InterviewZukunft des Büros: „Ein Raum, der mehr ist, als Tisch und Stuhl“

Citizen Office in Weil am RheinEduardo Perez / © Vitra


Nora Fehlbaum ist die Enkelin von Willi Fehlbaum, der in den 1950er-Jahren von Basel aus Designklassiker wie die der Eames-Brüder oder von Verner Panton weltweit etablierte. Fehlbaum führt das Unternehmen seit 2016.

Vitra – die Produktion befindet sich auf der deutschen Seite des Rheins – ist nicht nur Lieferant vieler Designklassiker sondern auch ein großer Büroausstatter. Deshalb haben sich die Verantwortlichen schon kurz nach Beginn der Corona-Pandemie mit den Folgen derselben für Arbeitsplätze und Wohnräume zu beschäftigen begonnen. Am 22. Und 23. Oktober diesen Jahres veranstalten sie – natürlich digital über ihre Website – eine Konferenz zum Thema.

Vitra-CEO Nora Fehlbaum (Foto: Tom Ziora / © Vitra)

Was hat sich bei Ihnen persönlich mit und durch Corona verändert?

Ich reise deutlich weniger, außerdem hat sich in meiner Routine, in meinen Abläufen viel geändert. Was mir aufgefallen ist: Gerade während dieser dunklen Wochen im Frühjahr, habe ich mich viel mit anderen Menschen in ähnlicher Position wie ich ausgetauscht. Wir haben oft darüber geschmunzelt, dass wir alleine in unseren Büros sitzen. Dass wir alle Mitarbeiter nach Hause schicken mussten, aber bei uns selbst als Chefs die Identifikation mit diesem Ort so groß ist, so dass wir uns jeden Tag versichern mussten: Steht alles noch? Wenn alles drunter und drüber geht – ist das Büro noch da, gibt es das Unternehmen noch?

Wie lange dauerte dieser Zustand an?

Das Home Office hat bei uns wie bei vielen anderen Unternehmen gut geklappt und wir sind sehr früh, sobald die Regelungen gelockert wurden, zurück in die Büros gekommen, weil wir den physischen Austausch vermisst haben. Und auch um zu unseren Kunden aufzeigen zu können, dass es unter den richtigen Vorgaben möglich ist, ins Büro zurück zu kommen. Wir mussten während des Lockdowns einige Leute wieder nach Hause schicken. Gerade wenn man aus einer Situation kommt, in der das Zuhause sich nicht als ideales Arbeitsumfeld präsentiert, die Kinder zu Hause sind, oder man sehr alleine ist, spielt die Rückkehr in das Büro eine wichtige soziale und produktivitätssteigernde Rolle.

Gab es bei Ihnen keine Mitarbeiter, die zuhause bleiben wollten?

Es gibt natürlich solche Fälle: Wenn die Pendelwege sehr lang sind oder die Stimmung im Team ist nicht ganz so gut, zum Beispiel. Ein Freund von mir, ein Architekt, der viele Unternehmen berät, hat gesagt: Wenn Unternehmen jetzt Mühe haben, die Mitarbeiter zurück ins Büro zu holen, müssen sie an ihrer Kultur arbeiten. Da gibt es fast immer tieferliegende Probleme.

Was war es, was sie vermisst haben, als Sie allein im Büro saßen?

Nicht viel. Ein etabliertes Team, welches sich gut kennt, kann schon mal ein paar Wochen aus der Ferne arbeiten. Aber mit der Zeit wird es schwieriger. Das sehen wir jetzt zum Beispiel in England und in den USA, wo man immer noch von zu Hause arbeitet und wo die Unsicherheiten nach wie vor sehr groß sind. Es ergibt sich mit der Zeit eine Art Auseinanderleben, wie in einer Distanzbeziehung. Es kommt leicht dazu, dass man den Bezug zueinander verliert. Ein Büro ist ja nicht nur ein Arbeitsort. Ein Büro ist oft auch der einzige Ort, wo eine Firma sich wirklich physisch manifestiert. Eine Umgebung strahlt immer etwas aus. Sie hat einen Einfluss auf die Mitarbeiter, die Kunden und auf alle, die sich darin aufhalten. Wenn mit der Zeit der Bezug zu diesem Ort verlorengeht, dann kann man auch die Orientierung verlieren. Was mache ich hier eigentlich? Wofür arbeite ich? Was ist mein Beitrag? Diesen Ort der Identifikation brauchen vielleicht nicht alle, aber viele Unternehmen und Mitarbeiter.

Wie sieht es bei der Nachfrage aus – merken Sie schon, dass wir einen Einschnitt erleben?

Es gibt schon seit vielen Jahren die Bewegung, das Büro wohnlicher zu gestalten – also den Einfluss des Zuhauses auf das Büro. Was jetzt passiert: das Büro beeinflusst das Zuhause. Das Zuhause ist plötzlich ein multi-funktionaler Ort. Es muss sehr viel mehr Funktionen aufnehmen als vorher. Dazu gehört arbeiten oder Homelearning, vielleicht geht man auch weniger ins Restaurant und empfängt mehr Gäste zuhause. Das führt zu einer konkreten funktionalen Nachfrage: Bürostühle für das Zuhause, zum Teil sogar höhenverstellbare Tische für das Zuhause, mehr Esszimmerstühle für das Zuhause. Aber auch die Einsicht, dass dieser Ort, an dem ich jetzt sehr viel mehr Zeit verbracht habe, es eigentlich wert ist, gut gestaltet zu werden. Oftmals lebt man mit einem Kompromiss, weil man sehr kurzfristig irgendetwas gekauft hat. Das steht dann da, man sieht es schon gar nicht mehr, man wird betriebsblind im eigenen Umfeld. Nachdem man sich jetzt doch drei, vier Monate in diesem Umfeld aufgehalten hat, spürt man den Drang doch etwas zu verändern. Die Klassikern, also  bestehende Werte, Dinge, die Sicherheit vermitteln, die schon viele Jahrzehnte da sind und noch viele Jahrzehnte gut sein werden sind besonders gefragt in diesen Zeiten.