BIPWie Ökonomen den Konjunktureinbruch beurteilen

Räumungsverkauf wegen Geschäftsaufgabe. Vielerorts leidet der Einzelhandel unter den Folgen des Lockdowns. Viele Händler verzeichnen starke Umsatzeinbußen, Geschäfte geben auf, während der Online-Handel floriert.imago images / Winfried Rothermel

Das deutsche Bruttoinlandsprodukt ist im vergangenen Jahr um ganze fünf Prozent eingebrochen, ergaben Berechnungen des Statistischen Bundesamtes. Damit ist klar: Die Corona-Krise hat die deutsche Wirtschaft in eine tiefe Krise gestürzt, die laut Statistischem Bundesamt nahezu alle Wirtschaftsbereiche betrifft.

Die Industrie litt vor allem unter den in der ersten Jahreshälfte gestörten oder ganz zusammengebrochenen internationalen Lieferketten. Im Verarbeitenden Gewerbe ging die Wirtschaftsleistung um 10,4 Prozent im Vergleich zu 2019 zurück, im Produzierenden Gewerbe ohne Bau um 9,7 Prozent. Die Gastronomie trafen die Restriktionen zum Infektionsschutz und zeitweisen Schließungen heftig: In Handel, Verkehr und Gastgewerbe ging die Wirtschaftsleistung demnach um 6,3 Prozent zurück.

Der einzige Sektor, dem die Corona-Pandemie nicht geschadet zu haben scheint, ist das Baugewerbe: Es legte im Krisenjahr sogar um 1,4 Prozent zu. In der Corona-Krise seien mit den konsumnahen Dienstleistern auch solche Wirtschaftsbereiche betroffen, die sonst weniger schwankungsanfällig seien und gesamtgesellschaftlich stabilisierend wirkten, sagt Stefan Kooths, Direktor des Forschungszentrums Konjunktur und Wachstum am IfW Kiel.

Einbruch während der Finanzkrise zur Hochkonjunktur

Angesichts der historischen Ausmaße der Krise liegt der Vergleich zur Wirtschafts- und Finanzkrise 2008/2009 nahe. Der Wirtschaftseinbruch fiel damals mit einem Rückgang des BIP um 5,7 Prozent noch höher aus. Und trotzdem stellt Kooths fest: „Der Rückgang des Bruttoinlandsproduktes um 5,0 Prozent markiert die schlimmste Wirtschaftskrise seit Bestehen der Bundesrepublik.“ Zwar sei der Einbruch während der Rezession im Jahr 2009 numerisch noch etwas höher ausgefallen, jedoch habe der Schock der Finanzkrise die deutsche Wirtschaft damals in der Hochkonjunktur getroffen. Demgegenüber sei die Gesamtwirtschaft zu Beginn des Jahres 2020 nach zwei Jahren des Abschwungs normal ausgelastet gewesen, die Industrie habe sich bereits in der Rezession befunden. „Die rückläufige Wirtschaftsleistung hat sich somit 1:1 in eine Unterauslastung der Produktionskapazitäten übersetzt“, sagt Kooths.

Die Rezession im Zuge der Corona-Krise unterscheide sich grundlegend von der im Zuge der Finanzkrise, stellt Timo Wollmershäuser, Leiter der Konjunkturforschung und -prognosen am ifo Institut, fest: „Die Ursachen waren ganz andere und auch die Geschwindigkeit, mit der sich die Konjunktur abgekühlt hat und in die Rezession gestürzt ist, war eine ganz andere“. Der Einbruch in der Corona-Krise sei viel schneller passiert als in der Finanzkrise. „Damals hat sich die Konjunkturkrise langsam angebahnt“, sagt Wollmershäuser.

Auch Oliver Holtemöller, stellvertretender Präsident des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) ist überzeugt, man könne die Rezession des Jahres 2020 nicht wirklich mit der Finanzkrise 2009 vergleichen. Es handle sich um völlig andere Vorgänge. „Für die deutsche Wirtschaft war die Finanzkrise vor allem ein Nachfrageeinbruch aus dem Ausland, denn in Deutschland gab es zuvor keine Immobilienpreisblase und während der Finanzkrise auch keine systemische Bankenkrise“, sagt Holtemöller. Die Wirtschaftsstrukturen seien also in großen Teilen intakt geblieben. Das sehe jetzt ganz anders aus. „Der Einbruch kam sehr schnell und wurde nicht durch vorangegangene ökonomische Fehlentwicklungen ausgelöst“, sagt Holtemöller.

