Aktien Die unheimliche Erholung der russischen Börse – und der Westen spekuliert mit

Die Börse in Moskau öffnet schrittweise wieder – aber noch nicht für internationale Investoren
Die Börse in Moskau öffnet schrittweise wieder – aber noch nicht für internationale Investoren
© Getty Images
Seit die russische Börse wieder eröffnet hat, steigen die Kurse. Der Leitindex MOEX zeigt sich vom Krieg in der Ukraine und dem drohenden Energieembargo des Westens unbeeindruckt. Wie kann das sein? Und wie verhalten sich Anleger jetzt?

Schrittweise öffnet Putin die Börse in Moskau wieder. Zwischenzeitlich war der Handel ausgesetzt. Am 24. März, genau einen Monat nach dem Einmarsch russischer Soldaten in die Ukraine, konnten russische Investoren rund 33 Titel innerhalb einer verkürzten Öffnungszeit am Vormittagg wieder handeln. Inzwischen läuft der Handel wieder normal. Am heutigen Freitag sollte sich die Börse wieder für internationale Anleger öffnen, hieß es ursprünglich.  

Doch das hat Putin nicht gewagt. Erst einmal werden die Geschäfte ausgeführt, die private aber vor allem institutionelle Anleger vor dem Börsenschluss am 24. Februar eingetütet aber noch nicht vollzogen haben. So ein Settlement dauert in der Regel zwei Tage. Eine Kursbewegungen resultiere daraus aber nicht, sagt Martin Hrdina, Leiter des Schwellenländer-Aktienteams und Fondsmanager bei Deka Investment: „Die Börse ist ja noch nicht handelbar, neue Geschäfte kommen nicht zustande.“

Vielmehr kann die Börse den in den vergangenen Tagen eingeschlagenen Pfad weitergehen und sich freundlich zeigen. Allein am gestrigen Donnerstag drehte der Leitindex MOEX, in dem die 50 größten und liquidesten Unternehmen des Landes gelistet sind, bis zum Nachmittag fünf Prozent ins Plus. Wie kann das sein?

Mit zwei Drittel liegt eine hohe Quote der russischen Aktien in den Händen heimischer Investoren, erläutert Hrdina. „In Krisensituationen zeigt sich in Schwellenländern bei geschlossenen monetären Kreisläufen oft folgendes Phänomen: Weil die Menschen ihr Geld nicht in Gold oder Dollar tauschen können, die Währung aber in Anbetracht einer hohen Inflation verfällt, investieren sie ihr Geld in Aktien zur Wertsicherung“, sagt der Schwellenländerexperte. Doch das ist nur ein Aspekt der positiven Bewegung.

Zugleich hat die russische Zentralbank angekündigt, den Aktienmarkt notfalls mit Milliarden stützen zu wollen. Zudem dürften die Unternehmen sowie der Staatsfonds selbst dazu beitragen: „Der Zeitpunkt ist historisch günstig, um Aktien zurückzukaufen“, sagt Sebastian Kahlfeld, Fondsmanager und Russlandexperte beim Fondshaus DWS. Das alles hilft den Kursen.

Der Westen zockt mit

Die US-Regierung hat den russischen Börsenmarkt genau wegen dieser technischen Unterstützung als „Scharade“ bezeichnet. „Dies ist kein echter Markt und kein nachhaltiges Modell, was die Isolation Russlands vom globalen Finanzsystem nur noch unterstreicht“, sagte der stellvertretende nationale Sicherheitsberater Daleep Singh.

Aber es scheint auch so zu sein, dass selbst westliche Investoren nicht gänzlich die Finger von russischen Unternehmen lassen können. Denn auch sie dürften versucht sein, gerade jetzt günstig einzusteigen. Die russischen Firmen sind traditionell kaum verschuldet. Weil vor allem die Rohstoffexporteure zwar Dollar und Euro einnehmen, aber zu günstigen Rubel-Kursen im Heimatmarkt produzieren, schwimmen sie in Geld. Und das gibt Raum für enorme Dividendenzahlungen.

Aus Finanzkreisen heißt es, dass deshalb der Handel zwischen den Investoren – also ohne eine Börse als Vermittler dazwischen – blüht. Während einige Häuser ihre Positionen schnell abbauen wollen, spekulierten vor allem Anleger aus dem angelsächsischen Raum auf sich vervielfachende Aktienkurse. Für regulierte große Anbieter kommt so ein Geschäft nicht in Frage. Doch Hedgefonds oder vermögende Privatanleger, die solch einen Deal selbst durchziehen können, sollen demnach an Aktien kaufen, was sie bekommen können.

Die regulierten Häuser hingegen sind derzeit – genauso wie Privatanleger – zum Nichtstun verdammt. Kurzfristig rechnen die Kapitalmarktexperten nämlich nicht mit einer vollständigen Öffnung des russischen Aktienmarkts, internationale Investoren werden . Zum einen, weil in dem Moment alle Anbieter von passiven Fonds, wie Blackrock oder Vanguard, ihre Russlands-Investments dramatisch reduzieren müssten.

Der Grund: Indexdienstleister wie MSCI haben russische Aktien aus ihren Listen gestrichen. Alle ETF müssen deshalb schnellstmöglich daran angepasst werden. „Wenn der Handel möglich ist, dürften die Kurse noch einmal kurzfristig kräftig nachgeben“, sagt Hrdina von Deka Investment. Zuvor jedoch müsse geklärt werden, ob die Aktien überhaupt verkauft werden können, meint DWS-Fondsmanager Kahlfeld. „Wenn man dafür nur Rubel bekommt und die nicht tauschen kann, stellt sich die Frage, ob sich ein Verkauf lohnt. “

Doch das Nichtstun ist vielleicht gar nicht das schlechteste. „Nur noch raus, egal um welchen Preis, kann eine teure Angelegenheit sein“, meint Kahlfeld. Und vielleicht hat Russland ja noch eine Zukunft, in der sich das Umfeld für internationale Anleger wieder verbessert.


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