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Energieversorgung Wie der Kohleausstieg bis 2030 noch zu schaffen ist

Kohlekraftwerk Jaenschwalde in Doebbrick
Das Kohlekraftwerk Jaenschwalde in Doebbrick. Laut Fahrplan der Bundesregierung zum Kohleausstieg soll der letzte Block des Kraftwerks zum Ende des Jahres 2028 abgeschaltet werden
© IMAGO / photothek
In der aktuellen Gaskrise muss Deutschland alte Kohlekraftwerke wieder anfahren, um seine Energieversorgung zu sichern. Dennoch lassen sich die Klimaziele noch erreichen – wenn die Bundesregierung bei den Erneuerbaren endlich Tempo macht

Jan Andersson ist General Manager bei dem finnischen Technologieunternehmen Wärtsilä Energy.

Es ist keine Frage, dass der laut Wirtschaftsminister Robert Habeck „bittere, aber notwendige“ Schritt, manche Kohlekraftwerke zur Linderung der Energiekrise wieder anzufahren, Deutschlands nachhaltiges Ansehen beeinträchtigt hat. Die Entscheidung in Berlin erschüttert auch die Zuversicht, dass andere Länder angesichts steigender Öl- und Gaspreise ihre eigenen Kohleausstiegsverpflichtungen einhalten sollten.

Trotz dieses Rückschlags sollten wir die Hoffnungen auf einen Kohleausstieg im Jahr 2030, wie ihn der Koalitionsvertrag der Ampel „idealerweise“ vorsieht, nicht verloren geben. Tatsächlich bleibt der Weg zum Kohleausstieg bis 2030 und einer „Netto Null“ im Stromsystem bis 2035 bleibt offen. Wie dieses Ziel erreichbar ist, dafür haben wir bei Wärtsilä auf der Grundlage von Stromsystemmodellen einen Pfad berechnet. Dabei berücksichtigt ist ein vollständiger Ausstieg aus russischem Erdgas. Entscheidend ist, dass die Umsetzung dieser Maßnahmen jetzt beginnen muss. Nur durch den raschen Ausbau neuer erneuerbarer Erzeugungskapazitäten kann Deutschland den Kohleausstieg bis 2030 umsetzen und seinen Energiebedarf jetzt und in Zukunft decken.

Anlass zur Besorgnis ist jedoch, dass der Ausbau der erneuerbaren Energien auch nach dem Regierungswechsel weiter viel zu langsam voran geht. Kürzlich wurde berichtet, dass in Deutschland im ersten Halbjahr 2022 nur 235 Windkraftanlagen ans Netz gegangen sind und die Genehmigungen für neue Projekte um 15 Prozent zurückgegangen sind. Daran ändern bislang auch die umfangreichen energiepolitischen Gesetzespakete der Ampel nichts, die unter anderem vorsehen, dass die Bundesländer zwei Prozent ihrer Fläche für Windkraft an Land freigeben müssen. Damit bis in die 2030er Jahre nahezu der gesamte deutsche Strombedarf aus erneuerbaren Energien gedeckt werden kann, wie es die Bundesregierung plant, muss dieser Trend schnell umgekehrt werden.

7.500 neue Windräder pro Jahr

Um das Ziel des Pariser Klimaschutzabkommens am Leben zu erhalten und die globale Erwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen, darf der weltweite Kohleausstieg nicht aufgegeben werden. Als zentrales Ergebnis der letztjährigen Weltklimakonferenz in Glasgow sollte die Tendenz weiter in Richtung Null gehen. Dafür muss die Kohleverstromung eher früher als später beendet werden. 

Dabei befindet sich die Bundesregierung aktuell in einer wenig beneidenswerten Lage. Nachdem die Ampel im Herbst einen Koalitionsvertrag mit ambitionierten Klimaschutzzielen verabschiedet hat, wurde das Land durch Russlands Angriff auf die Ukraine und die Folgen für die Energiemärkte von einem perfekten Sturm getroffen. Dadurch wurde die langfristige Strategie in der Energiepolitik kurzfristig über den Haufen geworfen: Obwohl das Engagement der Bundesregierung für erneuerbare Energien bewundernswert ist, hat die nationale Energiesicherheit verständlicherweise oberste Priorität.

