VG-Wort Pixel

Henrik Bork Zwischen Kotau und Kriegsgebrüll – die deutsche China-Debatte kennt nur Extreme

Bundeskanzler Scholz und Chinas Machthaber Xi bei ihrem jüngsten Treffen in Peking
Bundeskanzler Scholz und Chinas Machthaber Xi bei ihrem jüngsten Treffen in Peking
© picture alliance/dpa | Kay Nietfeld
China zu verteufeln, macht richtig Spaß, ist aber kontraproduktiv und dumm. Der langjährige China-Kenner Henrik Bork plädiert für einen pragmatischen Ansatz im Umgang mit der Volksrepublik

Henrik Bork, Absolvent der Henri-Nannen-Schule für Journalismus in Hamburg, hat in München, Paris und Peking Sinologie studiert und war lange Zeit Auslandskorrespondent deutscher Medien in Tokio und Peking, zuletzt elf Jahre lang als Büroleiter für die Süddeutsche Zeitung. Heute arbeitet er als freier Autor und berät für die Pekinger Agentur „Asia Waypoint” die CEOs multinationaler Konzerne bei ihrer China-Strategie.

Dies ist meine bescheidene Meinung. Sie stützt sich auf drei Jahrzehnte Arbeitserfahrung in China, zwei davon als Korrespondent der Süddeutschen Zeitung und anderer Medien, ein weiteres seither als Strategieberater von CEOs internationaler Konzerne in China.

Schon vor der Chinareise von Olaf Scholz war das „China-Bashing“, also schrille Töne gegenüber Peking, in Kreisen der deutschen Politik und Medien zu einem neuen Volkssport geworden. Die deutsch-chinesischen Wirtschaftsbeziehungen werden plötzlich nur noch unter einem Aspekt kommentiert, dem der „Abhängigkeit von China“.

Das greift zu kurz. Nicht nur weil wirtschaftliche Kooperation stets Abhängigkeiten auf beiden Seiten erzeugt. Sondern auch weil wir in Deutschland einen beträchtlichen Teil unseres Wohlstands dem Austausch mit China verdanken. 1,1 Millionen Arbeitsplätze hängen in Deutschland vom Handel mit China ab, umgekehrt sind es 4,1 Millionen Arbeitsplätze in China, schätzt das Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) in Köln.

Klimaschutz funktioniert nur mit China

Die Reduzierung auf einen einzigen Aspekt greift auch aus einem anderen Grund zu kurz. Deutschland und „der Westen“ werden China schon bald noch viel mehr brauchen als China uns. Der Kampf gegen den Klimawandel etwa wird, wenn überhaupt, dann in China gewonnen. Rund 27,79 Prozent aller CO2-Emissionen stammen aus China, rund 1,77 Prozent aus Deutschland, zeigen Statistiken des Umweltprogramm der Vereinten Nationen.

Bei allem Respekt für deutschen und europäischen Eifer beim Klimaschutz, diese Zahlen zeigen doch sehr deutlich, dass unsere Macht, ohne Zusammenarbeit mit China viel für das Klima zu tun, eher gering ist.

Es macht viel mehr Sinn, deutsche Umwelttechnologie in China verfügbar zu machen, als die Wirtschaftsbeziehungen plötzlich komplett in Frage zu stellen. Auch der Versuch Washingtons, China komplett von fortschrittlichen Halbleitern abzuschneiden, ist aus dieser Perspektive nicht nur kleinlicher Protektionismus, sondern geradezu schädlich für das Weltklima. Leistungsstarke Chips werden für die Erzeugung erneuerbarer Energien ebenso gebraucht wie für effektive Energiespeicher.

Überhaupt die Hochtechnologie. Der ideologisch motivierte Impuls der China-Kritiker, das „böse China“ müsse durch den Entzug amerikanischer oder europäischer Hochtechnologie „bestraft“ werden, könnte sich schon bald in einen Bumerang verwandeln, der uns empfindlich am Kopf trifft.

Technologisch ist China vorbeigezogen

China ist längst nicht mehr nur das Land der Copycats. In der E-Mobilität, bei Windkraft und Solarenergie ist es bereits weltweit führend. Es mag einem nun gefallen oder nicht, aber in China spielt da inzwischen die Musik. Deutsche Autohersteller etwa spielen schon jetzt Catch-up, könnten sich Überheblichkeit gegenüber China nicht mehr leisten.

