Anzeige
Anzeige

Konjunktur Wie US-Pharmafirmen die Eurozone in die Rezession drücken

Im März wurden deutlich weniger Medikamente produziert. Das führte zu einem Einbruch der irischen Wirtschaft
Im März wurden deutlich weniger Medikamente produziert. Das führte zu einem Einbruch der irischen Wirtschaft
© IMAGO/Political Moments
Die europäische Wirtschaft ist im ersten Quartal um 0,4 Prozent eingebrochen. Neue Berechnungen zeigen, dass vor allem die geringere Medikamentenproduktion Schuld am Minus war – und damit auch maßgeblich Irland

Gerade einmal fünf Millionen Menschen leben in Irland. Gemessen daran, ist die Relevanz der irischen Volkswirtschaft für die Europäische Union beträchtlich. Das liegt an Tech-Firmen wie Google, Apple oder Amazon, die dort ihre Europazentralen haben, genauso wie an Pharmafirmen wie Pfizer oder Novartis, die ebenfalls wichtige Niederlassungen vor Ort haben. Das führt dazu, dass Irland das drittgrößte BIP pro Kopf in der EU hat. Jeder Ire produziert jährlich Waren und Dienstleistungen von durchschnittlich 100.000 Euro. Zum Vergleich: Der Durchschnittswert innerhalb der EU beträgt rund 30.000 Euro. Und insofern verwundert es auch nicht, dass Ausschläge in der irischen Konjunktur das europäische BIP stark beeinflussen. 

Zuletzt ist genau das wieder geschehen – mit einem unschönen Ergebnis: Denn nachdem die irische Wirtschaft die EU im vergangenen Jahr noch vor einer Rezession bewahrte, sorgte sie jetzt für das genaue Gegenteil. Weil das irische BIP im ersten Quartal um 10,7 Prozent gegenüber dem Vorjahr einbrach, stürzte auch Europas Wirtschaft insgesamt um 0,4 Prozent ein.  

Die hohe Volatilität und ihre Folgen für die EU beschäftigen Ökonomen schon länger. Viele halten die Entwicklung der irischen Wirtschaft für künstlich und verzerrt, weil der Erfolg maßgeblich von der Steuerpolitik des Landes ausgeht. In Irland müssen Unternehmen einen Körperschaftssteuersatz von gerade einmal 12,5 Prozent entrichten. Dies trug zu dem starken Aufschwung der irischen Wirtschaft bei, die nach der Finanzkrise 2008 mächtig Fahrt aufnahm. Es führt aber auch zu starken Abhängigkeiten von großen Unternehmen wie Alphabet oder Meta, die durch einzelne Entscheidungen das gesamte irische BIP beeinflussen können. Sowohl nach oben als auch nach unten. 

Weniger Medikamente produziert

Genau das ist jetzt auch im ersten Quartal passiert. Ein großer Teil des Einbruchs erklärt sich nämlich durch die schwächere Produktion von US-Pharmaunternehmen, die ihre Medikamente hauptsächlich in Asien herstellen lassen. Weil die Patente allerdings in Irland liegen, fällt der Einbruch von 39,3 Prozent aus dem März in Europa an. Vor allem deshalb brach das Wirtschaftswachstum in Irland und damit auch in der EU ein. Auf der anderen Seite waren die Pharmafirmen unter anderem auch dafür verantwortlich, dass das Wachstum in den vergangenen Jahren einigermaßen stabil war.  

Den stärksten Ausschlag konnte man im ersten Quartal 2015 sehen, als zahlreiche US-Unternehmen auf einen Schlag ihre Patente und Software nach Irland verlagerten, und so die irische Wirtschaft um gleich 20 Prozent wuchs.  

Die Europäische Zentralbank und ihr irisches Pendant sind sich dieser Verzerrung bewusst. Die irische Zentralbank gibt deshalb seit längerer Zeit das sogenannte BNE-Star heraus – eine bereinigte Form des Bruttonationaleinkommens ohne die Auswirkungen multinationaler Unternehmen auf das BIP. Während das offizielle Wachstum 2022 bei 12,2 Prozent lag, zeigte das BNE-Star lediglich ein Plus von 5,9 Prozent. Auch EZB-Chefvolkswirt Philip Lane, selbst Ire, hat immer wieder auf die Sonderrolle Irlands hingewiesen und betont, dass man die Zahlen nicht zu ernst nehme. 

Aktivitäten zwar real, aber verzerrend

„Das BIP war insbesondere seit 2015 ein durchweg unzuverlässiger Indikator für die zugrunde liegende Leistung der irischen Wirtschaft“, sagte Dermot O'Leary, Chefökonom des Maklerunternehmens Goodbody, gegenüber der „Financial Times“. Die Aktivitäten multinationaler Unternehmen, einschließlich der „Verlagerung von geistigem Eigentum, Handelsgeschäften und Auftragsfertigung“ hätten dazu beigetragen, „das irische BIP zu verzerren, vor allem auf kurze Sicht“.  

Aber er fügte auch hinzu: „Die Aktivitäten der multinationalen Unternehmen sind real und hatten in den letzten Jahren einen sichtbaren Einfluss auf den Aufschwung der irischen Wirtschaft.“ Die Beschäftigung durch ausländische Direktinvestitionen sei in den letzten fünf Jahren um durchschnittlich acht Prozent gestiegen. „Es handelt sich dabei um hoch bezahlte Arbeitsplätze, die zu einem außerordentlichen Anstieg der Steuereinnahmen beigetragen haben, zusätzlich zu dem Boom bei den Körperschaftssteuereinnahmen“, sagte O'Leary. 

Mehr zum Thema

Neueste Artikel

VG-Wort Pixel