Leben ohne ZinsenWer hat den Zins verschwinden lassen?

EZB in Frankfurt bei Sonnenuntergang
Die Europäische Zentralbank im Krisenmodus?Bild von homer0922 auf Pixabay

An einem Vormittag Anfang Oktober steht Thomas Weinberg vor seinem Computerbildschirm und versteigert die deutschen Staatsschulden, so wie fast jeden Mittwoch. Weinberg ist Chefhändler der Bundesfinanzagentur, und in einem Bürogebäude am Frankfurter Stadtrand versammeln er und seine Kollegen sich um kurz vor halb zwölf, um die Gebote zu vergleichen. Angekündigt hatten sie den Verkauf deutscher Staatsanleihen mit einer Laufzeit von fünf Jahren im Wert von 3 Mrd. Euro. Weinberg, kurze graue Haare, sagt: „Wir bereiten jede Auktion sorgfältig vor. Die Zuteilung selbst dauert dann nur zwei bis drei Minuten.“

Die Auktion läuft seit neun Uhr, aber die Banken lassen sich Zeit. „Die meisten Gebote kommen erst in letzter Minute“, sagt Weinberg. 36 Banken dürfen sich beteiligen, den Zuschlag bekommt, wer am meisten dafür bietet, dem deutschen Staat Geld leihen zu dürfen. Es ist ein begehrtes Recht, und der Ausgang der wöchentlichen Versteigerungen interessiert Anleger und Medien auf der ganzen Welt. Denn hier entscheidet sich, zu welchem Zinssatz sich Anleger risikolos verschulden können. Deutsche Staatsanleihen sind eine Benchmark für sichere Investments, ihnen gegenüber werden Risikoaufschläge berechnet.

Ein globales Phänomen

Um 11.30 Uhr ist Schluss, und schon wenige Minuten später zieht Weinberg vor der Tür das Resümee: „Wir hatten 3 Mrd. angekündigt und Gebote über 5,9 Mrd. Euro bekommen.“ Letztlich haben sie Staatsanleihen im Wert von 2,3 Mrd. Euro verkauft. Die Banken zahlen nun 2,4 Mrd. Euro dafür, dass sie in fünf Jahren vom deutschen Staat 2,3 Mrd. Euro zurückbekommen. In anderen Worten: Sie machen jedes Jahr ein Minus von 0,77 Prozent. Vor wenigen Jahren hätte all das noch verrückt geklungen, aber der Verkauf deutscher Staatsschulden läuft nun schon eine Weile so: Verspricht die Bundesrepublik, in zwei Jahren 3,2 Mrd. zurückzuzahlen, geben Banken ihr dafür 3,24 Mrd. Euro. Verspricht sie 2,4 Mrd. in zehn Jahren, bekommt sie 2,55 Mrd. Euro. 2015 verschwanden die Renditen auf fünfjährige Staatsanleihen, 2016 die auf zehnjährige, im August 2019 gab es auch auf 30-jährige Anleihen keine Zinsen mehr. Es ist die neue Normalität.

Und das Phänomen ist global: Egal ob Staatsanleihen aus der Schweiz oder Japan, egal ob Unternehmensanleihen mit bestem Rating – Investoren schieben Billionen in Anlagen,
die zwar Sicherheit, aber auch negative Rendite garantieren. Ende August steckten weltweit 16 900 Mrd. Dollar in negativ verzinsten Anleihen (siehe auch Seite 148). Allein in den vergangenen zwölf Monaten hat sich diese Summe knapp verdreifacht. Dass die Zinsen immer weiter fallen, beklagen Investoren und Sparer nun seit Jahren. Wer aber darauf gehofft hatte, dass die Zinsen nur vorübergehend verschwinden, muss angesichts dieser Zahlen einer unangenehmen Wahrheit ins Auge sehen: Der Zins ist weg, und er wird so schnell nicht wiederkommen.

Mit dem Zins aber verschwindet ein Versprechen, das Jahrzehnte bestand: Wer heute verzichtet, hat morgen mehr – und wer heute mehr ausgeben will, muss morgen verzichten. Das Ende des Zinses verändert weit mehr als nur die Geschäftsmodelle von Banken und Lebensversicherungen. Eine ganze Generation wird ohne die Gewissheit aufwachsen, dass Sparen lohnt. Anleger müssen deshalb radikal umdenken – das gilt für ihren Vermögensaufbau, ihre Vorsorge, aber auch für ihren Konsum und ihren Immobilienkauf.

Schmalere Rendite für Investoren

Eine Frage aber bleibt: Wie konnte es eigentlich so weit kommen? Weinberg, der seit 2004 für die Finanzagentur arbeitet, kennt noch die Zeiten, als Deutschland vier Prozent für fünfjährige Anleihen zahlte. Auch damals rissen die Investoren ihm die Papiere aus der Hand. Ebenso in Krisenzeiten wie 2009. „Banken wurden stabilisiert, es gab ein Konjunkturprogramm, Griechenland hat gewackelt“, sagt Weinberg. „Investoren aber hatten Geld, wollten es anlegen und nicht unter dem Kopfkissen parken. Also suchten sie sich das Wertpapier, das risikolos und leicht veräußerlich ist. Das waren damals wie heute Bundeswertpapiere.“

Warum solche sicheren Anlagen heute Verluste abwerfen, dafür gibt es mehrere Erklärungen. Die in Deutschland populärste These ist: Die Notenbanken sind schuld. Die Sündenbockthese ist beliebt bei Boulevardmedien und manchen Vertretern von Sparkassen. Nach der Finanzkrise hatten Notenbanken die Zinsen gesenkt, um Investitionen anzukurbeln und eine weitere Rezession zu verhindern. Zum Beispiel die EZB. Die Zinsen, die Banken dort für ihre Einlagen auf den Notenbankkonten bekommen, fielen von 3,25 Prozent im Juli 2008 innerhalb von vier Jahren auf null. Im Juni 2014 waren sie erstmals negativ, und zuletzt hat die EZB sie im September 2019 noch einmal von –0,4 auf –0,5 Prozent gesenkt. Natürlich führt das letztlich dazu, dass auch die Banken ihre Kreditzinsen senken – genau wie jene, die sie ihren Kunden für Guthaben zahlen.