spricht man von einer Einstellung mangels Masse. Dieses Gutachten ist in Auftrag gegeben. Zu welchem Ergebnis es kommt bleibt abzuwarten. Allerdings ist die Wirecard AG Besitzer der Wirecard Bank, daher ist mit einem Vermögen zu rechnen.

Mit wie viel Jahren wäre bei einem Insolvenzverfahren denn zu rechnen?

Das hängt vom Fall ab, unter zehn Jahren ist so ein Verfahren aber selten.

 


Kennen Sie schon unseren Newsletter „Die Woche“? Jeden Freitag in ihrem Postfach – wenn Sie wollen. Hier können Sie sich anmelden