Neue Deutschland-Rangliste
Wahlkampf und eine rosarote Wirtschaftsprognose in der größten Weltwirtschaftskrise der Zeitgeschichte. Im letzten Herbst konnte noch niemand ahnen wie viele Milliarden zur Bankenrettung und Wirtschaftsankurbelung von den nächsten Generationen aufgebracht werden müssen.
Diese privaten Ratingagenturen sind schon toll, marode Banken wurden jahrelang als AAA dargestellt; und wann hat uns die Wirklichkeit eingeholt? Die Weltwirtschaft bricht zusammen, aber es wird uns immer noch ein ewiges Wachstum vorgegaukelt.
Münster hat 2009 die größte Probkopfverschuldung aller Zeiten vor der Brust und OB-Tillmann geht in die satte Pension. Aber bis 2015 soll es ein 16 prozentiges Wachstum geben. 2004 habe ich schon prognostiziert , dass bei so weiter laufendem Verkauf des Tafelsilbers in 20 Jahren absoluter Schluss mit Veräußerung von städtischem Vermögen ist.
Über 20 000 Hartz IV-Betroffene in Münster freuen sich auf steigende Preise bei Mieten und Lebenshaltungekosten in dieser „Lebenswertesten Stadt der Welt“. Weniger Ausbildungsplätze und mehr Armut großer Bevölkerungsschichten sind die wirklichen Faktoren für die Zukunft Münsters.
Aber wir haben ja Wahlkampf und wer die größten Versprechungen macht, dem wird alles geglaubt. Nein der Wähler ist mündig geworden.
Harry Seemann
Oberbürgermeisterkandidat für Münster 2009
Hamburg ist die Stadt mit den besten ökonomischen Aussichten in Deutschland. Das ist das Ergebnis einer Exklusivstudie des Wirtschaftsforschungsinstituts Feri in Bad Homburg. Im Auftrag des Magazins Capital haben die Experten untersucht, wie sich in den 60 wichtigsten Kommunen zwischen 2006 und 2015 Wirtschaftsleistung, Arbeitsplätze, Bevölkerung und Kaufkraft entwickeln. Hamburg steigt gegenüber der Vorgängerstudie aus dem Jahr 2007 von Platz vier auf und verdrängt München von der Spitzenposition. Die Bayern liegen jetzt auf Rang zwei, gefolgt von Münster und Wiesbaden.
Hamburg profitiert vor allem davon, dass es so wettbewerbsfähig für die Globalisierung und den internationalen Handel aufgestellt ist wie kein anderer Standort der Republik. Die Wirtschaftsleistung wächst dort bis zum Jahr 2015 um knapp 14 Prozent. Die Zahl der Arbeitsplätze steigt auf 1,1 Millionen, gegenüber 2006 ein Plus von mehr als fünf Prozent.
| Rang 2009 |
Veränderung zu 2007 ¹ |
Stadt | Wirtschafts- leistung ² |
Arbeits- plätze ² |
Bevöl- kerung ² |
Kaufkraft pro Kopf ² |
Gesamt- ergebnis ³ |
|---|---|---|---|---|---|---|---|
| 1 | 3 | Hamburg | 13,5 | 5,4 | 2,5 | 11 | 59,1 |
| 2 | –1 | München | 12,9 | 2 | 5 | 10,1 | 58,4 |
| 3 | 11 | Münster | 15,7 | 6,5 | 2,2 | 13,5 | 55,7 |
| 4 | 5 | Wiesbaden | 14,7 | 3,9 | 2,7 | 9,7 | 54,5 |
| 5 | 7 | Freiburg | 11,6 | 5,5 | 3,1 | 8,6 | 54,2 |
| 6 | 4 | Bonn | 11,5 | 4,6 | 2,5 | 12,6 | 54 |
| 7 | 0 | Heidelberg | 8,8 | 5,1 | 2,3 | 8,2 | 53,6 |
| 8 | –6 | Stuttgart | 7,8 | 3 | 2,6 | 7,7 | 53,2 |
| 9 | –3 | Frankfurt | 14,1 | 5,2 | 2,6 | 8,9 | 53,1 |
| 10 | –7 | Düsseldorf | 10,4 | 3,7 | 1,4 | 8,9 | 53 |
