VG-Wort Pixel

Peter Seppelfricke Energiekrise: Die besten Aktien für die kommende Rezession

Anzeigetafel von Aktien Pharma und Healthcare im Handelssaal der Deutschen Börse
Pharma-Aktien könnten der Rezession trotzen: Die Konzerne verfügen über eine große Preissetzungsmacht
© IMAGO / STPP
Der perfekte Inflationssturm baut sich auf und würgt die Konjunktur rapide ab. Anleger sollten ihre Anlagestrategien bald anpassen.

Angesichts der explodierenden Strom- und Gaspreise ist eine Rezession noch in diesem Jahr unausweichlich. Nach der Ankündigung von Gazprom, die Gaslieferungen über Nord Stream 1 erneut für einige Tage zu unterbrechen, liegen die Strom- und Gaspreise nun um etwa 500 Prozent (!) Über ihren Vorjahreswerten. Energieversorger und Stadtwerke haben diese Preisexplosionen jedoch noch kaum an ihre Kunden weitergegeben. Ein Großteil im Einkauf der Versorger (ca. 80 Prozent) ist durch langfristige Verträge gedeckt, sobald neue Verträge jedoch auf aktuelle Preise umgestellt werden, müssen auch die Vorauszahlung für Kunden entsprechen deutlich angehoben werden. Im Warenkorb für die Berechnung des Verbraucherpreisindex (bzw. Consumption Price Index CPI), auf dem die Berechnung der Inflationsrate beruht, haben sich die Strom- und Gaspreise folglich bislang nur um etwa 20 Prozent bzw. um 50 Prozent gegenüber Juli 2021 verteuert. Den größten Teil der Preissteigerungen haben die Verbraucher deshalb noch gar nicht zu spüren bekommen. Konsequenz: Anhaltend hohe Energiepreise werden nachhaltig (!) zu sehr hohen Inflationsraten führen.

Peter Seppelfricke lehrt Finanzwirtschaft an der Hochschule Osnabrück. Er ist zugleich Gründer und Geschäftsführer der Value Investor Research GmbH
Peter Seppelfricke lehrt Finanzwirtschaft an der Hochschule Osnabrück. Er ist zugleich Gründer und Geschäftsführer der Value Investor Research GmbH
© PR

Der Inflationsgeist ist nun aus der Flasche und lässt sich kaum mehr einfangen. Viele Menschen werden bald realisieren, dass es sich bei den aktuellen Turbulenzen nicht nur um kurzfristige Preisschocks handelt, die man mit einer einmaligen Gasumlage ausbügeln kann. Die Verankerung von deutlich höheren Inflationserwartungen (siehe Abbildung) wird auf breiter Front eine Cost-Push-Inflation anstoßen. Schon jetzt fordert die IG Metall in der aktuellen Tarifrunde acht Prozent mehr Lohn, andere Gewerkschaften dürften bald ähnliche Ansprüche stellen. Dabei werden demografische Entwicklungen (Babyboomer gehen nun sukzessive in Rente und verstärken den Facharbeitermangel, stagnierende Frauenerwerbsquote) den Gewerkschaften in den kommenden Tarifrunden mehr und mehr Verhandlungsmacht verleihen. Löhne und Preise dürften sich deshalb noch länger aufschaukeln (Lohn-Preis-Spirale), als es vielen Marktteilnehmern lieb ist.

Aber nicht nur die Löhne, sondern jegliche Kosten der Unternehmen werden über kurz oder lang unter Druck geraten. Letztlich werden alle Produzenten und Anbieter von Vorleistungen versuchen, ihre gestiegenen Kosten auf ihre B2B-Kunden abzuwälzen. So dürften insbesondere die Kaltmieten bald deutlich anziehen, da viele Verträge eine Anhebung im Rahmen der Inflation vorsehen. Nicht zuletzt wird eine Cost-Push-Inflation auch dadurch befeuert, dass viele deutsche Unternehmen aufgrund zahlreicher Störungen von Lieferketten gezwungen sind, ihre Produktionen ins teurere Heimatland zu verlagern. Man fühlt sich aktuell an die treffliche Aussage vom früheren Bundesbankpräsidenten Karl Otto Pöhl erinnert, der einmal gesagt hat: „Inflation ist wie Zahnpasta. Ist sie erst mal heraus aus der Tube, bekommt man sie kaum mehr rein.“ Im Gegensatz zu damals muss man allerdings befürchten, dass die EZB sich deutlich weniger Mühe geben wird, die vergossene Zahnpasta einzusammeln beziehungsweise die Inflation konsequent zu bekämpfen.

Die Regierung muss handeln

Eine nachhaltig hohe Inflation ist Gift für die Konjunktur. Wenn ein typischer Haushalt einige tausend Euro mehr für Energie und Strom aufbringen muss, bleibt schlicht weniger Geld für den Konsum anderer Güter. Der massive Verlust an Kaufkraft wird viele Haushalte dazu veranlassen, dauerhaft mehr zu sparen und Unternehmen werden geplante Investitionen eher zurückstellen. Eine „Whatever-it-takes“-Mentalität bei den Regierenden, um eine Versorgung von privaten Haushalten und Industrie mit Energie und Strom zu gewährleisten, vermisst man schmerzlich. Die Regierung weigert sich beharrlich, durch den Bau von Kernkraftwerken oder durch heimisches Fracking das Angebot an Energie auszuweiten.

