Interview„Der Begriff Nebenwerte ist diskriminierend“

Seit mehr als 15 Jahren analysiert Götz Albert kleine und mittelständische Unternehmen in Europa. Sie sind für ihn das Rückgrat der Volkswirtschaft
Seit mehr als 15 Jahren analysiert Götz Albert kleine und mittelständische Unternehmen in Europa. Sie sind für ihn das Rückgrat der VolkswirtschaftLêmrich


Götz Albert, 53, Seit 2019 sitzt der Experte für europäische Mittelständler als Chefanlagestratege bei Lupus alpha im Vorstand. Die Fondsgesellschaft hat sich einen Namen für spezielle Investments gemacht und verwaltet mehr als 11 Mrd. Euro. Mit Erfolg: Im Capital-Fonds-Kompass belegt das Unternehmen regelmäßig einen Top-Platz.


Capital:An den Börsen geht die Angst vor einer globalen Rezession um. Nebenwerten sagt man nach, sie hingen weniger an der Konjunktur. Ist das wirklich so?

GÖTZ ALBERT: Nebenwerte per se sind nicht weniger konjunktursensibel. Aber angesichts eines Universums von circa 1000 investierbaren Nebenwerten in Europa hat man einfach mehr Aktien zur Auswahl, die weniger stark von konjunkturellen Abschwüngen betroffen sind. Natürlich sind da auch einige Werte dabei, die besonders konjunktursensibel sind wie zum Beispiel die Automobilzulieferer. Deshalb sollte man sich jedes Unternehmen und jede Branche einzeln anschauen.

In der Aktienwelt wird zwischen Standard- und Nebenwerten unterschieden. Macht diese Abgrenzung eigentlich Sinn?

Um es mal plakativ zu sagen: Der Begriff Nebenwerte ist in meinen Augen diskriminierend. Schließlich wird damit suggeriert, dass es hier um eine kleine Nebensache geht. Die Realität sieht doch ganz anders aus. Als Anleger sollte man immer den Zugang zur vollen Breite und Tiefe einer Volkswirtschaft suchen. Gerade mit Small und Mid Caps können Sie jedes Thema adressieren. Mit anderen Worten: Als Anleger brauchen Sie beides, und zwar in einer vernünftigen Mischung.

Welche Aufteilung zwischen Bluechips, Small und Mid Caps würden Sie einem Anleger empfehlen?

Wer Small und Mid Caps seinem Aktiendepot nur mit – sagen wir fünf Prozent – beimischt, wird den wirklichen Gegebenheiten in der Volkswirtschaft nicht gerecht. Ich würde eher sagen, dass 60 bis 70 Prozent bei Aktien für Large Caps und bis zu 30 Prozent für Small und Mid Caps eine vernünftige Mischung sind.

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Welche Sektoren zählen momentan zu Ihren Favoriten?

Bei Lupus alpha haben wir keinen Branchenansatz, wir denken nur in Einzelwerten. Denn auch in Branchen, die sich aktuell in Krisen befinden, gibt es interessante Kandidaten. Etwa zurzeit bei den Autozulieferern: Hier macht es ­einen großen Unterschied, ob ein Unternehmen nur auf Technologien für Verbrennungsmotoren spezialisiert ist oder ob es auch für alter­native Antriebskonzepte oder autonomes Fahren offen ist.

Auf welche Kriterien sollten Anleger bei Nebenwerten achten?

Wir schauen standardmäßig auf vier Dinge, die immer eine Rolle spielen. Zunächst muss das Geschäftsmodell des Unternehmens tragfähig sein. Zweitens kommt es entscheidend darauf an, ob das Management in der Lage ist, das Geschäftsmodell durch eine gute Strategie umzusetzen. Drittens muss die Marktstellung betrachtet werden: Wie steht das Unternehmen im Wettbewerb da? Dazu kommt, viertens, die reine Zahlenarbeit – also letztlich die Analyse der Bilanz und der Gewinn- und Verlustrechnung.

Weil Sie das Management erwähnen: Wie eng ist der Austausch mit den Vorständen?

Wir haben Jahr für Jahr circa 1000 persönliche Kontakte mit Vorständen. Beim Kennenlernen ist es für uns wichtig, das Unternehmen vor Ort zu besuchen – vor allem wenn wir uns im produzierenden Gewerbe bewegen. Mit einem Gespräch ist es aber nicht getan. Der Kontakt muss über Jahre gehalten werden. Es folgen viele weitere Gespräche, zum Beispiel nach Vorlage von Geschäftszahlen.