| 11 | 2 | Karlsruhe | 12,1 | 4,7 | 2,9 | 8 | 52,9 |
| 12 | –1 | Mainz | 9,4 | 0,4 | 4,5 | 8,1 | 52,7 |
| 13 | 3 | Dresden | 11,2 | 6,1 | 5 | 8,3 | 52,5 |
| ... | |||||||
| 15 | –10 | Köln | 7,6 | 3,6 | 2,6 | 6,4 | 52,3 |
| ... | |||||||
| 19 | –2 | Leipzig | 11,9 | 8,7 | 2,2 | 8,4 | 51,2 |
| 20 | 10 | Potsdam | 11,7 | 3,8 | 3,8 | 11,5 | 50,9 |
| ... | |||||||
| 29 | 3 | Berlin | 5 | 3,9 | 1,7 | 6 | 46 |
| ... | |||||||
| 50 | 3 | Duisburg | 13,6 | 3,3 | –1,8 | 9,3 | 32,6 |
| 51 | –11 | Koblenz | 10 | 2 | –1,2 | 4,2 | 32,6 |
| 52 | 0 | Siegen | 9,9 | 0,5 | –1,8 | 8 | 32,3 |
| 53 | –6 | Kaiserslautern | 7,9 | 2,4 | –1,7 | 4,2 | 32 |
| 54 | 3 | Lübeck | 4,3 | –0,3 | –0,2 | 6,3 | 31,5 |
| 55 | –7 | Hildesheim3 | 10,3 | 2,6 | –0,9 | 7,1 | 31,4 |
| 56 | –2 | Rostock | 9,3 | 2,7 | –0,4 | 6,4 | 30,9 |
| 57 | 1 | Chemnitz | 8,4 | 3,3 | –1,2 | 5,1 | 30,4 |
| 58 | –2 | Magdeburg | 8,3 | 2 | –0,7 | 5,9 | 25 |
| 59 | 1 | Schwerin | 7,5 | 2,8 | –1,3 | 7,3 | 22,3 |
| 60 | –1 | Halle/Saale | 6,7 | 2,7 | –1,2 | 6,3 | 20,8 |
1) in Tabellenplätzen | 2) Angaben in Prozent | 3) maximal: 100, gewichtetes Mittel aus: Wirtschaftsleistung (30 Prozent), Beschäftigung (20 Prozent), Bevölkerung (20 Prozent), Kaufkraft (30 Prozent) | Quelle: Feri
Zwar trifft die Rezession Hamburg in diesem Jahr gerade wegen seiner Funktion als internationales Drehkreuz heftig, etwa bei den Umsätzen im Hafen. Aber dieser Einbruch ist vorübergehend, prophezeit Feri. Das Institut erwartet wie viele andere Experten, dass der Absturz der Weltwirtschaft in absehbarer Zeit ein Ende nimmt und die Konjunktur von den USA bis nach China allmählich wieder anspringt. Die jüngste Entwicklung bei den Frühindikatoren nährt diese Hoffnung.
Auffälligster Trend im neuen Ranking ist, dass sich eine Reihe mittelgroßer Hochschulstädte teils deutlich nach vorn schiebt – und in die Phalanx der traditionell wirtschaftsstarken Metropolen einbricht. So springt Münster im Vergleich zu 2007 von Platz 14 auf Platz drei, Freiburg steigt von Rang zwölf auf fünf, Bonn von zehn auf sechs. Auch Heidelberg, Mainz und Karlsruhe sind exzellent platziert. Dagegen rutscht Köln um zehn Plätze ab und landet jetzt auf Rang 15, auch Stuttgart, Düsseldorf und Frankfurt fallen zurück. Berlin ist praktisch unverändert auf Platz 29 positioniert.
„Gerade in der Krise offenbart sich, wie wichtig Wissen als Wirtschaftsfaktor ist“, resümiert Feri-Ökonom Manfred Binsfeld, der die Studie betreut hat. Der Standortwettbewerb entscheidet sich immer stärker im Kampf um kluge Köpfe.
Nahezu alle Aufsteiger sind Sitz von großen, angesehenen Universitäten und Forschungsinstituten wie Fraunhofer oder Max Planck – oder haben sie zumindest in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft. In Städten wie Freiburg oder Münster ist die Wissenschaft der größte Arbeitgeber, zum Teil mit großem Abstand vor privaten Unternehmen. Das stabilisiert den Arbeitsmarkt, weil der Staat beim Stellenabbau zurückhaltender vorgeht als die Personalchefs in der freien Wirtschaft.