Um den Energiebedarf des Landes in diesem Winter zu decken und Versorgungssicherheit zu gewährleisten, hat Deutschland beschlossen, einen Teil seiner eigentlich schon zur Stilllegung vorgesehenen Kohlekraftwerke zurück in den Markt zu holen. Dies betrifft zunächst Steinkohlemeiler, ab Oktober sollen auch Braunkohlemeiler reaktiviert werden können – nicht zuletzt, um mit Blick auf die unsicheren Gaslieferungen aus Russland weniger Gas in der Stromerzeugung zu verbrauchen. Damit wird allerdings das Ziel der Bundesregierung, den Kohleausstieg möglichst bis 2030 zu erreichen, erheblich in Frage gestellt.

Unsere Modellierung zeigt, wie es Deutschland dennoch schaffen kann, bis 2030 ohne Kohle auszukommen. Dabei gehen wir, in Anbetracht der aktuellen Krise, von einem höheren Preis für Gas und Kohle in den kommenden drei bis vier Jahren aus. Zudem  berücksichtigen wir höhere Technologiekosten für erneuerbare Energien, Brennstoffzellen und Speicher.

Nach unserer Modellierung benötigt Deutschland bis 2035 insgesamt 780 Terawattstunden an erneuerbarer Energie, um ein Netto-Null-Stromsystem zu betreiben – gegenüber 195 Terawattstunden heute. Flankiert werden müssen die Erneuerbaren durch flexible und grundlastfähige Kraftwerke, die mit nachhaltigen, CO2-neutralen Brennstoffen betrieben werden – insbesondere mit grünem Wasserstoff. Dafür werden jedes Jahr mindestens 45 Terawattstunden an neuer erneuerbarer Kapazität benötigt.

Um den Bedarf zu veranschaulichen: Eine durchschnittliche Windkraftanlage mit einer Leistung von 2,5-3 Megawatt kann pro Jahr 6000 Megawattstunden oder 0,006 Terawattstunden Strom produzieren. Um die geplanten Klimaziele zu erreichen, sind in den nächsten Jahren 7.500 neue Turbinen erforderlich – pro Jahr.

Begleitend werden im künftigen Stromsystem flexible Gasmotoren benötigt, um eine Reserve bereitzustellen, wenn nicht ausreichend Strom aus erneuerbaren Energien erzeugt wird – dann, wenn der Wind nicht weht. Nach unserer Modellierung kann dieser Sicherheitspuffer mit Blick auf die Klimaziele kurzfristig durch Erdgas bereitgestellt werden. Aber Deutschland sollte sich darauf vorbereiten, auf Wasserstoff als Hauptbrennstoff für Ausgleichsmotoren umzuschwenken, wenn es sich dem Jahr 2030 nähert.

Der Hochlauf einer grünen Wasserstoffwirtschaft erfordert jedoch einen massiven Überschuss an erneuerbarer Energie – was einen raschen Ausbau der regenerativen Erzeugungskapazitäten in diesem Jahrzehnt erfordert. Wenn die Bundesregierung ihre Ziele für 2035 erreichen will, muss dieser Ausbau sofort beginnen. Aktuell hinkt Deutschland seinen Zielen hinterher: Laut dem aktuellen Netzentwicklungsplan bis 2035 würde nur weniger als die Hälfte der erneuerbaren Kapazität zugebaut, die erforderlich ist, um das Netto-Null-Ziel zu erreichen. Jetzt ist also dringendes Handeln gefragt.

Kurzfristige Fortschritte erzielen

Angesichts der knappen Zeit und der knappen Ressourcen muss Deutschland zügig weitere Maßnahmen umsetzen, um den Ausbau der erneuerbarer Energien in diesem Jahrzehnt massiv zu beschleunigen. Es sollte etwa auch sicherstellen, dass das Energiesystem genügend Flexibilität bietet, um die Erneuerbaren zu unterstützen und eine Abregelung von regenerativen Erzeugungsanlagen zu vermeiden – wo wie es bei der Windkraft wegen fehlender Speicher und überlasteter Netze in manchen Regionen häufig vorkommt. Schließlich sollte es sich auf eine Wasserstoffwirtschaft vorbereiten und bis 2028 mit der umfangreichen Einrichtung neuer Wasserstoffkapazitäten beginnen.

Kurzfristig muss Deutschland jetzt den perfekten Sturm an den Energiemärkten überstehen. Indem es jetzt handelt, kann es sich jedoch auch seinen Platz als ein Vorreiter beim Klimaschutz in Europa und weltweit sichern. Dagegen würde Untätigkeit bedeuten, dass sich das Deutschland länger auf Kohle verlassen muss. Dies würde nicht nur den eigenen Weg zur Klimaneutralität verlängern. Es würde auch die verheerende Botschaft senden, dass andere Länder dasselbe tun können.


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