Wirtschaftliche Entwicklung hängt vom Infektionsgeschehen ab

Die Hoffnungen liegen nun auf dem laufenden Jahr und darauf, dass die Infektionslage sich durch die Impfkampagne bald entspannt. Doch der neuerliche, harte Lockdown trifft die Wirtschaft erneut. Klar sei, dass der Erholungsprozess der deutschen Wirtschaft in Folge der zweiten Infektionswelle unterbrochen sei, sagt Stefan Kooths. Für den Auftakt des laufenden Jahres zeichne sich sogar eine rückläufige ökonomische Aktivität ab.

Entscheidend dafür, wie sich die Wirtschaft entwickelt, ist die Infektionslage: „Halten die Impfstoffe, was sie versprechen, wird die Wirtschaftsleistung ab dem Frühjahr im Zuge der dann möglichen Lockerungen der Infektionsschutzmaßnahmen kräftig anziehen“, sagt Kooths. Insbesondere für die konsumnahe Wirtschaftsbereiche werde sich die Lage „deutlich aufhellen, zumal die privaten Haushalte seit einem Jahr in massiver Weise Kaufkaft zurückgehalten haben, die sich rasch in Nachfrage übersetzen dürfte“, so Kooths.

Ein wichtiger Unterschied zwischen der wirtschaftlichen Erholung von der Corona-Krise und der von der Finanzkrise sind für Wollmershäuser die Hilfen der Regierung. Die Wirtschaftspolitik habe damals sehr viel später und langsamer reagiert als heute. „Wir haben die derzeitige Krise in Rekordgeschwindigkeit mit wirtschaftspolitischen Hilfs- und Stützmaßnahmen begleitet“, sagt er. Das habe damals ewig gedauert und dazu beigetragen, dass sich die Konjunktur nur sehr langsam erholt habe.

Schnelle Erholung möglich

Man habe schon im vergangenen Jahr beobachten können, dass sich die Konjunktur in einer unglaublichen Geschwindigkeit erholt habe, sagt Wollmershäuser. „In den Bereichen, in denen man das Licht ausgeknipst hat, hat man es wieder angeknipst und die Aktivität war mehr oder weniger so schnell wieder da wie sie weg war.“ Das sei eine der positiven Erkenntnisse der Konjunkturbewegungen des letzten Jahres: „Wir können davon ausgehen, dass es in einer ähnlichen Geschwindigkeit wieder hoch geht“, so Wollmershäuser. Während der Finanzkrise sei das anders gewesen: „Sowohl der Rückgang als auch die Erholung haben viel länger gedauert“, sagt er. Man habe nicht einen Shutdown aufheben können, sondern das Bankensystem erst wieder stabilisieren müssen.

Die Ökonomen sind sich einig: Mit der wirtschaftlichen Erholung könnte es also schneller gehen als bei der Finanzkrise 2008/2009. Nach Finanz- und Bankenkrisen dauere die Erholung im Allgemeinen deutlich länger, sagt Holtemöller. Man habe im zweiten Quartal gesehen, dass viele Aktivitäten sehr schnell zurückkommen, wenn es wieder möglich ist. „Das wird auch dadurch unterstützt werden, dass die privaten Haushalte in der Summe ihre Ersparnis ausgeweitet haben, weil teilweise die Konsummöglichkeiten fehlen“, sagt Holtemöller. „Ein Teil dieser zusätzlichen Ersparnisse dürfte nach Eindämmung der Epidemie wieder aufgelöst werden.“ Auch Kooths prognostiziert: „Sofern die Corona-Pandemie in den kommenden Monaten bewältigt wird, kann die aktuelle Wirtschaftskrise somit deutlich schneller überwunden werden als die Große Rezession.“

 


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