ExklusivWie die Wirecard Bank dem Konzern beim Bilanzbetrug half

Im Fall Wirecard haben viele Akteure versagtimago images / Christian Ohde

Die Wirecard Bank ist nicht viel größer als eine mittelgroße Sparkasse. Doch bei dem milliardenschweren Bilanzbetrug, den der heute bankrotte Zahlungsdienstleister Wirecard über Jahre in großem Stil beging, spielte das kleine konzerneigene Geldinstitut nach Recherchen von Capital und „Stern“ eine wichtige Rolle. Dadurch kommt die Finanzaufsicht Bafin, unter deren Kontrolle die Wirecard Bank stand, erneut unter Druck. Die Finanzminister Olaf Scholz (SPD) unterstellte Behörde muss sich der Frage stellen, warum ihr dubiose Kreditvergaben bei der Bank nicht früher aufgefallen sind.

Neue Nahrung erhalten die Zweifel an der Wachsamkeit der Bafin durch einen Bericht der Innenrevision der Wirecard Bank vom 28. September 2020 sowie durch ein dazugehöriges Gutachten des Frankfurter Büros der Anwaltsfirma Gibson Dunn. Capital und „Stern“ konnten diese als geheim eingestuften Papiere jetzt einsehen. Demnach hatte die Bank seit 2015 bei einem sogenannten strategischen Kreditportfolio immer wieder Darlehen an Firmen ausgegeben, deren Kreditwürdigkeit man nicht ausreichend geprüft hatte – immer wieder auf Wunsch des heute flüchtigen Wirecard-Vorstands Jan Marsalek, der bei der Banktochter formal überhaupt keine Rolle spielte.

Angeblich sollten die strategischen Kredite eine Reihe von Geschäftspartnern von Wirecard unterstützen – und damit auch künftiges Geschäft für die Wirecard-Gruppe generieren. Tatsächlich kam es zu verdächtigen Zahlungsflüssen.

„Groß angelegter Kreditbetrug“

„Unsere Untersuchungen haben eine Vielzahl von Indizien ergeben, die auf gezielte Täuschungen und damit einen groß angelegten (Kredit-)Betrug zu Lasten der Wirecard Bank hindeuten“, schrieb Gibson Dunn am 25. September. Das „Erschleichen der Darlehen“ habe dazu wohl auch stattgefunden, um in Wirklichkeit nicht oder nicht in dieser Höhe bestehende „Umsätze und Erträge bei der Wirecard-Gruppe vorspiegeln zu können“. Man empfehle, Strafantrag gegen die Verantwortlichen zu stellen.

Die Wirecard Bank wurde demnach also missbraucht, um die Bilanz der Konzernmutter aufzuhübschen. Dabei geht es um Darlehen in Höhe von insgesamt mindestens um die 70 Mio. Euro. Angesichts der überschaubaren Größe der Bank ist das eine durchaus nennenswerte Summe. Dabei stand das Geldinstitut – anders als die Dachgesellschaft Wirecard AG – unbestritten unter der Aufsicht der Bafin.

Auf Anfrage erklärte die Finanzaufsicht, die Wirecard Bank sei „mit dem Wissen von damals ordnungsgemäß beaufsichtigt und auch geprüft“ worden. Zu konkreten Kritikpunkten des Revisionsberichts wollte sich ein Bafin-Sprecher unter Verweis auf die Verschwiegenheitspflicht der Behörde nicht äußern.

Über die Merkwürdigkeiten bei insbesondere einem der Kunden aus dem „strategischen Kreditportfolio“ hatten der „Stern“ und Capital bereits wiederholt berichtet – ein Kredit über 6 Mio. Euro an die Luxemburger Firma Aviatec, die über den Umweg von Offshore-Firmen auf den St. Vincents Inseln in der Karibik offenbar zwei Russen gehörte. Einer soll nach einem Berufsstart als Barkeeper dem Putin-treuen Gouverneur der russischen Region Uljanowsk in Geldfragen behilflich gewesen sein. Bei dem anderen namens Leonid A. fiel dem hauseigenen Wirecard-Geldwäschebekämpfer auf, dass dieser in Bezug auf „Financial Crime“ auf Sanktionslisten zu finden sei – offenbar wegen eines Deliktes im Zusammenhang mit Geldautomaten.

Aber Marsalek wimmelte die Bedenken innerhalb des eigenen Konzerns erfolgreich ab: „Das ist jemand ganz anderes“, schrieb er in einer Mail vom 21. Dezember 2015. Leonid A. „muss keine ATMs mehr stehlen…“. ATM ist die englische Abkürzung für Automated Teller Machine – Geldautomaten.

Marsalek setzte sich damit durch. Bereits Ende 2019 war dennoch klar, dass die Millionen für Aviatec weg und die Russen über alle Berge waren. Auch bei anderen Kreditvergaben an Unternehmen in Asien mit Namen wie Senjo Group oder OCAP, bei denen bei den Besitzverhältnissen Spuren ins direkte Umfeld von Marsalek führten, musste letztlich die Wirecard AG gerade stehen: Die Muttergesellschaft hatte für viele der strategischen Kredite ihrer Banktochter Bürgschaften unterschrieben.

Erhebliche Defizite in der Bank

Heute spricht die Innenrevision der Bank davon, dass es  „erhebliche Anhaltspunkte für Straftaten“ zum Nachteil des Kreditinstituts durch Marsalek und ihm nahestehende Personen gebe. Gibson Dunn vermerkte, dass es zwar keine Hinweise gebe, dass auch Bank-Mitarbeiter „in die illegalen Aktivitäten auf Gruppenebene einbezogen waren“. Die Anwaltskanzlei identifizierte aber „Fehler“ und „Schwächen“ bei der Kreditgenehmigung durch die Bankmitarbeiter. Bei dem Institut sei es bei der Dokumentation „zu einer erheblichen Zahl von Fehlern, Ungenauigkeiten und Implausibilitäten“ gekommen. Und man habe zu sehr auf den heute 40-jährigen Marsalek gehört.

Bei Problemen mit Zins oder Tilgung habe sich der aus Österreich stammende Wirecard-Manager regelmäßig mit „sehr ähnlich klingenden“ Vermerken für die jeweiligen Darlehensnehmer eingesetzt. Weil diese Interventionen „von ‚oben‘ kamen“, seien sie „nicht ausreichend hinterfragt“ worden, schreiben die Anwälte.

Im Zusammenhang mit einer der Firmen habe eine enge Mitarbeiterin von Marsalek den Firmensitz in der Steueroase Mauritius sogar „sinngemäß“ damit „erklärt, dass Mauritius gewählt worden sei, um eine Identifikation des wirtschaftlich Berechtigten zu erschweren“. Sie bekannte sich also bewusst zu einer Verschleierung von Zahlungsströmen. Diese erstaunliche Aussage sei aber „ohne Auswirkungen“ geblieben, wunderte sich die Kanzlei Gibson Dunn in ihrem Gutachten für den Vorstand der Bank.