Weizenknappheit „Als Landwirt würde ich jetzt Weizen anbauen”

Mähdrescher auf Feldern in der ostukrainischen Region Lugansk im Sommer 2021.
Mähdrescher auf Felder in der ostukrainischen Region Lugansk im Sommer 2021.
© IMAGO / ITAR-TASS
Der Ukraine-Krieg bedroht die Welternährung. Vor allem afrikanische Länder sind auf Weizenimporte aus Russland und der Ukraine angewiesen. Der Agrarexperte Hansjörg Küster fordert von Europa und Nordamerika, jetzt mehr Brotgetreide anzubauen

Capital: Je nach Schätzung hängt die Welt zu etwa 20 Prozent von russischem Weizen und zu etwa acht bis zehn Prozent ukrainischem Weizen ab. Was wird in diesem Kriegsjahr mit der russischen Ernte passieren?

Hansjörg Küster ist Professor für Pflanzenökologie an der Leibniz-Universität Hannover und befasst sich mit Landschaftswissenschaften, in denen Nutzpflanzen und Getreide angebaut und unsere Nahrung erzeugt werden. In einer Reihe von Büchern über Korn, den Wald oder die Alpen erschien gerade sein jüngstes über die Flora bei C.H. Beck
Hansjörg Küster ist Professor für Pflanzenökologie an der Leibniz-Universität Hannover und befasst sich mit Landschaftswissenschaften, in denen Nutzpflanzen und Getreide angebaut und unsere Nahrung erzeugt werden. In einer Reihe von Büchern über Korn, den Wald oder die Alpen erschien gerade sein jüngstes über die Flora bei C.H. Beck

HANSJÖRG KÜSTER:  Russland exportiert, wenn es exportiert, vor allem in die Dritte Welt, also nach Afrika, in die arabischen Länder. In tropischen Ländern kann kein richtiger Getreideanbau stattfinden, weil sie das Getreide zwar wachsen lassen können, aber es wird nicht reif. Das schwierige Gut Getreide braucht in der Zeit des Wachstums Regen und danach eine Trockenzeit zum Reifen. Sie müssen es völlig trocken ernten, damit sie es weiter gut behandeln und gut dreschen können. Wenn das Getreide feucht geerntet wird, kann es schimmeln. Deswegen kann man in den tropischen Ländern kaum Getreide anbauen, weil es jeden Tag regnet, und in trockenen Gebieten auch nicht, weil man in der Wachstumsphase zu wenig Feuchtigkeit hat. Daher sind die arabischen Länder und die tropischen Länder Afrikas und auch in gewissem Maße Südamerikas im Allgemeinen benachteiligt. In Asien kann man ausweichen auf Reis. Nach Mitteleuropa kommt im Allgemeinen nicht viel aus Russland, die Erträge sind so stark gestiegen durch die moderne Landwirtschaft, dass wir autark sind mit Weizen.

Wo sind die russischen Hauptanbaugebiete?

Die sind auch in der Schwarzmeerregion, besser in der schwarze-Erde-Region, die sich dort entwickelt hat – also vor allem im Süden von Russland. Dort sind sehr große Felder und dort wird sehr viel angebaut, allerdings nicht so effizient wie in Westeuropa. Man hat auch nicht die Erträge und die Qualitäten, aber das Getreide kann exportiert werden. Nur wenn jetzt alles ausfällt, fehlt das erst mal für die Entwicklungsländer und für die armen Länder in der Welt.

UN-Generalsekretär António Guterres hat zuletzt vor einem „Wirbelsturm des Hungers“ gewarnt. Die internationale Gemeinschaft müsse handeln, um einen „Zusammenbruch des globalen Nahrungssystems“ zu verhindern.

Was man beobachten kann, ist dass Russland natürlich versuchen wird, so viel wie möglich an Rohstoffen zu exportieren, weil es keine anderen Einnahmequellen hat auf dem Weltmarkt. Neben Öl und Gas gilt das natürlich für Agrarprodukte. Problematisch wird das, wenn die Felder nicht rechtzeitig bestellt werden können und wenn nicht genügend Mineraldünger da ist. Russland hat immer sehr viel Kalidünger aus dem Exporthafen Wismar in der ehemaligen DDR bezogen, sie brauchen das unbedingt. Wenn jetzt durch die westlichen Sanktionen auf dem Weltmarkt der Dünger für Russland ausfällt, werden sie geringere Erträge haben. Es wird auch inländisch Dünger erzeugt, aber es mangelt immer an synthetisch hergestelltem Phosphatdünger und Stickstoffdünger.