Hinzu kommt: Den Unistädten gelingt es immer besser, die Absolventen in der Stadt zu halten. Ihre Einwohner sind deutlich besser qualifiziert als der Durchschnittsdeutsche. Gleichzeitig arbeiten sie häufiger als anderswo in Unternehmen, die hochwertige und zukunftssichere Produkte und Dienstleistungen anbieten. In der aktuellen Wirtschaftsflaute sorgt dies für einen Puffer gegen die Einbrüche in Traditionsindustrien wie dem Autobau.
Trotzdem wirkt sich der drastische Abschwung der vergangenen Monate auch auf die bestplatzierten Kommunen negativ aus, bei den Arbeitsplätzen und bei den Steuereinnahmen. So hätte die Gesamtbewertung des aktuellen Rankingsiegers vor zwei Jahren nur für Platz zehn gereicht. Doch im bundesweiten Vergleich bleibt die Dynamik hoch.
Die Wirtschaft in Hamburg, Münster, Freiburg oder Bonn wächst zwischen 2006 und 2015 um bis zu 16 Prozent. Außerhalb der Städte ist die Dynamik nicht einmal halb so hoch. Ein ähnliches Bild ergibt sich für die Beschäftigung: Während in Münster die Zahl der Arbeitsplätze um fast sieben Prozent zunimmt, nimmt sie in einigen Kommunen sogar ab.
Dass allerdings auch Wissenshochburgen keine ökonomischen Selbstläufer sind, zeigt Darmstadt. Trotz mehrerer renommierter Hochschulen verliert die südhessische Stadt gegenüber dem letzten Test 13 Plätze und liegt jetzt auf Position 21. Grund: Die Forschungsresultate, beispielsweise im Maschinenbau, werden nur unzureichend am Markt umgesetzt. Der Anteil der Branche an der regionalen Industrie hat sich im Lauf der vergangenen 15 Jahre mehr als halbiert.
Beste ostdeutsche Stadt bleibt Dresden, das sich im Vergleich zu 2007 um drei Plätze auf Rang 13 verbessert. Leipzig liegt auf Platz 19, Potsdam auf 20. Allerdings werden auch die letzten fünf Plätze von ostdeutschen Kommunen besetzt – Rostock, Chemnitz, Magdeburg, Schwerin und Halle/Saale.
Der Städtevergleich, den das Feri-Institut zum fünften Mal aufgelegt hat, berücksichtigt neben Prognosen zur wirtschaftlichen Großwetterlage in Deutschland die regionale Branchenstruktur – und ihren Wandel. Feri ist das größte private Wirtschaftsforschungsinstitut in Europa.
Capital-Städtetest
Die Regeln des Rankings
Lange Erfahrung, aufwendige Methode: Zum fünften Mal bündelt das Feri-Institut seine Konjunkturprognosen und Regionalanalysen zu einem Gesamtbild
Methode In Interviews mit Firmen und Verbänden ermittelt das Feri-Institut die Cityregionen, die für Investoren und Beschäftigte die größte Bedeutung haben. Mit komplexen Prognosemodellen berechnet es für jede Stadt, wie sich Wirtschaftsleistung, Jobs, Bevölkerung und Kaufkraft bis zum Jahr 2015 entwickeln. Die lokale Branchenstruktur und ihr Wandel werden mit einbezogen. Die Ergebnisse verdichtet Feri zu einer Zahl. Je mehr der maximal 100 Punkte eine Stadt erzielt, desto besser.
Zuverlässigkeit Ein dreistufiges Verfahren steigert den Aussagewert des Rankings. Erstens nimmt Feri die Jahre 2006 bis 2008, für die es bereits gesicherte statistische Daten gibt, mit auf. Zweitens fließen Prognosen für die nahe Zukunft mit einem höheren Gewicht ein als etwa für das Jahr 2014. Drittens wird berücksichtigt, wie gleichmäßig die Wirtschaft wächst. Starke Schwankungen machen Investoren das Planen schwer. Deshalb kann für gleiche Wachstumsraten das Rating unterschiedlich ausfallen.
Quelle: Capital
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