ArbeitnehmerStreit um Betriebsrat bei Lieferdienst-Start-up Gorillas

Fahrradkurier von Gorillas im EinsatzIMAGO / Arnulf Hettrich

Wenn Mitarbeiter eines Berliner Tech-Start-ups das Wort Betriebsrat auch nur in den Mund nehmen, dann ist ihnen eine gewisse mediale Aufmerksamkeit sicher. Im vergangenen Jahr hatte die Neobank N26 für bundesweite Schlagzeilen gesorgt, als die Gründer ihren Mitarbeitern mitteilten, ein Betriebsrat stünde „gegen fast alle Werte, an die wir glauben“.

Dementsprechend groß war das öffentliche Interesse, als der Lieferdienst Gorillas – erst im März 2020 gegründet – am Donnerstag seinen Service in der App sogar kurzzeitig einstellte, um seinen Mitarbeitern die Möglichkeit einzuräumen, einen Wahlvorstand für die Wahl eines Betriebsrats zu bestimmen.

Am Nachmittag fanden sich mehrere hundert Teilnehmer auf dem Vorhof des Berliner Estrel-Hotels zusammen. Gesprochen wurde Englisch, teilweise Spanisch. Gekommen waren sogenannte Picker, also diejenigen, die in den Lagern die Bestellungen zusammen sortieren, außerdem die Rider, also die Fahrer selbst – aber auch Mitarbeiter aus den Büros des Start-ups.

An der Tür zur Veranstaltung wurde streng geprüft, Dutzende Mitarbeiter wurden abgewiesen. Capital konnte einsehen, dass auf einer Liste mehrere Namen grau unterstrichen waren – offenbar Führungskräfte, die, weil sie selbst Personalverantwortung tragen, zu derartigen Veranstaltungen nach dem Betriebsverfassungsgesetz nicht zugelassen sind. Unter den Veranstaltern schien man sich zu sorgen, dass Teile des Managements die Wahl torpedieren könnten. Um das zu verhindern, sollen einige Mitarbeiter auf eine schwarze Liste gesetzt worden sein.

Wurden Mitarbeiter zu Unrecht abgewiesen?

Unter den abgewiesenen Mitarbeitern war nach Informationen von Capital allerdings auch mindestens ein Kandidat für den Wahlvorstand. In einem anderen Fall wurden Mitarbeiter von einem Sicherheitsdienst vom Gelände eskortiert. „Ich bin hergekommen, um mich über meine Rechte zu informieren und wurde am Eingang abgewiesen. Das ist schon sehr enttäuschend“, sagte ein Mitarbeiter, der als Supervisor in einem Warenlager arbeitet. Er sei extra 45 Minuten hergefahren. Auch Mitarbeiter aus dem Büromanagement und dem Datenteam wurden abgewiesen.

Die Corona-Regeln wurden bei der Betriebsrats-Veranstaltung von Gorillas beachtet

„Wir können bestätigen, dass ungefähr 50 Personen von den Organisatoren nicht zur Betriebsratswahl zugelassen wurden”, sagt ein Unternehmenssprecher zu Capital. Dabei habe es sich um Mitarbeiter ohne Personalverantwortung gehandelt, die „somit zur Wahl zugelassen werden müssen”.

Nach Informationen von Capital gibt es deshalb im Unternehmen konkrete Überlegungen, die Wahl anzufechten. Gleichzeitig betont der Sprecher allerdings: „Gorillas unterstützt die Gründung des Betriebsrats voll und ganz – dies steht auch in unserem Manifest.” Das Unternehmen arbeite mit den Organisatoren zusammen, um eine möglichst hohe Mitarbeiterbeteiligung zu erreichen.

Das Unternehmen befindet in einer Phase des Wachstums, zwölf Monate nach der Gründung wurde es im März schon mit 1 Mrd. Dollar bewertet. Nach Informationen von Capital ist das Start-up schon wieder dabei, Kapital aufzunehmen – dieses Mal zu einer weit höheren Bewertung.

Gleichzeitig kommt es auch vermehrt zu Kritik an den Arbeitsbedingungen der Rider. Die Organisatoren der Betriebsratsbemühungen, eine Gruppe aus drei Personen aus dem Fahrerlager, prangern schon seit Monaten die Arbeitsbedingungen bei Gorillas an. In einem offenen Brief an ihre Kollegen schrieben sie: „Wir sind keine Rennpferde, wir sind Fahrer.“

Die Frage, wie Mitbestimmung in schnellwachsenden Digitalunternehmen aussehen kann, beschäftigt die Branche schon lange. Der Spieleentwickler Goodgame bemühte sich vor Jahren, eine Mitarbeitervertretung zu verhindern. Bei der einstigen Tech-Hoffnung Wirecard galt allein schon das Wort Betriebsrat als „Karrierekiller“, wie ehemalige Mitarbeiter berichten.

Der Getränkelieferdienst Flaschenpost hatte versucht, vor Gericht eine Betriebsratswahl  teilweise anzufechten. Und beim Restaurant-Lieferdienst Lieferando in Köln soll ein Manager Angestellten im Zusammenhang mit einer Betriebsratswahl sogar Prügel angedroht haben – was dieser allerdings bestreitet.