Logistik Wo bleibt die Amazon-Drohne?

Innerhalb von fünf Jahren sollte aus diesem Prototypen einer Amazon-Drohne im Jahr 2013 ein Massenprodukt werden. Dieser Plan ist offensichtlich gescheitert
Innerhalb von fünf Jahren sollte aus diesem Prototypen einer Amazon-Drohne im Jahr 2013 ein Massenprodukt werden. Dieser Plan ist offensichtlich gescheitert
© IMAGO/Zuma Press
Bereits 2013 kündigte Amazon-CEO Jeff Bezos eine Lieferdrohne an. Pakete sollten so innerhalb von 30 Minuten beim Kunden sein. Doch die Realität liefert ein anderes Bild – aus vielerlei Gründen

Liefern innerhalb von 30 Minuten – das versprach Amazon-Chef Jeff Bezos bereits 2013. Innerhalb von fünf Jahren sollten Drohnen die Pakete präzise und schnell an die Haustür liefern. Fast ein Jahrzehnt und 2 Mrd. US-Dollar später arbeiten mehr als 1.000 Mitarbeiter an dem Projekt. Doch fertig ist es dadurch noch lange nicht.

Technische Schwierigkeiten, hohe Fluktuation und Sicherheitsbedenken prägen das Projekt. Ein schwerer Absturz im Juni 2021 mit einem Buschfeuer als Folge veranlasste die US-Bundesaufsicht sogar, die Lufttüchtigkeit der Drohnen in Frage zu stellen.

Ein Amazon-Sprecher sagte zwar, niemand sei jemals durch die Drohnenflüge verletzt worden. Man halte alle geltenden Vorschriften ein. Doch klar ist: Der Druck auf das Management hat zugenommen.

Großer Kostenfaktor fällt weg

Amazon will dieses Jahr neue Testgelände eröffnen und 12.000 Testflüge durchführen – bis Ende Februar waren es allerdings noch nicht einmal 200. Derzeit können Amazon-Drohnen Pakete von bis zu 2,3 kg auf Strecken bis zu elf Kilometern innerhalb einer halben Stunde ausliefern. Einer der größten Kostenfaktoren des Konzerns fällt dabei weg weg: Die Fahrer.

Geforscht und probiert wird auch bei der Konkurrenz: Google Wing betreibt ein eigenes Drohnentestprogramm nördlich von Dallas. Walmart und UPS testen Ähnliches. Der Druck steigt: Einige Mitarbeiter meinen, Amazon stelle wie so oft Geschwindigkeit vor Sicherheit, um der erste am Markt zu sein. 

„Es muss erst jemand sterben, damit sie diese Sicherheitsfragen ernst nehmen”, sagte Cheddi Skeete, ein ehemaliger Projektmanager für Drohnen bei Amazon. Nach seinen Angaben wurde er im vergangenen Monat entlassen, weil er Vorgesetzten gegenüber Bedenken geäußert hatte. Ein Sprecher des Unternehmens widersprach dem.

Amazon startete das Drohnen-Projekt 2013 unter der Leitung von Softwareentwickler Gur Kimchi. Die Maschinen, die Bezos damals vorstellte, konnten kaum eine Meile fliegen, wurden von Windböen herumgewirbelt und waren weit davon entfernt, Bäumen und Stromleitungen ausweichen zu können.

Das Team ging mehr als zwei Dutzend Konzepte durch. Die Arbeit war mühsam und langsam. Die Konzernspitze entschied sich schließlich für eine fast 40 Kilogramm schwere Drohne, die immerhin 2,3-Kilo-Pakete transportieren konnte – eine Nutzlast, die etwa 85 Prozent aller ausgelieferten Pakete abdeckt. Kritiker monierten damals, die Drohne sei zu schwer, was wiederum mehr Batteriekapazität nötig macht – ein Teufelskreis.

Umstrittener Nachfolger

Bezos blieb offenbar gelassen. Berichten zufolge ging es ihm vor allem um die technische Überlegenheit der Drohne. Mit sechs Propellern kann Amazons Drohne jetzt nicht nur auf und ab, sondern auch vorwärts fliegen – ein schwieriges technisches Kunststück. Die Flügel umschließen die Propeller als zusätzlichen Schutz.

Kimchi nahm Sicherheit ernst und gab seinem Team Zeit, um Fehler zu beheben. Informationen wurden frei weitergegeben, die Mitarbeiter durften sich Videos von Abstürzen ansehen, um zu beurteilen, was schief gelaufen war. Die Sicherheitskultur wurde als ausgeprägt beschrieben.

