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Bauen geht immer. Aber rechnet es sich auch? Der Unterschied zwischen erstklassiger Infrastruktur und einer
Bauen geht immer. Aber rechnet es sich auch? Der Unterschied zwischen erstklassiger Infrastruktur und einer „Brücke ins Nirgendwo“ besteht oft nur aus wenigen Metern
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Dass der Zins fast bei null liegt, treibt die einen zur Verzweiflung, andere ins Risiko, und manche bringt es zu Werner Landwehr. „Geld ist nicht da, um Geld zu vermehren“, steht auf dem mannshohen Plakat neben seiner Besprechungsecke, „sondern um Ideen zu verwirklichen.“

Landwehr ist Berliner Regionalleiter der GLS Bank, die sich selbst die „erste sozial-ökologische Universalbank der Welt“ nennt. In den späten 70er-Jahren kam er in die Alternativhochburg Kreuzberg, Mitte der Neunziger stieß er auf die „Gemeinschaftsbank Leihen und Schenken“ und begann eine Bankausbildung.

Äußerlich unterscheidet ihn heute nichts von den Branchenkollegen in konservativem Anzug und Schlips. Auch die Fragen im Beratungsgespräch an seinem schlichten Holztisch sind im Prinzip dieselben: Wie viel Sicherheit wünscht der Kunde, wie viel Liquidität? Und ja, eigentlich auch: Was springt dabei heraus, wie steht es mit der Rendite?

Ethisch bewusstes Anlegen

Die wird hier allerdings nicht nur in Euro gemessen. „Die Bank muss mir sagen, was sie mit dem Geld tut“, sagt Landwehr. Das Geld soll sich nicht einfach, egal wie, vermehren, es soll dabei etwas Sinnvolles schaffen. Es geht um die richtigen Ideen und um größtmögliche Transparenz: Wer T-Shirts und Steaks nach ethischen Kriterien einkauft, der soll auch bewusst anlegen können.

„Wissen, wo mein Geld wirkt“, ist das Versprechen der GLS, die seit der Finanzkrise einen kleinen Boom erlebt. An die 200 000 Kunden hat sie inzwischen, monatlich kommen etwa 2 000 neu hinzu.

Warum also kriegen die Sparer heute keine Zinsen für ihre Einlagen mehr? Werner Landwehr stellt die Gegenfrage: „Mit welcher Begründung sollten sie überhaupt etwas ­bekommen?“

Eine Bank kann nur Zinsen zahlen, wenn sie das Ersparte selbst zu lukrativen Konditionen weiterverleiht. Das ist heute fast unmöglich, denn auch im globalen Finanzsystem gilt das Prinzip von Angebot und Nachfrage – und es gibt mehr als reichlich Geld. Manche Staaten erhalten sogar schon eine Art Parkprämie dafür, dass ihnen überhaupt etwas geliehen werden darf: Die Renditen ihrer Staatsanleihen sind negativ.

Episode oder Ära?

Sind Nullzinsen oder Aufbewahrungsgebühren also bald die neue Normalität, auf die sich jeder langfristig einstellen muss? Ist das alte Versprechen der Finanzbranche passé, der fleißige Sparer könne doch sein Geld für sich arbeiten lassen?

Der Zins werde nur vorübergehend radikal gedrückt, um die Konjunktur zu stützen, beteuern die Notenbanker, die mit immer neuen Milliarden Anleihen kaufen. Diese Politik sei in Wahrheit eine „schleichende Enteignung“, klagen Sparer und Großanleger wie die Versicherungswirtschaft.

Doch renommierte Ökonomen warnen, der Mini-Zins habe noch andere Ursachen als die Tricks der Währungshüter – weshalb er auch so bald nicht verschwinden werde. Ihre These: In großen Teilen der Welt wird viel mehr gespart, als auf einigermaßen sichere Weise investiert werden kann.

Willkommen auf der Reise in einen Kapitalismus des Zuviel, in eine Welt des Überflusses an Kapital.

Die Kirche und der Zins

Philosophen und Theologen haben das Verleihen von Geld gegen Geld immer schon gegeißelt. Es erscheint unproduktiv und gierig, spaltet die Gemeinde in reiche Ausbeuter und verschuldete Habenichtse. Im Islam ist der Kreditzins daher ganz verboten, die katholische Kirche hob ihr Zinsverbot erst 1830 offiziell auf.

Die Geschichte zeigt freilich auch, welche Kräfte gerade dadurch freigesetzt werden, dass die Verwendung von knappem Kapital nach den Regeln des offenen Marktes – und nicht bloß der geschlossenen Filzgesellschaft – gelenkt wird. Denn der Zins verkörpert im Kern das einleuchtende Prinzip, dass 100 Euro hier und jetzt wertvoller sein sollten als 100 Euro in 25 Jahren.

Wer heute verzichtet, bekommt dafür später eine Belohnung. Wer sich dagegen etwas leiht, muss es mit einem Aufschlag zurückgeben. Dieses Prinzip ist einerseits ein Lockmittel für die Sparer, andererseits eine Sortiermaschine für die Schuldner und ihre Pläne.

Sparer und Schuldner

Natürlich hängt die Kapitalbildung immer auch von anderen Faktoren ab: von den Einkommen und ihrer Verteilung, von der Demografie, von den Absatzerwartungen und den Eigenmitteln der Unternehmen.

Für die Sparer hat der Zins zudem zwei gegensätzliche Wirkungen: Je geringer er ist, desto unattraktiver wird es, das Geld anderen zu überlassen. Desto mehr muss aber derjenige zurücklegen, der auf eine bestimmte Summe hin spart. Empirische Studien zeigen meist, dass sich beide Effekte aufheben und die Sparquote insgesamt nur wenig auf Zinsänderungen reagiert.

Für die Schuldner ist allerdings klar: Je höher der Zins, desto lohnender muss das geplante Projekt sein. Und je billiger das Leihen, desto länger kann gewartet werden, bis sich Investitionen einmal auszahlen. Eugen von Böhm-Bawerk, der im Wien des späten 19. Jahrhunderts die moderne Kapitaltheorie entwickelte, hat den Zins daher als den Preis bezeichnet, der die „Mehrergiebigkeit längerer Produktionsumwege“ anzeigt.