Gerade bereitet Moskau einen Exportstopp vor und hat bereits drei Monate lang Ausfuhren von Weizen, Roggen, Gerste und Mais in die Eurasische Wirtschaftsunion verboten – also nach Armenien, Belarus, Kasachstan and Kirgistan. Welchen Effekt wird das haben?

Das trägt alles zur Verknappung bei, denn diese Länder müssen sich dann zusätzlich Getreide auf dem Weltmarkt besorgen. Ich halte es aber für möglich, dass es hier um die Kontrolle über die eigene Produktion geht – aus Bedenken heraus, die Bevölkerung ernähren zu können. Auch brauchen Sie für die Agrargeräte zur Ernte und Verarbeitung des Korns eine ganze Menge Sprit, während zugleich versucht wird, alles was an Erdöl und Erdgas möglich ist, in den Weltmarkt hineinzupumpen, um Devisen einzunehmen. Es ist möglich, dass Russland in diesem Jahr als Exporteur weitgehend ausfällt.

Infografik: Putins Krieg bedroht Weizenversorgung | Statista Mehr Infografiken finden Sie bei Statista

Die Ukraine ist als Getreidelieferant weder kurz noch langfristig zu ersetzen, sagt das Kiel-Institut für Weltwirtschaft, das in einem Handelsmodell die Folgen eines Exportstopps für Afrika simuliert.

Die ganze Ukraine ist eine einzige große Platte mit sehr fruchtbaren Böden, auf denen man hervorragend Getreide anbauen kann. Die schwarze Erde hält alle Mineralstoffe fest und die Region ist klimatisch stark begünstigt. Wenn acht bis zehn Prozent auf dem Weltmarkt ausfallen, ist das eine ganze Menge. Man hat im vergangenen Jahr noch Wintergetreide gesät, aber auf ungefähr der Hälfte des Landes müsste jetzt Sommergetreide erzeugt werden, das heißt es müsste dringend ausgesät und auch Dünger verteilt werden. Präsident Selenskyj hat zwar gerade einen Aufruf gestartet, dass die Bauern ihre Felder bestellen sollen. Aber wenn die von Panzern zerwühlt sind, und Bauern kämpfen, was sehr wahrscheinlich ist, oder aus der Luft bedroht werden, dann können sie nicht bestellt werden.

Wann wäre das Wintergetreide reif zur Ernte?

Das kann in der Ukraine etwa im Juni geerntet werden, und das Sommergetreide im Juli. Das Wintergetreide wächst im Herbst bis Schnee fällt, sobald der wieder weggeht und die Winterruhe vorbei ist, fängt das Getreide an zu wachsen und hat dann einen Wachstumsvorsprung gegenüber dem Sommergetreide von ungefähr vier Wochen. Man macht das, um einen Fruchtwechsel zu haben. Aber vor allem ist es wichtig, weil die Ernte dann länger dauert und sie Personal und Maschinen länger einsetzen können. Sie können die Mähdrescher besser ausnutzen und die doppelte Zeit fahren lassen. Diese Geräte kosten 800.000 bis 1 Mio. Euro. Auch in der Ukraine sind inzwischen sehr moderne Geräte im Einsatz. Es ist eine gewaltige Investition.

Wenn man jetzt nach Alternativen sucht, wenn diese ukrainische Ernte und vielleicht auch die russische zum Teil ausfallen: Welche Regionen hätten optimale Bedingungen, den Anbau zu übernehmen?

Das ist natürlich in Osteuropa ganz besonders ideal, weil Sie dort immer eine trockene Phase haben. In Mitteleuropa ist das Wetter wechselhaft. Man spricht vom Siebenschläfer – und ob das Wetter so bleibt wie am 27. Juni. Einige Sommer bleiben trocken – und dann eine ganze Zeit lang. Andere haben Regen, dann sind die Bedingungen ungünstiger. Aber im Allgemeinen gibt es doch im Juli oder August eine Phase, wo es ein bis zwei Wochen lang nicht regnet, wo das Getreide trocknet und man es ernten kann. Mitteleuropa hat auch den Vorzug – wenn man an die Mähdrescher denkt –, dass man beispielsweise in der Oberrheinebene mit dem Dreschen anfangen kann, im Juni können Sie dann in die höheren Lagen aufsteigen und die Ernte ist im September im Schwarzwald beendet. Dort können Sie bis auf tausend Meter Höhe Getreide anbauen.