Doch eine Frist nach der anderen verstrich, so ein ehemaliger Mitarbeiter. Jeff Wilke, der damals die Verbrauchersparte von Amazon leitete, wollte die Drohne auf einer Tech-Konferenz 2019 vorführen und ankündigen, dass die Lieferungen bis Ende des Jahres beginnen würden. Die Mitarbeiter wussten, dass der Zeitplan unrealistisch war, trauten sich aber nicht, ihn in Frage zu stellen.

Wilke präsentierte die Drohne in einem Hotel in Las Vegas und kündigte den Beginn der Auslieferungen binnen „Monaten” an. Kimchi wurde kurz darauf als Projektleiter entlassen und verließ Amazon noch im selben Jahr.

Im März 2020 stellte Amazon David Carbon ein, um das Drohnenprogramm zu leiten. Carbon kam von Boeing, und ihm ging ein Ruf voraus: Eine Untersuchung der „New York Times“ hatte zuvor aufgedeckt, dass eine von Carbon geführte Boeing 787-Fabrik offenbar Produktion vor Sicherheit stellte. Die Zeitung zitierte Mitarbeiter, die von Repressalien berichteten, weil sie Sicherheitsbedenken geäußert hatten. 

Auslagerungen nach Costa Rica

Als Amazon im folgenden Jahr Carbons Einstellung intern bekannt gab, hieß der interne Rat, nicht alles zu glauben, was in der Presse stand. Carbons Erfahrung in der Branche half jedenfalls, die Entwicklungsarbeit zu beschleunigen und das Projekt in die Spur zu bekommen. Er begann, einen Teil der Drohnenproduktion auszulagern. Er schloss Werke in England und Frankreich und verlegte einige Bilderkennungsarbeiten ins kostengünstigere Costa Rica.

Ehemalige Mitarbeiter berichteten jedoch auch von Flugteams, die zu wenig Personal hatten und unzureichende Ausrüstung. Geflogen wurde trotzdem.

Während unter Kimchi Informationen umfassend geteilt wurden, schob Carbon dem einen Riegel vor. Nur noch ausgewählte Personen bekamen Videos von Abstürzen zu sehen. Ein Mitarbeiter behauptete, Sicherheitsbedenken würden „unter den Teppich gekehrt”. Carbon habe den Mitarbeiter daraufhin ermahnt, mit seiner Wortwahl vorsichtiger zu sein. Carbons Reaktion hätte eine abschreckende Wirkung gehabt und andere davon abgehalten, sich zu äußern.

Amazon-Boss Jeff Bezos hat große Pläne für die Luftfahrt
Amazon-Boss Jeff Bezos hat große Pläne für die Luftfahrt
© IMAGO/Zuma Wire

Letztes Jahr kam es innerhalb von vier Monaten zu fünf Unfällen auf einem Testgelände in Pendleton, Oregon. Unfälle bei Luftfahrt-Testprogrammen sind zwar unvermeidlich, da die Ausrüstung absichtlich bis an die Grenzen belastet wird. Hierbei handelte es sich aber um Drohnen, die bald für öffentliche Tests eingesetzt werden sollten. Im Mai löste sich ein Propeller, im Juni fiel ein Motor aus. Die Drohne stürzte ab und verursachte ein Feuer – 25 Hektar verbrannten. 

Die Stimmung im Team verschlechterte sich. Letztes Jahr, dem ersten vollen Jahr unter Carbon, wurden mehr als 200 Mitarbeiter entlassen, mehr als doppelt so viele wie im Jahr davor.

Noch Jahre bis zur Zulassung

Skeete war einer von ihnen. Er kritisierte, dass es auf einem Testgelände keine Toiletten gab. Er bezweifelte, dass die Motoren der Drohnen nach einem Absturz wirklich alle geprüft worden waren. Er wollte die Abteilung wechseln, bewarb sich auf mehr als 30 Stellen. Letzten Monat wurde er entlassen. Er lehnte ab, eine Geheimhaltungsvereinbarung zu unterzeichnen. Das kostete ihn eine lukrative Abfindung, sagte er. Zu viele hätten bereits geschwiegen.

Es dürfte also wohl noch Jahre dauern, bis die US-Luftfahrtbehörde kommerzielle Drohnenlieferungen genehmigt.

© 2022 Bloomberg L.P.

Mehr zum Thema

Neueste Artikel