AktienmarktEin Narr, wer jetzt aussteigt

Professor Robert Merton, Wirtschaftsnobelpreisträger: Rückzug vom Aktienmarkt ist ein
Professor Robert Merton, Wirtschaftsnobelpreisträger: Rückzug vom Aktienmarkt ist ein "närrisches Unterfangen"Getty Images

Von Nobelpreisträgern sollte man annehmen, dass sie etwas cleverer sind als andere Menschen. Zumindest aber kennen sie sich in ihrem Metier offenbar verdammt gut aus, sonst hätten sie diese Meriten ja vermutlich nicht bekommen. Umso erstaunlicher daher, dass es sehr viele Menschen gerade unter den Börsenteilnehmern gibt, die denken, sie seien schlauer als etliche Nobelpreisträger.

Jene nämlich, die angesichts der gestiegenen Börsenkurse und neuen Höchststände sagen, es sei nun langsam an der Zeit, vorsichtiger zu werden und sich aus dem Markt zurückzuziehen. Denn es sei ja wohl besser, rechtzeitig den Absprung zu schaffen, bevor der große Absturz kommt und bevor sich der Aufschwung ins Gegenteil verkehrt. Der nächste Crash kommt nämlich ganz bestimmt. Dem letzten Satz kann man – so leid es mir an dieser Stelle tut – nicht widersprechen. Natürlich wird es einen Absturz geben. Diese Erkenntnis ist aber noch lange nicht nobelpreisverdächtig.

Denn der nächste Crash ist ungefähr so sicher wie das Amen in der Kirche oder das Ende des Lebens – beides kommt ganz sicher, aber eben nur irgendwann. Und ganz sicher nicht, wenn wir es am ehesten erwarten. Von daher ist die Idee, dass man sich mit einem rechtzeitigen Rückzug vom Aktienmarkt davor schützen könnte, einen bösen Absturz mitzuerleben nichts anderes als ein „närrisches Unterfangen“, so nannte es auch der Nobelpreisträger und Ökonom Robert Merton. Wer glaubt, er schaffe es durch das richtige Timing, sich vor Verlusten zu bewahren und nur die Gewinne einzuheimsen, der erliegt einem fatalen Irrtum. Genau deswegen sollte er aber unbedingt weiterlesen.

Rückzug vom Aktienmarkt? Schlechte Idee.

Denn tatsächlich glauben etliche Anleger – selbst Großinvestoren -, dass sie genau dieses närrische Treiben jetzt in Angriff nehmen müssten: Es sei extrem wichtig, das Depot jetzt umzustrukturieren, verkündete jüngst ein altgedienter Fondsmanager und prahlte mit seinen 30 Jahren Berufserfahrung, um seine Seriosität zu untermauern. Für den Ausstieg aus den Aktien sei es angesichts des Dax-Stands von mehr als 13.000 Prunkten höchste Zeit, mahnte ein anderer. Die Blase am Aktienmarkt sei nunmehr offensichtlich, befand zudem die Mehrzahl von 400 Befragten in Finanzunternehmen jüngst in einer Umfrage. Da sei es doch klar, dass demnächst die Luft aus dem Markt entweiche.

Es scheint, als habe sich das schon unter den Privatanlegern herumgesprochen. Die deutschen Sparer jedenfalls zogen sich zuletzt schon massenhaft aus Aktienfonds zurück. Insgesamt 1,7 Milliarden Euro flossen netto aus diesen Anlagevehikeln ab. Auch von den 48 Milliarden an Neumitteln, die der Fondsbranche in diesem Jahr zuströmten, landeten nur magere 8,5 Milliarden in Aktientöpfen. Der weit überwiegende Großteil dagegen floss in andere Anlageformen wie Mischfonds (sie sammelten rund die Hälfte des Geldes ein) und Rentenfonds (die immerhin 16 Milliarden neues Anlegerkapital aufsaugten) – ausgerechnet. Obwohl die gesamte Anlageszene doch seit Jahren jammert, wie wenig Zinsen solche Anleihen doch abwerfen.

Mit Rentenfonds zur Rendite von Nullkommairgendwas

Die Wertentwicklungen der jüngsten und mittleren Vergangenheit können es nicht sein, die Anleger zu dieser Investmentidee verleitet haben. Denn üblicherweise investieren Privatsparer ja genau dann in eine Anlage, nachdem sie einige Zeit gut gelaufen ist. Das ist der Fondsranking-Effekt: Erzielt ein Fonds eine Weile lang gute Gewinne, dann taucht er auf den Listen der Fondsrankings ganz oben auf. Und wird prompt massenhaft in die Depots gelegt. Oft sind solche guten Performance-Zeiten jedoch nur statistische Ausreißer, also pures Glück, das dem Fondsmanager aber nicht ewig hold ist. Schon in der Folgezeit werden die Fonds oft schlechter und ihre Renditen mauer.

Selten jedenfalls sind die Gewinner der vergangenen Jahre auch diejenigen, die in den kommenden Jahren die Top-Listen anführen. Rentenfonds sind aber nicht einmal das: Europäische Anleihenfonds kamen nach Auswertungen von Ratingagenturen im Schnitt auf Renditen, bei denen auf Jahressicht eine Eins vor dem Komma steht und auf Dreijahressicht sogar eine Null. Nullkommairgendwas Prozent, so hoch war der Vermögenszuwachs, wenn man 2014 in Rentenfonds investierte.