Und das wäre hierzulande ausbaufähig?

Man hat die Getreideflächen sehr stark beschränkt in den letzten Jahren. Es wird inzwischen sogar Mais als Biogas angebaut, wobei man auf diesen Flächen genauso Brotgetreide anbauen könnte. Wenn ich als Landwirt richtig spekulieren würde, würde ich jetzt sofort Weizen anbauen. Die Bestellung der Felder hat noch nicht begonnen und kann auch noch im April geschehen. Vielleicht haben die Bauern durch die Kontrolle der Landwirtschaftsämter nicht mehr die Freiheit, aber wenn sie jetzt noch umdisponieren können, sollte man sie bis in die hohen Lagen der Mittelgebirge anhalten, statt Energiepflanzen oder Futtergetreide jetzt Brotgetreide anzubauen.

Und wo könnte man sonst noch schnell umsteuern?

Sie können das genauso in Kanada tun, oder in Finnland und in Skandinavien, Schweden zum Beispiel. Man kann Getreide anbauen bis in die Höhe von oder über den Polarkreis hinaus. Dank des Golfstroms wird sehr viel warme Luft in den Norden gebracht, es gibt sehr hohe Temperaturen selbst am Polarkreis noch, und im Ostseeraum besteht im Herbst noch im September und Oktober ein Wärmespeicher durch die Ostsee. Das Gewässer braucht eine ganze Weile, bis es abkühlt. Getreide kann dort immer noch gut wachsen und reifen, und Sie können auch im Oktober noch ernten. Sie haben zudem lange Tage mit beinahe 24 Stunden Sonnenlicht um den Mittsommer. Da kann die Photosynthese auf vollen Touren laufen, und das Getreide wächst erheblich schneller als in unseren Breiten. Auch dort sollten Landwirte mehr Brotgetreide anbauen. Und ich hoffe, dass es dafür noch nicht zu spät ist.

Sie haben davon gesprochen, dass Länder jetzt für die Welternährung Verantwortung übernehmen müssten. Wer kann das noch tun?

Vor allem im südlichen Kanada wird sehr intensiv Weizen angebaut. Aber man könnte das noch weiter im Norden machen und speziell Wert darauf legen, dass in diesem Jahr eben Weizen angebaut wird und keine anderen Kulturpflanzen, wie etwa für Biogas. Alle Länder der gemäßigten Zonen, in den wir leben, sind gefordert. Das sind fast alles europäische Länder, dazu gehören auch das westliche Sibirien, also eigentlich der Westteil von Eurasien, und der Ostteil von Nordamerika, also die USA und Kanada. Dort sind die Bedingungen für den Getreideanbau am allerbesten und großflächig möglich.

Eine Weizenmühle in Deir al-Balah im Gazastreifen. Die Palästinensergebiete sind extrem abhängig von Importen aus der Ukraine.
Eine Weizenmühle in Deir al-Balah im Gazastreifen. Die Palästinensergebiete sind extrem abhängig von Importen aus der Ukraine.
© IMAGO / ZUMA Wire

Der Libanon, der sehr stark abhängig ist von ukrainischem Weizen, hat offenbar Zusicherungen von den USA, Indien und Argentinien bekommen.

Ja, Argentinien und Australien kommen dazu. Das sind etwas kleinere Flächen, die aber noch eine Rolle spielen. Beide Länder hatten gute Ernten. Argentinien sogar eine sehr gute. Immerhin sind die Getreidespeicher dort gefüllt. Auf der Südhalbkugel wird natürlich ein halbes Jahr vorher geerntet, das ist jetzt gerade abgeschlossen. Aber sie können nicht überall Getreide anbauen.

