ImmobilienGroßbritanniens erstaunliche Immobilien-Rally

Sitz der Bank of England (l.) in London
Sitz der Bank of England (l.) in Londonimago images / ZUMA Wire

Die Coronakrise hat Großbritannien so stark getroffen wie kaum eine andere Industrienation. Das Land wird 2020 den größten Wirtschaftseinbruch seit mehr als drei Jahrhunderten verzeichnen, gab die britische Regierung im November bekannt. Für das laufende Jahr rechnet das Finanzministerium mit einem Rückgang der Wirtschaftsleistung um 11,3 Prozent. Angesichts dieser Dimensionen wirkt die Entwicklung auf dem britischen Immobilienmarkt geradezu paradox: Seit Jahresbeginn sind die Preise für Häuser und Wohnungen auf der Insel um 6,5 Prozent gestiegen, geht aus dem vielbeachteten Index der Bausparkasse Nationwide hervor. Im August zogen die Immobilienpreise im Vergleich zum Vormonat gar so stark an wie zuletzt vor 16 Jahren. „Der Lockdown und andere einschränkende Maßnahmen hatten pauschal betrachtet keine negativen Auswirkungen auf die Immobilienpreise“, sagt Lukas Endl, Managing Director beim Immobilienfinanzierer Linus Digital Finance.

Dass sie im Gegenteil sogar gestiegen sind, liegt unter anderem am Nachfragestau vom Jahresbeginn. „Im Sommer wurden viele Transaktionen nachgeholt, die im Frühjahr während des Lockdowns aufgeschoben werden mussten“, sagt Endl. Das Eigenheim sei nach wie vor attraktiv: „Die Menschen wollen mehr Platz, mehr Grünflächen – das motivierte viele zum Kauf einer eigenen Immobilie in peripheren Lagen, was die Preise dort treibt“, erklärt der Experte. Speziell in Großbritannien komme noch hinzu, dass die Regierung im Rahmen ihres Corona-Konjunkturpakets den Grenzwert für die sogenannte Stempelsteuer stark angehoben hat. Bis Ende März 2021 sind Immobilienkäufe bis zu einem Wert von 500.000 Pfund von der Abgabe befreit.

Fortsetzung im kommenden Jahr bleibt fraglich

Ob sich die Rally am britischen Immobilienmarkt im nächsten Jahr fortsetzt, ist allerdings fraglich. Zwar könnte es im ersten Quartal 2021 noch einmal eine Spitze geben, kurz bevor die Senkung der Stempelsteuer ausläuft, schreibt das Center for Business and Economic Research. Für das Gesamtjahr rechnen die Experten aber mit einem Einbruch der Hauspreise um 14 Prozent. Das britische Amt für Budgetverantwortung, das Prognosen für die Regierung erstellt, hält in einem Worst-Case-Szenario sogar einen Preisrückgang um 17 Prozent für möglich. Als Gründe führen die Beamten neben der Rückkehr zur alten Stempelsteuer-Regelung das Auslaufen des Corona-bedingten Kurzarbeitsprogramms an. Im Oktober hatte die Regierung die Maßnahme eingestellt. Ob es einen Nachfolger geben gibt, ist offen.

Auch Immobilienexperte Endl von Linus Digital Finance rechnet mit einer Abflachung der Dynamik auf dem Immobilienmarkt, rät jedoch gerade bei Mehrfamilienhäusern und Wohnkomplexen zu einer differenzierten Betrachtung. Grundsätzlich gilt: Je weiter sich Investoren von London entfernen, desto niedriger werden die Preise. Große Wohnungen im Londoner Zentrum haben zwar zuletzt an Wert verloren. Nach der Krise sei aber mit einer Erholung zu rechnen, sagt Endl: „Londons Wohnungsmarkt bleibt trotz der hohen Ist-Preise interessant. Der Wegzug aus der Innenstadt wird kein langfristiger Trend bleiben“, ist er überzeugt. Entsprechend viele Investoren hätten den Markt im Blick.

Spannend findet der Experte auch den Markt für Logistik-Immobilien. Covid-19 und der Brexit sollten diesen Bereich kurzfristig stärken, langfristig profitiere er „ohnehin vom Megatrend hin zu E-Commerce“, sagt Endl. Privatanleger können zum Beispiel über Fonds in den Sektor investieren. So hat etwa der genossenschaftliche Anbieter Union Investment im Februar ein Portfolio mit 19 Logistikimmobilien für seine Fonds UniImmo: Europa und UniImmo: Global erworben.