KolumneWo sind die alten Männer für den Aufsichtsrat?

Bernd Ziesemer© Martin Kess

Bernd Ziesemer ist neuer Capital-Kolumnist. Der Wirtschaftsjournalist war von 2002 bis 2010 Chefredakteur des Handelsblattes. Anschließend war er bis 2014 Geschäftsführer der Corporate-Publishing-Sparte des Verlags Hoffmann und Campe. Ziesemers Kolumne erscheint jeden Montag auf Capital.de. Hier können Sie ihm auf Twitter folgen.


Ginge es allein nach den Regeln der guten Unternehmensführung, dann wäre Gerhard Cromme schon lange weg vom Fenster. Seine Bilanz als Vorsitzender des Aufsichtsrats von Thyssen-Krupp war so verheerend, dass sich eigentlich eine weitere einschlägige Tätigkeit verbietet. Trotzdem macht Cromme als Oberaufseher  eines anderen Konzerns weiter: bei Siemens.

Ginge es allein nach Leistung, dann wäre auch Klaus-Peter Müller bei der Commerzbank nicht mehr Aufsichtsratschef. Gerade scheiterte der 70-Jährige final vor Gericht mit dem dilettantischen Versuch, ein Mitglied seines Vorstands auf Biegen und Brechen loszuwerden. Schlimmer noch: Müller trägt bei dem Kreditinstitut die persönliche Verantwortung für Milliardenverluste während seiner vorangegangen Amtszeit als Vorstandschef.

Ginge es allein nach dem Alter, dann wäre für Manfred Schneider bei RWE wohl längst Schluss. Der ehemalige Bayer-Chef feiert in diesem Jahr seinen 77. Geburtstag, bleibt aber vermutlich noch zwei weitere Jahre Aufsichtsratschef beim zweitgrößten deutschen Energiekonzern. Im Gegensatz zu Cromme und Müller aber gilt wenigstens seine Aufsicht als tadellos.

Geeignete Nachfolger fehlen

Warum halten sich so viele Aufsichtsratschefs so lange im Amt? Dafür gibt es zwei wesentliche Gründe: Erstens klammern sich die meisten von ihnen überaus trickreich an ihre Ämter. Sie können sich einfach nicht mit dem Gedanken abfinden, ihre letzte Position mit Macht und Einfluss abzugeben. Zweitens fehlt es in deutschen  Aufsichtsräten aber auch an geeigneten Nachfolgekandidaten für den Vorsitz. Beispiel Siemens: Einige einfache Mitglieder des Aufsichtsrats dürfen nicht, weil sie bereits mit anderen Mandaten völlig ausgelastet sind – zum Beispiel Werner Wenning (Ex-Bayer-Chef) oder Norbert Reithofer (scheidender BMW-Chef). Andere wollen partout nicht – zum Beispiel Michael Diekmann (scheidender Allianz-Chef). Und wieder andere gelten als nicht geeignet – beispielsweise der ehemalige SAP-Chef Jim Snabe, der als Ausländer nicht mit den Finessen der Deutschland AG vertraut ist.

Die Gründe für den allgemeinen Kandidatenmangel sind vielfältig: Anders als früher können ehemalige Vorstandschefs nicht mehr bruchlos in ihren Aufsichtsrat wechseln. Die Anforderungen an das Amt (und seine Risiken) sind in den letzten Jahren stetig gewachsen. Wahr ist aber auch: In meisten Aufsichtsräten existiert keine vernünftige Nachfolgeplanung. Man lebt immer noch von der Hand in den Mund.

„Ohne Seniorität“ geht es nicht

Alle Welt redet gegenwärtig über die Suche nach geeigneten Frauen, um die gesetzliche Quote in den Aufsichtsräten zu erfüllen. Genauso wichtig aber wäre eine systematische Suche nach geeigneten Kandidaten für den Vorsitz der Aufsichtsräte. Ob man es gut findet oder nicht: In der Regel kommen dafür bis auf Weiteres nur ältere Männer in Frage. „Ohne Seniorität“ (so Manfred Schneider) geht es nicht. Erst wenn genügend Frauen lange genug die Aufsichtsräte bevölkern, werden sie auch die Spitze erobern.

Letztlich liegt die Verantwortung bei den Aktionären, die sich bisher jedoch zu wenig um dieses Problem kümmern. Nur durch aktivistische Investoren wie etwa Cevian kommt allmählich mehr Zug in die Besetzung deutscher Aufsichtsräte. Wo sie wesentliche Beteiligungen halten, wie zum Beispiel beim Baukonzern Bilfinger, gibt es keine Chance mehr für Leute wie Cromme.