Deutsche Konzerne wie VW, BMW und Mercedes, auch Siemens oder die BASF müssen auf dem chinesischen Markt aktiv sein, auch immer mehr ihrer Forschung & Entwicklung nach China verlagern. Und genau das tun sie ja gerade auch. CARIAD, die Software-Tochter von VW etwa hat gerade erst wieder 2,4 Mrd. Euro in eine strategische Kooperation und ein Joint-Venture mit Horizon Robotics investiert, dem chinesischen Marktführer für das autonome Fahren.

Wir Deutschen sollten nicht nur nach Dingen suchen, die wir an China kritisieren können, wenn auch zu Recht. Wir sollten uns auch viel häufiger an die eigene Nase fassen und bereit sein, von China zu lernen. Da gibt es sehr viel. Das Tempo etwa, mit dem in China Innovationen gewagt werden und neue Zukunftsindustrien geschaffen werden, ist phänomenal.

„55 Prozent aller Elektrofahrzeuge werden in China verkauft und wenn Deutschlands Autobauer weltweit wettbewerbsfähig bleiben wollen, müssen sie Zugang nicht nur zu den Konsumenten des Landes haben, sondern auch zu der technologischen Expertise, die dort entwickelt worden ist,“ schreibt die Financial Times in einer guten Analyse zu diesem Thema.

Nirgendwo werden mehr Windturbinen aufgestellt, mehr Solaranlagen installiert als in China. Ich muss oft an den Satz denken, den mir der für Künstliche Intelligenz zuständige Manager des chinesischen Internetkonzerns Baidu einmal in einem Pekinger Café gesagt hat. „Ihr in Europa reguliert die Künstliche Intelligenz ja schon zu Tode, bevor sie überhaupt existiert“, sagte er. So ist es. Von dem wirtschaftsfreundlichen Pragmatismus der Chinesen, der selbst unter Xi Jinping nicht totzukriegen ist, könnten wir uns auch in Deutschland eine Scheibe abschneiden.

Extremer Stimmungsumschwung

Woher aber kommt der derzeitige, radikale Meinungsumschwung in der deutschen Öffentlichkeit gegenüber China? Klar, China hat selbst dazu beigetragen. Unter seinem Staats- und Parteichef Xi Jinping betreibt es selbst eine von Fantasien absoluter Kontrolle beflügelte, zunehmend ideologisch ausgerichtete Politik, die immer wirtschaftsfeindlicher wird. Man betrachte nur den völlig aus dem Ruder gelaufenen „Volkskrieg“ gegen das Coronavirus, den Xi persönlich ausgerufen hat. Die Behandlung von Minderheiten und Verfechtern der Demokratie in China und das seit Jahrzehnten anhaltende Säbelrasseln gegenüber Taiwan müssen ebenfalls zu Recht kritisiert werden.

Dennoch denke ich, dass unsere deutschen Stimmungsschwankungen gegenüber China, besonders deren Radikalität, mehr mit uns selbst zu tun haben als mit China. Das deutsche Chinabild pendelt schon seit langer Zeit stets von einem Extrem ins andere. Es scheint da nur Schwarz und Weiß zu geben, nie einen gesunden Mittelweg.

Erinnern wir uns: So um 1670 ließ Ludwig XIV. im Garten von Versailles für eine seiner Maitressen ein Lustschloss bauen, das „Trianon de porcelaine“, geschmückt mit chinesischen Motiven. Wer in der Renaissance etwas auf sich hielt, war ein absoluter Fan von China und aller Chinoiserien. Sämtliche deutsche Schlossherren zogen nach.

Nicht lange danach, im Juli 1900, war man im Deutschland unter Kaiser Wilhelm II. mal wieder am anderen Ende des Spektrums angekommen. China war plötzlich nur noch „die gelbe Gefahr“. Der Kaiser hielt eine „Hunnenrede“ und schickte ein Expeditions-Korps zur Eroberung chinesischer Landstriche auf die Reise. „Pardon wird nicht gegeben“, soll er seinen Soldaten mit auf den Weg gegeben haben.

Oder schauen wir auf die jüngere Vergangenheit. Es ist noch nicht lange her, da durfte man als deutscher Journalist nichts Kritisches über China schreiben. „Der schreibt uns das Chinageschäft kaputt,“ sagte einmal der CEO eines großen deutschen Konzerns meinem Chefredakteur, während die beiden zusammen eine Zigarre rauchten. Gemeint war meine China-Berichterstattung, in der es auch um die Menschenrechte ging.

