EZB Christine Lagarde, die Zinsbloggerin

EZB-Präsidentin Christine Lagarde hat angekündigt, den Leitzins um 50 Basispunkte anzuheben. Damit hat sie sich auch selbst unter Druck gesetzt
EZB-Präsidentin Christine Lagarde hat angekündigt, den Leitzins um 50 Basispunkte anzuheben. Damit hat sie sich auch selbst unter Druck gesetzt
© IMAGO/teamwork
Im Juli wird die EZB die Zinsen anheben – so hat es ihre Präsidentin Christine Lagarde per Blogpost verkündet. Das ist ungewöhnlich – und begrenzt die Möglichkeiten für eine noch deutlichere Straffung der Geldpolitik

Die Präsidentin der Europäischen Zentralbank, Christine Lagarde, scheint es sehr eilig gehabt zu haben. Sonst hätte sie geduldig bis zum 9. Juni warten und dann während ihrer routinemäßigen Pressekonferenz im Anschluss an die EZB-Ratssitzung eine Zinserhöhung im Juli ankündigen können. Die Französin entschied sich am Montag zu einem anderen Weg und postete auf der Website der Notenbank einen Blog-Beitrag. Der zeigt Eile in zweierlei Hinsicht: Kampf gegen die Inflation und den Willen, sich wieder an die Spitze der Debatte zu setzen.

Lagarde legt sich in ihrem Beitrag auf ein Ende der umstrittenen Anleihekäufe (Asset Purchase Programme, APP) zu Beginn des dritten Quartals und eine schnell darauffolgende Zinsanhebung mehr oder minder fest. Der Kernsatz ihres Blog-Beitrages lautet: „Ich gehe davon aus, dass die Nettokäufe im Rahmen des APP sehr früh im dritten Quartal enden werden. Dies würde uns eine Anhebung der Zinssätze auf unserer Sitzung im Juli ermöglichen, im Einklang mit unseren Prognosen. Ausgehend von den derzeitigen Aussichten werden wir wahrscheinlich in der Lage sein, die negativen Zinssätze bis zum Ende des dritten Quartals zu beenden.“

Anhebung um 25 Basispunkte im Juli

Konkret bedeutet dies, dass die EZB im Juli aufhören würde Anleihen am Markt zu kaufen und der Rat bei seiner Sitzung am 21. Juli die Leitzinsen um 25 Basispunkte anhebt. Bei der folgenden Sitzung am 8. September würde dann der nächste Schritt um 25 Basispunkte folgen. Damit wäre dann der Einlagensatz wieder bei null Prozent, aktuell liegt er noch bei minus 0,5 Prozent.

Folgen die Banken und Sparkassen ihren Worten, müssten sie also im September noch die „Verwahrentgelt“ genannten Negativzinsen auf Guthaben abschaffen. Wegen der Negativzinsen richtet sich der Blick stark auf den Einlagensatz, zu dem Kreditinstitute Geld über Nacht bei der Notenbank parken können. Bedeutender für die Kapitalmärkte ist aber der Hauptrefinanzierungsatz. Er ist der eigentliche Leitzins der Eurozone und liegt aktuell bei null Prozent. Würde er um zwei Schritte angehoben, läge der Leitzins Mitte September bei 0,5 Prozent.

Ratsmitglieder fordern stärkere Anhebung

Lagarde hat mit ihrem Blog-Beitrag de facto den Entscheidungen des Rates während der kommenden Sitzungen vorgegriffen. „Das wird nicht jedem im Rat schmecken“, kommentiert die „Börsen-Zeitung“. Schließlich hatten einige Ratsmitglieder wie der niederländische Notenbankpräsident Klaas Knot kürzlich eine Zinserhöhung um 50 statt 25 Basispunkte in Spiel gebracht, um ein deutliches Zeichen gegen die hohe Inflationsrate zu setzen. Und Bundesbank-Präsident Joachim Nagel hatte kürzlich öffentlich zu raschen Zinserhöhungen gedrängt. Medienberichten zufolge verärgern Lagardes Zins-Aussagen Ratsmitglieder, die sich die Option schnellerer Schritte vorenthalten wollen.

Mit dem Blogbeitrag hat Lagarde sich nun derart festgelegt, dass 50 Basispunkte Zinserhöhung im Juli ausgeschlossen sind – jedenfalls ohne dass sie ihr Gesicht verliert. Ebenso erscheint es unmöglich, dass der EZB-Rat schon am 9. Juni einen Doppelbeschluss fällt: APP abschaffen und die Zinsen erhöhen. Die EZB-Präsidentin wollte offenbar wieder die Deutungshoheit über die Geldpolitik zurückerlangen und sich als Mittlerin zwischen Anhängern einer lockeren und einer straffen Geldpolitik positionieren. Bemerkenswert ist auch, dass sie für die Zeit nach September eher Zurückhaltung erkennen lässt, wobei sie von Normalisierung und nicht von Straffung in Bezug auf die Geldpolitik spricht. „Wenn sich die Inflation mittelfristig bei zwei Prozent stabilisiert, wird eine schrittweise weitere Normalisierung der Zinssätze in Richtung des neutralen Zinssatzes angemessen sein. Das Tempo und der Gesamtumfang der Anpassung können jedoch nicht im Voraus festgelegt werden.“

Commerzbank rechnet mit Leitzins von 1,25 Prozent

Am heutigen Dienstag legte die EZB-Präsidentin in einem Interview nach und dämpfte Erwartungen auf ein deutlich höheres Zinsniveau. „Ich glaube nicht, dass wir uns im Moment in einer Situation steigender Nachfrage befinden", sagte Lagarde in einem Bloomberg-Interview auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos. „Es handelt sich definitiv um eine Inflation, die durch die Angebotsseite der Wirtschaft angeheizt wird. In dieser Situation müssen wir uns natürlich in die richtige Richtung bewegen, aber wir müssen nichts überstürzen und wir müssen nicht in Panik geraten.“ Gegen angebotsseitige Probleme wie etwa Lieferkettenschwierigkeiten sind steigende Zinsen eher wirkungslos im Vergleich zu einer überhitzten gesamtwirtschaftlichen Nachfrage. In diesem Fall helfen steigende Zinsen, die Wirtschaft und damit den Preisauftrieb abzukühlen. 

Die EZB verfolgt ein mittelfristiges Inflationsziel von zwei Prozent und lässt kurzfristig ein Unter- wie Überschießen zu. Der neutrale Zinssatz bezeichnet jenes Leitzinsniveau, bei dem die Geldpolitik weder expansiv noch bremsend auf die Konjunktur wird. In der Eurozone könnte dieser Satz bei ein bis zwei Prozent liegen, womit möglicherweise der Zinserhöhungszyklus bald schon wieder beendet sein könnte. Nach Einschätzung der Commerzbank steigt der EZB-Leitzins bis Mai kommenden Jahres bis auf 1,25 Prozent. Behalten die Volkswirte der Bank Recht, fällt die Zinswende sparsam aus.


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