KolumneVW setzt auf das Modell Winterkorn II

Bernd Ziesemer
Bernd ZiesemerCopyright: Martin Kress

Bei VW klaffen in diesen Tagen wieder einmal schöne Theorie und schnöde Praxis weit auseinander. Die Theorie, am letzten Freitag vom Vorsitzenden des Aufsichtsrats verkündet: Der Konzern gibt sich jetzt eine „subsidiäre Führung“. Die Praxis, gültig ab sofort: Der neue Chef des Vorstands, Herbert Diess, schneidet die Struktur des Unternehmens ganz auf sich selbst zu. Der Österreicher kümmert sich neben seinen Aufgaben als oberster Konzernlenker persönlich um den größten Beritt – die sogenannte „Markengruppe Volumen“ mit VW, Skoda, Seat und den leichten Nutzfahrzeugen. Außerdem nimmt Diess auch noch die Forschung und Entwicklung des Gesamtkonzerns unter seine Fittiche, selbstverständlich auch die Strategie und Kommunikation, wegen ihrer besonderen Bedeutung auch noch die Digitalisierung aller Modelle sowie die Verantwortung für die Führungskräfte.

Das ist eine schier unglaubliche Häufung von Aufgaben, die kein Normalsterblicher vernünftig bewerkstelligen kann. Da hilft es auch nur wenig, wenn es im Volumen-Bereich künftig einen Mann mit dem wohl klingenden Titel „Chief Operating Officer“ geben soll. Aufsichtsratschef Hans Dieter Pötsch wertete die Position durch die lockere Bemerkung ab, dieser Manager solle so etwas wie die „rechte Hand“ des neuen Vorstandsvorsitzenden sein. Also eine Art oberster Assistent. Man darf auf seine Zuarbeit für Diess gespannt sein. Vorläufig gibt es noch keine Entscheidung, wer den Job machen soll.

Diess ähnelt in vielem Winterkorn

In Wahrheit versucht es VW mit einem Modell „Winterkorn II“. Wie der frühere Vorstandschef Martin Winterkorn macht der Aufsichtsrat seinen Nach-Nachfolger Diess zum Herrscher aller Reußen im großen VW-Porsche-Audi-Reich. Wohin solche Führungsstrukturen führen, zeigte sich in der Dieselbetrugsaffäre: Winterkorn wollte von allem nichts gewusst haben, weil er bei seiner Arbeitslast ohnehin nicht mehr alles im Konzern überblicken konnte. So kann sich dann auch Diess künftig herausreden, wenn der Konzern mal wieder aus dem Ruder läuft.

Auch von seinem Wesen her ähnelt Diess in vielem Winterkorn. Der neue Chef tritt als Österreicher zwar etwas charmanter auf als der schwäbische Grantler aus Leonberg. Aber Diess verfügt über die gleichen autokratischen Züge wie sein Vorvorgänger Winterkorn, über den gleichen Hang zum Mikromanagement und die gleiche unkontrollierte Arbeitswut. Nur eines musste Diess am Anfang bei VW erst bitter lernen, was Winterkorn schon bei seinem Amtsantritt 2007 inhaliert hatte: In Wolfsburg in allen Dingen, auf Gedeih und Verderb, immer den Konsens mit den mächtigen Betriebsräten zu suchen.

Diess tat sich am Anfang damit schwer und wäre fast an den Kämpfen mit Bernd Osterloh, dem Chef des Wolfsburger Gesamtbetriebsrats, gescheitert. Seitdem hat der neue VW-Chef viel gelernt – wie die zweitwichtigste Konzernpersonalie der letzten Woche zeigt: Der Assistent und Wasserträger Osterlohs, Gunnar Kilian, übernimmt unter Diess künftig das wichtige Personalressort. Auch so ein schönes Beispiel für die Dialektik von Theorie und Praxis bei VW: Theoretisch sucht Pötsch die Vorstände des Konzerns aus, aber praktisch eben oft auch Osterloh.