Und was ist mit den USA? Die waren bei Weizen doch lange Weltmarktführer, bevor Russland sie überholt hat…

Sie sind ein außerordentlich wichtiger Weizenanbauer, der auch allerhand exportieren kann. Nur weiß ich nicht, ob sie alle Lücken schließen können – selbst mit allen anderen zusammen. Aber selbstverständlich sind sie ein sehr großer Exporteur und sie betreiben eine sehr effiziente Landwirtschaft und einen sehr effizienten Weizenanbau. Sie bauen aber auch viel Mais an. Denn es gab in den vergangenen Jahren sogar ein Überangebot an Weizen auf dem Weltmarkt, und es war nicht sehr lohnend, Weizen anzubauen. Auch in Mitteleuropa ist der Anbau deswegen. In Deutschland wurde er durch moderne Agrartechnik von 1970 bis heute um über 100 Prozent gesteigert. Die Erträge sind in den USA oder Osteuropa nicht so stark gestiegen – und vor allem auch in der Ukraine und Russland hängen sie noch um einiges zurück.

Sie sagten, man könnte weniger Futtergetreide anbauen. Wie steht es mit Biokraftstoffen? Sollte man da auch umstellen?

Das sollte man tun, aber ohne einen weiteren Mangel zu schaffen. Wünschenswert wäre der Umstieg auf andere pflanzliche Produkte für die Biogasherstellung als ausgerechnet Getreide und Raps oder Weizen und Mais. Das bringt gute Erträge, ja. Aber man könnte auf andere Rohstoffe ausweichen. Nur leider ist die Forschung da noch nicht so weit. Man könnte aber wirklich bei Futtergetreide reduzieren.

Die Menschheit soll also ihren Fleischkonsum senken?

Man kann mit einer allein getreidebasierten Nahrung dreimal so viel Nahrungsmittel erzeugen wie auf fleischlicher Basis, weil jedes Tier, das Pflanzen zu sich nimmt, nur ein Drittel davon wirklich in Fleisch verarbeiten kann. Den Rest verbraucht das Tier in Energie und scheidet es wieder aus. Das muss man sich immer wieder klar machen. Die Aufklärung sollte auch stärker dahin erfolgen, dass man den Fleischkonsum reduzieren muss, weil man viel mehr Menschen ernähren kann mit einer reinen Getreidenahrung. Das ist aber ein langfristiger Weg. Es auch nicht effizient, Flächen, auf denen man Getreide anbauen könnte, zur Tierhaltung zu nutzen oder zur Produktion von Tierfutter.

Welche Rolle spielen die strategischen Getreidespeicher?

Es ist eine alte Weisheit der Organisationen, die sich um die Welternährung kümmern, dass jeder, der Geld hat, Getreide bekommen kann. Und jeder der kein Geld hat oder nicht genug, der bekommt es nicht. Mit jedem Cent, den das Getreide teurer wird, gibt es mehr Menschen, die es sich nicht mehr leisten können. Selbst wenn man Getreidespeicher öffnet und Korn zu einem niedrigeren Preis oder umsonst abgibt, wird es eine Kohorte von Menschen geben, die nicht ausreichend ernährt werden können. Hilfslieferungen sind auf die Dauer ein Tropfen auf dem heißen Stein. Das bleibt ein ungelöstes Problem. 

Lässt sich in extrem importabhängigen Ländern die landwirtschaftliche Produktion umstellen?

Wir haben lange gedacht, dass Länder etwa in Afrika, wo der größte Hunger herrscht, mehr selbst anbauen könnten. Aber das geht aus klimatischen Gründen nicht und aus Gründen des Bodens. Anders als in den gemäßigten Zonen sind die Böden in den Tropen außerordentlich mineralstoffarm, wie etwa in Brasilien. Wenn man dort den Regenwald rodet, bleibt ein Boden zurück, auf dem auf Dauer nicht viel Landwirtschaft zu betreiben ist. Es gibt also wenige wichtige Getreideproduzenten in Afrika. Getreide gedeiht am besten in einem Jahreszeitenklima.

Aber auch auf dem indischen Subkontinent…

Tatsächlich hat Indien erstaunlich zugelegt und spielt eine große Rolle als Produzent. Aber – wie auch in Indonesien – gilt es als vornehmer, Weizen zu verwenden als Reis. Und in Indien gibt es auch eine Trockenzeit; sie können dort Weizen anbauen, der Hauptteil der Landmasse liegt außerhalb der Tropen. Aber es wird wenig exportiert, weil das ungeheuer große Land mit einer riesigen Bevölkerung sehr viel verbraucht, es müssen riesige Städte versorgt werden. Die Methoden von Großbetrieben im Ackerbau sind um vieles effizienter geworden, aber auch dort könnte man natürlich noch einiges ausbauen.


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