Aufstieg der GrünenZu Weihnachten fehlt noch Lametta an den Windrädern

Capital-Chefredakteur Horst von Buttlar
Capital-Chefredakteur Horst von ButtlarGene Glover

Eine Frage und ein Satz bleiben in diesem Jahr haften, in dem die Grünen Erfolg auf Erfolg türmten: Am Abend der Bayern-Wahl auf der Party der Partei sprang Robert Habeck plötzlich in die Menge, gemeinsam mit dem Fraktionschef. Stagediving als neue politische Bewegung, Politik als Rockkonzert, der neue Star in das Meer der gereckten Hände, grenzenloser Jubel, Ektase.

Die neue Capital erscheint am 22. November
Die neue Capital ist am 22. November erschienen

Und abends dann, immerhin sitzend, bei „Anne Will“: Anton Hofreiter mit gerötetem Gesicht, wie er über den Kohleausstieg spricht. Es geht hin und her in der Runde, wann und wie raus aus dem Dreck, 2030, 2035, 2040, und plötzlich verfällt er in einen Bazar-Modus: „Sagen wir 2030?“, ruft er und streckt fast die Hand in Richtung NRW-Ministerpräsidenten Armin Laschet aus.

Done deal, der Planet ist gerettet.

Freude und Jubel sind nach großen Erfolgen verständlich, dürfen sein, auch überschwänglich. Aber man hatte an dem Abend auch das erste Mal das Gefühl, dass der Erfolg den Grünen zu Kopf steigt. Es fehlt jetzt zu Weihnachten eigentlich nur noch etwas Lametta an den Windrädern. Das wäre angemessen, den unglaublichen Siegeszug der Grünen zu würdigen.

Wie vegane Gemüsechips: endlich grenzenlos futtern

Den Aufstieg, der medial recht liebevoll (vielleicht zu liebevoll) begleitet wird, beobachte ich ein bisschen mit Staunen. Und ich überlege, sollte der Erfolg von Dauer sein, was es für unser Land bedeutet, wenn die Grünen künftig regelmäßig zweitstärkste oder gar stärkste Kraft sind und die Partei mit Robert Habeck den Kanzler stellt.

Nicht falsch verstehen: Ich finde, Habeck ist einer der sympathischsten Erscheinungen der deutschen Politik, man hört ihm gerne zu, wie Gedanken sich in ihm formen, da ringt jemand redlich, er ist aufrichtig. Er hat ein Anliegen. Gleichzeitig überlege ich, ob Leute wie er oder Katharina Schulze aus Bayern nicht ein wenig sind wie diese veganen Gemüsechips. Man denkt, man kann endlich mal grenzenlos futtern, bis man auf der Nähwerttabelle die Kalorien entdeckt.

Die Grünen können ja beides: mit Veggie Days und Vermögensabgaben sich mit Feuereifer unter zehn Prozent drücken. Und dann mit Wahlkämpfen, in denen sie über Sonne, Wind und Bienen reden, auf Wohlfühlwolken schweben.

Die Grünen werden in Deutschland aus vier Gründen gewählt: aus Überzeugung, aus Hysterie, als Lebensgefühl – und neuerdings als Flucht. Überzeugung ist klar, das ist der Kern. Hysterie, damit meine ich etwa Fukushima 2011. Wenn in Deutschland eine apokalyptische Panik ausbricht, werfen sich viele in die Arme der Grünen. Die sie freudig aufnehmen, schließlich ist Apokalypsenbewältigung ihre Kernkompetenz.

Lebensgefühl: Man ist einfach auf der Seite der Guten, sogar wenn man mit Canada-Goose-Jacke und To-go-Becher herumsteht und der SUV nur eine Straße weiter parkt. Man muss nichts erklären oder gar rechtfertigen, so wie man etwa Rechenschaft ablegen muss, die neoliberale Marketingtruppe von der FDP zu wählen. Man ist immer irgendwo zwischen Hambi und Bambi