KolumneBörsenwahnsinn von Plug Power bis Tui

Die Tui-Aktie ist zu einem Höhenflug abgehobenimago images / Aviation-Stock

Wenn die primäre Aufgabe eines Börsendienstes darin besteht, Leser auf Risiken hinzuweisen und mögliche Absicherung von Gewinnen anzugehen, dann ist die Marktstimmung euphorisch. Gegenwärtig ist genau diese Phase zu sehen. Gefühlt tausendmal versuchte der Dax im vergangenen Jahr, die Schwelle von 13.500 Punkten hinter sich zu lassen – aber tausendmal ist nichts passiert. Neues Jahr, neues Glück sagten sich die Investoren und ließen den Dax mit kräftigen Gewinnen auf Rekorde oberhalb von 14.000 Punkten starten. Der Deckel ist gelüftet und mit neuen Rekorden kann es auch keine charttechnischen Barrieren mehr geben. Knapp drei Prozent liegt der Index bereits im Plus, fast so viel wie im gesamten Jahr 2020. Partystimmung herrscht aber vor allem unter der Oberfläche, bei den spekulativen Werten aus der zweiten und dritten Reihe.

Nicht nur beim Smartbroker, beliebt besonders beim jüngeren Publikum, sondern auch bei klassischen Börsenplätzen wie Gettex steht die Aktie von Tui ganz oben auf der Liste. Auf beliebten Handelsplattformen wurden an manchen Tagen bis zum Nachmittag bereits rund 17.000 Orders ausgeführt bei einem Handelsvolumen von über 75 Mio. Euro. Auf Xetra waren es 30 Millionen Papiere, normalerweise wechseln nur rund fünf Millionen Anteilsscheine pro Tag den Besitzer. Tui hat dabei in den letzten Tagen Hilfe des Staates ins Haus geholt, die Bewertung der zu erwartende Wert der Aktie lag eigentlich bei 3,60 Euro, sie wurde tags darauf aber mit rund 5 Euro gehandelt. De facto 50 Prozent Kursplus. Gier fraß Hirn.

TUI Aktie

TUI Aktie Chart
Kursanbieter: L&S RT

Wasserstoff-Titel sind gefragt

Ganz oben im Ranking der beliebtesten Aktien sind seit einiger Zeit auch die Papiere des norwegischen Wasserstoff-Unternehmens Nel Asa sowie der US-Brennstoffzellen-Firma Plug Power zu finden. Alternative Energien zählen mit den zu den Megathemen der Zukunft und werden durch die ehrgeizige Klima-Ziele der Regierungen kräftig gefördert. Mit dem Sieg der Demokraten in den USA kann der neue US-Präsident Joe Biden seine angekündigten massiven Investitionen in Erneuerbare Energien kräftig vorantreiben. Dies sorgt für viel Fantasie, besonders spekulative Anleger zocken mit. Risiken werden ausgeblendet, ähnlich wie am Neuen Markt scheinen Bewertungen keine Rolle zu spielen. So hat sich der Kurs von Nel Asa in Euro gerechnet seit den US-Wahlen mehr als verdoppelt, bei Plug Power sind es sogar 230 Prozent.

Corona-Impfstoffhersteller mit der zweiten Luft?

Bei den Impfstoffherstellern zählt Biontech zu den Favoriten bei Smartbroker. Doch auch als Trader sollte man sich immer zuerst die Frage beantworten, was bereits in den Kursen eingepreist ist. Aktien wie Biontech liefern dafür ein gutes Beispiel. Anfang Dezember erreichte der Kurs bei 130 Dollar das Hoch als die Meldung kam, dass bald mit Impfungen begonnen wird. Seitdem sackte der Wert um knapp 40 Prozent ab. Viel Fantasie wurde ausgepreist, jetzt ist die Aktie bereinigt und kann zu einer neuen Aufwärtswelle ansetzen.

Davon zu unterscheiden sind Titel, die von großen Investoren massiv geshortet werden, um an sinkenden Kursen zu verdienen. Bleibt aber die Reise nach unten aus und ziehen die Notierungen an, geraten die Leerverkäufer unter Druck und müssen ihre Positionen eindecken, also Aktien am Markt kaufen. So kann eine sich selbst verstärkende Spirale einsetzen und weitere Shortseller zum Glattstellen zwingen. Ein gutes Beispiel sind seit Monaten die Papiere von Tesla.

Tesla – Grab der Leerverkäufer

Selbst die von vielen erwarteten Gewinnmitnahmen nach der Mitte Dezember erfolgten Aufnahme in den S&P 500 bleiben aus. Im Gegenteil: Seitdem ging es um 30 Prozent weiter nach oben, die Umsätze liegen auf Xetra ungefähr doppelt so hoch wie im Durchschnitt der vergangenen 90 Tage. Rund sechs Prozent der Aktien bezogen auf den Free Float (frei handelbaren Aktien) sind geshortet, die Quote ist zuletzt nur unwesentlich gefallen. Ebenfalls knapp fünf Prozent sind es bei Advanced Micro Devices (AMD).

In Deutschland haben die Leerverkäufer vor allem Encavis ins Visier genommen. Der kumulierte prozentuale Anteil der Short-Sales liegt bei satten 13 Prozent, besonders Citadel hält große Positionen. Bei Evotec liegt die Quote bei rund elf Prozent, dicht gefolgt von Varta mit knapp zehn Prozent. Unter den Dax-Werten führt die Deutsche Wohnen die Liste vor VW an.

 


Daniel Saurenz betreibt mit seinem Team das Börsenportal Feingold Research. Es bietet täglich einen Börsenbrief an, den Sie für 14 Tage kostenfrei testen können. Melden Sie sich unter Info@feingold-research.com an oder probieren Sie den Börsendienst unter diesem Link aus. Trainingstage und Coachings finden Sie NEU unter feingold-academy.com