Verteufeln hilft nicht

Unvergessen die Chinareise von Helmut Kohl, der nicht nur als erster europäischer Regierungschef nach dem Pekinger Massaker wieder nach China flog, sondern dabei auch noch demonstrativ eine Kaserne der chinesischen Volksbefreiungsarmee besuchte. Mehr Kotau ging nicht, und das war viele Jahre lang das, was die Chinesen von uns Deutschen gewohnt waren.

Ich betrachte mich als Freund Chinas und bin für die Kooperation zwischen unseren Ländern, besonders im Bereich der Wissenschaft und Technik. Das ist auch so geblieben, obwohl ich 1995 als kritischer deutscher Journalist sogar einmal vorübergehend aus China ausgewiesen worden bin. Damals, als man mir Mikrofone ins Gesicht hielt, etwa live bei CNN, habe ich vor einem Verteufeln Chinas gewarnt. Dasselbe gilt auch heute. Emotionale Überreaktionen sind dumm. Punkt.

Heute aber scheinen weder Journalisten noch Wirtschaftsvertreter ein gutes Wort über China verlieren, ohne sich im Abseits zu fühlen. Das Pendel ist wieder am anderen Ende angekommen, wir sind wir gerade wieder einmal mal dabei, in jenes andere Extrem zu wechseln.

Am deutschen Wesen soll plötzlich auch in China wieder die Welt genesen. Es gibt Stimmen, die unsere gesamten deutschen Wirtschaftsbeziehungen wegen der Menschenrechte in Frage stellen wollen. Auch die kurzsichtige Politik des „Decoupling“ von China und das China-Bashing der China-Falken in Washington werden in Deutschland ohne viel eigenes Nachdenken einfach nachgeplappert.

Aktivismus bringt uns nicht weiter

Aber obwohl es richtig und wichtig ist, die Menschenrechte in China bei Kanzlerreisen anzusprechen – deutsche Hybris und plötzlicher Aktivismus wird uns da nicht weiterbringen, auch wenn es zufällig gerade idealistische Menschenrechts-Kämpfer bis in höchste Regierungsämter in Berlin geschafft haben. Noch einmal: Unsere erratischen Stimmungswandel gegenüber China, vergleichbar dem „himmelhoch jauchzend, abgrundtief betrübt“ eines Teenagers, sagen mehr über uns selbst aus als über die Realität in China.

Was wir brauchen im Umgang mit China sind gute Beziehungen auf der Basis gesunder Wirtschaftsbeziehungen und ein kritischer Dialog, der alle Probleme inklusive der Menschenrechte berührt – ohne unnötige Kotaus, aber auch ohne schrilles Geschrei.

Wir brauchen ferner eine langfristige Strategie, auf politischer Ebene und auch in den Vorstandsetagen unserer Konzerne – die nicht hin- und herschwankt wie ein Fähnchen im Wind, sondern selbstbewusst deutsche und europäische Interessen verfolgt, ohne China seine eigene Entwicklung absprechen zu wollen.

Es gibt Anlass zur Hoffnung. In vielen deutschen Vorstandsetagen setzt sich trotz des öffentlichen Kriegsgebrülls gegenüber China allmählich eine sachliche, langfristige Strategie des „China plus X“ durch. Lieferketten werden diversifiziert, zweite Standbeine in Thailand, Vietnam oder Osteuropa aufgebaut, aber nicht eine Abkoppelung vom chinesischen Markt angestrebt.

Auch, dass die Bundesregierung endlich begonnen hat, über eine langfristige China-Strategie nachzudenken, ist ermutigend. Der Chinabesuch von Olaf Scholz und seine persönliche Meinung zum Chinageschäft, die er gerade in einem Gastbeitrag für das Magazin Politico beschrieben hat, sind ein guter Anfang.

Die moderaten Töne des deutschen Bundeskanzlers unterscheiden sich auf erfreuliche Art und Weise von der einseitig negativen China-Debatte in der deutschen Öffentlichkeit. Wir müssten uns dem Wettbewerb mit einem immer innovativeren China stellen, schreibt Scholz sinngemäß. Und wörtlich: „Wir werden Kooperation anstreben, wo dies in unserem gegenseitigen Interesse liegt. Wir werden Kontroversen nicht ignorieren,“ schreibt Olaf Scholz. Way to go!

Mehr zum Thema

Neueste Artikel