GesundheitsmarktDiese Branche könnte durch KI revolutioniert werden

Diese Fotos wählte kein Mensch aus, sondern eine Software hat das Motiv ausgewählt. Dafür wurde ein Algorithmus des Berliner Start-ups EyeEm mit 100 Bildern aus dem Capital-Archiv gefüttert, um die Ästhetik und Bildsprache des Magazins zu lernen. Das Bild suchte das Programm zum Thema „künstliche Intelligenz“ ausEyeEm

Die Leidensgeschichte des Patienten René K. beginnt im Jahr 2000 mit einer wilden Mischung aus Symptomen: Kopfschmerzen, Sehstörungen, Hautekzeme, Darm- und Nierenbeschwerden. Sein Hausarzt kann sich keinen Reim darauf machen. K. begibt sich auf eine Odyssee zu unterschiedlichsten Fachärzten, die Diagnosen stellen und Medikamente verschreiben. Doch K.s Leiden haben kein Ende. Sie verschlimmern sich sogar. Er wird arbeitsunfähig, wegen der Schmerzen zunehmend unerträglich für sein Umfeld, verliert seinen Job, seine Familie.

Es dauert 14 Jahre, bis K. bei einer Spezialistin landet, die seine Krankenakte noch einmal durchforstet. Dabei stößt sie auf die Ergebnisse einer 2001 durchgeführten Dünndarmbiopsie, aus denen sich Hinweise auf eine seltene Erkrankung ableiten lassen. Nachgegangen wurde ihnen nicht. Die Ärztin lässt die Untersuchung wiederholen. Ihr Verdacht bestätigt sich: K. leidet am Hyper-IgG4-Syndrom. Es gibt erprobte Behandlungsmittel dagegen, die bei K. schließlich anschlagen.

Ada, ist Martin Hirsch überzeugt, hätte K. das Martyrium ersparen können.

Daten und Doktoren

Hirsch ist gelernter Humanbiologe und Enkel des Physiknobelpreisträgers Werner Heisenberg. Er hat jahrelang zu theoretischer Medizin und kognitiven Neurowissenschaften geforscht, außerdem eine assoziativ arbeitende und recht erfolglose Internetsuchmaschine entwickelt, in seiner Freizeit hält er Vorträge über konstellatives Denken bei Carl Zuckmayer und Pina Bausch. Ada ist seine jüngste Schöpfung: ein medizinischer Assistent, gesteuert durch künstliche Intelligenz (KI), benannt nach der Informatikpionierin Ada Lovelace und der Adalbertstraße in Berlin-Kreuzberg, wo Hirschs Startup inzwischen drei Etagen in einem Hinterhofbau belegt. Nutzer können der Ada-App ihre Symptome anvertrauen und bekommen nach einigen Nachfragen eine Liste wahrscheinlicher Diagnosen ausgespuckt – sowie im Zweifel den Hinweis, einen Arzt aufzusuchen.

Zu Testzwecken hat Hirsch die App mit allen Arztbriefen aus K.s Krankenakte gefüttert. Das Ergebnis: „Für Ada war die Diagnose schon 2001 eindeutig.“ Der Algorithmus konnte das ungewöhnliche Ergebnis der Dünndarmbiopsie einordnen.

Es gibt weltweit 7 000 seltene Erkrankungen mit jeweils bis zu 100 verschiedenen Symptomen. Kein Arzt kann dieses Wissen beherrschen – schon gar nicht, wenn er wie in vielen Ländern üblich im Schnitt nur sieben bis zehn Minuten Zeit für einen Patienten hat. KI-Systeme dagegen hantieren problemlos mit riesigen Datenmengen und liefern Ergebnisse in Sekundenbruchteilen, ohne dafür üppige Arztgehälter zu beziehen. Alle Wirtschaftszweige stehen vor einer KI-Revolution, doch nirgends sind die Erwartungen an die neue Technologie so groß wie im Gesundheitsmarkt. Es geht dabei nicht nur um Einsparpotenziale und vielversprechende neue Märkte, sondern um die Hoffnung vieler Menschen auf bessere Versorgung, auf Diagnosen, auf Heilung.

Intelligente Algorithmen, die seltene Krankheiten früh erkennen, Epidemien voraussagen, bei der Entwicklung neuer Medikamente helfen und Therapien perfekt auf einzelne Patienten abstimmen können – all das wirkt zum Greifen nahe. An der KI-Revolution der Gesundheit arbeiten nicht nur Startups, sondern Forscher, Krankenhäuser, Techkonzerne, Pharmagiganten, Versicherungen und Medizintechnikunternehmen. „Von KI wird die komplette Wertschöpfungskette betroffen sein“, sagt Branchenkenner Michael Burkhart von PwC. So große KI-Fortschritte wie bei der Diagnose-App Ada sind allerdings nicht überall zu verzeichnen. „Es gibt einzelne Leuchttürme“, sagt Burkhart. „Die meisten Institutionen sind aber noch nicht auf den Einsatz von KI vorbereitet.“

Trotzdem schätzen etwa die Berater von Frost & Sullivan, dass der globale Markt für Gesundheits-KI bis 2021 auf 6,7 Mrd. Dollar wachsen dürfte – das ist mehr als das Zehnfache des Volumens im Jahr 2014. Politiker und Manager schielen zudem auf die riesigen Einsparpotenziale: Accenture schätzt, dass sich allein das US-Gesundheitssystem durch KI um fast 150 Mrd. Dollar jährlich verschlanken ließe. Der Kostendruck ist massiv: 2016 verschlangen in den USA Gesundheitskosten 17,2 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, in Deutschland waren es 11,3 Prozent.