MarkenmomentWie Roeckl unabhängiger vom Wetter werden will

Roeckl-Messestand: Das Unternehmen ist für seine Handschuhe bekannt
Roeckl-Messestand: Das Unternehmen ist für seine Handschuhe bekanntimago images / Jan Huebner

Ein richtig kalter Winter in Mitteleuropa wäre mal wieder nach dem Geschmack von Annette Roeckl. Das Wetter habe einen „direkten Einfluss“ auf ihr Geschäft, sagt die geschäftsführende Gesellschafterin der gleichnamigen Firma, die seit 181 Jahren hochwertige Damenhandschuhe verkauft. Rund 80.000 Paar werden pro Jahr in der Roeckl-Manufaktur in Rumänien gefertigt.

Doch wenn die Winter milder ausfallen, kaufen die Leute weniger Handschuhe. Das gilt auch für das Luxussegment, in dem Roeckl unterwegs ist. Doch während für weltumspannende Konzernluxusmarken wie Hermès oder Prada Handschuhe nur einen Bruchteil ihres Umsatzes ausmachen, hängt bei Roeckl das Schicksal immer noch stark am Stammprodukt. Auch deshalb musste das Unternehmen im April 2017 vorläufige Insolvenz anmelden.

Die aktuelle Capital

Eigentümerin Roeckl sagt heute, die Sanierung sei wie eine „Not­operation“ gewesen. „Da weiß man auch, dass etwas schiefgehen könnte.“ Doch Roeckl nutzte das Verfahren, das nach sechs Wochen beendet wurde, nicht nur, um Kosten loszuwerden – etwa indem sie die unprofitablen der firmeneigenen Boutiquen schloss. Sie stellte auch die Marke neu und vor allem breiter auf.

So baut Roeckl das Geschäft mit Handtaschen, Geldbörsen und Tüchern, in das die Firma vor einiger Zeit eingestiegen war, kontinuierlich aus. Ihr Ziel: Das Unternehmen aus München soll von einem Handschuh- zu einem Accessoirehersteller werden. Anders als Handschuhe hängen Handtaschen und Geldbörsen nicht am Wetter. Zudem lassen sie sich mit legeren Casual Outfits kombinieren, die sich auch im Luxusbereich stärker durchsetzen.

Roeckl soll internationaler werden

Noch immer machen Handschuhe rund 65 Prozent des Umsatzes aus. Künftig soll der Anteil der anderen Accessoires deutlich steigen – wobei Annette Roeckl das Know-how als Lederspezialist mit eigener Fertigung in den Mittelpunkt stellen will. Auch bei den Accessoires will Roeckl die Marke im Premiumsegment positionieren. Man habe schließlich früher Königshäuser beliefert, sagt sie. Dieses Markenerbe sei „der Fixstern, auf den wir alles ausrichten“.

Darüber hinaus will Roeckl die Marke stärker internationalisieren. Bislang liegt der Umsatzanteil des Heimatmarktes noch bei rund drei Viertel, außerhalb der EU ist Roeckl bislang lediglich in Russland stärker vertreten. Selbst China könnte auf mittlere Sicht eine Option sein.

Nicht zuletzt um die geplante Expansion zu finanzieren, will Roeckl neue Erlösquellen anzapfen – etwa indem sie ihre beiden Manufakturen für Auftragsfertigungen anderer Marken öffnet. Vorstellen kann sie sich auch, ausgewählte Produkte in einem Co-Branding mit einem namhaften Designer oder Handelshaus aufzulegen. Dabei will Roeckl darauf achten, die Marke nicht zu überfordern. Es gehe um „kleine Schritte auf stabilem Boden“. Denn eines hat sich auch nach dem Neustart nicht verändert: Ein richtiger Winter lässt weiter auf sich warten.

Unternehmen

Roeckl wurde 1839 vom Handschuhmacher Jakob Roeckl gegründet. 1893 wurde die Firma zum königlich-bayerischen Hoflieferanten ernannt. Später entwickelte sie auch Sporthandschuhe – dieses Geschäft wurde 2000 ausgegliedert. Heute ist Roeckl mit 290 Mitarbeitern in sechster Generation im Besitz von Gesellschaftern aus der Gründerfamilie.

 


Der Beitrag ist in der Capital 04/2020 erschienen. Die Serie Markenmoment erscheint jeden Monat in Capital. Interesse an Capital? Hier geht es zum Abo-Shop, wo Sie die Print-Ausgabe bestellen können. Unsere Digital-Ausgabe gibt es bei iTunes und GooglePlay