So erhöht man die Wahrscheinlichkeit einer Energieknappheit in den kommenden Jahren, macht sich unverändert abhängig vom Ausland und auch dem Klima ist es abträglich – es muss verstärkt Kohle verfeuert oder Fracking-Gas aus Amerika importiert werden. Die Krisenkommunikation kann auch nicht überzeugen: Das Einschwören auf schlechtere Zeiten oder Empfehlungen für die verstärkte Verwendung von Waschlappen verfestigt den Pessimismus in der Bevölkerung. In der Folge erhöht sich die Sparneigung beziehungsweise sinkt die Investitionsneigung und diese Kommunikation mündet in eine selbsterfüllende Prophezeiung.

Das Szenario in den kommenden Jahren wird deshalb stark an die Stagflation in den 70er-Jahren erinnern, als der Ölpreisschock zu sehr hohen Inflationsraten und einer scharfen Rezession führte. Anleger sollten sich auf dieses Szenario gewissenhaft vorbereiten. Aktien sind Sachwerte und bieten grundsätzlich einen guten Schutz vor Inflation, sie bleiben angesichts historisch niedriger Realzinsen immer noch alternativlos. Mehr denn je sollte man aber Qualitätsaktien mit einer sehr guten Bonität bevorzugen. Hohe Eigenkapitalquoten können einige Verlustjahre abpuffern und niedrige Verschuldungsgrade machen weniger anfällig für absehbare Zinssteigerungen. Unternehmen, die Grundbedürfnisse befriedigen (z.B. Nahrungsmittelkonzerne wie Nestlé oder Getränkeproduzenten wie Coca-Cola) weisen auch in Krisen vergleichsweise stabile Umsätze auf. Auch Unternehmen, die aufgrund von Verträgen über einen beständigen Kundenstamm verfügen, wie etwa die Deutsche Telekom oder Versicherungen wie Allianz oder Hannoversche Rück müssen weniger Umsatzeinbußen befürchten.

Diese Aktien sind für die Krise geeignet

Besonders attraktiv sind Unternehmen, bei denen der Absatz vergleichsweise stabil bleibt und die über viel Preissetzungsmacht verfügen: Je leichter Unternehmen Preissteigerungen im Einkauf an ihre Kunden weiterreichen können, desto weniger werden ihre Ergebnismargen und Gewinne einbüßen. Die folgenden Branchen sollten besonders resilient in der Krise sein:

  • Pharma-Konzerne: Unternehmen wie Pfizer, Roche oder AstraZeneca verfügen über eine sehr hohe Preissetzungsmacht. Aufgrund von hohen Aufwendungen für Forschung und Entwicklung bei einzelnen Medikamenten sind diese Unternehmen vor unliebsamer Konkurrenz geschützt und können die Preise den Kunden regelmäßig diktieren.
  • Technologieunternehmen: Internetkonzerne wie Alphabet, Apple oder Facebook können sich mithilfe von Wechselkosten oder Netzwerkeffekten vom Wettbewerb abkoppeln. Die zahlreichen loyalen Kunden agieren wenig preissensitiv, Preissteigerungen lassen sich problemlos durchsetzen.
  • Software-Konzerne: Die Produkte von Unternehmen wie SAP oder Oracle sind häufig sehr individuell auf Kunden zugeschnitten und lassen sich nur schwerlich ersetzen. Kunden können bei Preisanhebungen deshalb kaum auf alternative Anbieter ausweichen.
  • Immobilienunternehmen: Immobilien sind Sachwerte und die Unternehmen können recht gut steigende Inflationsraten in steigende Mieten umsetzen. Allerdings sind viele dieser Unternehmen hochverschuldet und reagieren sehr sensibel auf Zinssteigerungen. Real-Estate-Investment-Trusts (REITs) wie Hamborner, bei denen der Gesetzgeber die Verschuldung begrenzt, sind folglich solider und erscheinen attraktiver.

Die Produzenten von langlebigen Konsumgütern (z.B. von Autos oder Möbeln) oder von Investitionsgütern (z.B. Maschinenbau) dürften es dagegen in den kommenden Jahren schwer haben. Derartige umfangreiche Anschaffungen werden erfahrungsgemäß in Krisen häufig zurückgestellt. Auch bei den energieintensiven Unternehmen aus den Bereichen Stahl, Papier, Chemie oder Zement drohen zahlreiche Unwägbarkeiten.

Man muss jedoch betonen, dass eine reine Branchenbetrachtung häufig zu kurz greift – die Geschäftsmodelle müssen häufig eingehender analysiert werden und auch die aktuellen Bewertungen sollten in Betracht gezogen werden. So dürfte sich ein Maschinenbauer wie Krones, mit dessen Abfüllanlagen ein Grundbedürfnis befriedigt wird, auch in dieser Krise gut behaupten und sogar enorm von der aktuellen Abwertung des Euro profitieren. Viele Technologieunternehmen erscheinen trotz ihrer guten Perspektiven immer noch recht teuer, während es bei den Automobilproduzenten eher so aussieht, dass die Risiken schon übermäßig in den Kursen eingepreist wurden. Bei den REITs kommen dagegen stabile Geschäftsmodelle und günstige Bewertungen zusammen.

Erwartungen von Privatpersonen zur Inflationsentwicklung (10 Jahre in Prozent); Quelle: Deutsche Bundesbank, Online-Panel-Haushalte. Frage: Was denken Sie, welchen Wert wird die Inflation in den kommenden 10 Jahren im Durchschnitt annehmen.  
Erwartungen von Privatpersonen zur Inflationsentwicklung (10 Jahre in Prozent); Quelle: Deutsche Bundesbank, Online-Panel-Haushalte. Frage: Was denken Sie, welchen Wert wird die Inflation in den kommenden 10 Jahren im Durchschnitt annehmen.  
© Peter Seppelfricke

Mehr zum Thema

Neueste Artikel