KolumneWer kontrolliert die anderen Wirecards?

Capital-Kolumnist Bernd Ziesemer
Capital-Kolumnist Bernd ZiesemerMartin Kress

Christopher Hohn, Chef des Londoner Hedgefonds TCI, hält seine Meinung nicht hinter dem Berg: „Es gibt definitiv Blasen im Fintech-Sektor“, betonte der Milliardär am Freitag im „Handelsblatt“. Man sollte Hohns Worte ernst nehmen. Schließlich hat der aktivistische Investor gerade im Pleitefall Wirecard den richtigen Riecher bewiesen: Hohn wettete seit Ende letzten Jahres massiv gegen den Konzern aus Aschheim und lag am Ende damit richtig, wie inzwischen alle wissen.

Für viele Fintechs mit ihrer komplizierten Mischung aus Technologie und Online-Geldgeschäften gilt das gleiche wie für Wirecard: Zahlreiche deutsche Behörden teilen sich die Aufsicht. Und wenn der Fall Wirecard eines über Regulierung lehrt, dann das: Geteilte Regulierung ist in fast allen Fällen schlechte Regulierung. Viele Geschäftsmodelle in diesem Sektor sind so intransparent und kompliziert, dass selbst die Experten verzweifeln. Die BaFin hält viele Fintechs nur im Zuge einer „allgemeinen Marktbeobachtung“ im Blick und muss nach den jetzigen Gesetzen nur dann tiefer einsteigen, wenn die neuen Start-ups selbst Bankgeschäfte betreiben. Allein schon die schiere Zahl der neuen Fintechs stellt die Aufseher vor große Probleme. Ende 2018 gab es, so schreibt die BaFin in dankenswerter Offenheit, „schätzungsweise zwischen 300 und 900“ dieser Firmen in Deutschland. Schon allein die breite Spanne lässt ahnen, wie unübersichtlich die Szene inzwischen ist.

Nun sollte man die jungen Unternehmen keinesfalls unter Generalverdacht stellen. Ob es unter den anderen „Wirecards“ auch Fälle krimineller Machenschaften gibt, wissen wir nicht. Aber wir sollten die Pleite zum Anlass nehmen, schnell genauer hinzuschauen. Wie alle Internet-Plattform-Unternehmen setzen Fintechs auf die schnelle Skalierung ihres Geschäfts und expandieren deshalb oft sehr früh in viele ausländische Märkte. Partnerschaften aller Art dienen dazu, schnell auf möglichst hohe Kundenzahlen zu kommen. Genau das macht die Geschäftsmodelle noch komplizierter und intransparenter – und war bei Wirecard, wenn nicht alles täuscht, das Einfallstor für kriminellen Betrug.

Die Bafin hat bei Wirecard voll versagt

Die Bafin allein kann das Problem nicht lösen. Notwendig ist zunächst einmal der politische Wille, etwas zu ändern. Und die notwendige Einsicht, was man ändern muss. Die Behörde untersteht, so heißt es im Bürokratendeutsch, der „Rechts- und Fachaufsicht“ des Bundesfinanzministers. Doch damit tut sich Olaf Scholz sichtlich schwer. Noch am Vorabend der Wirecard-Pleite bescheinigte der SPD-Politiker der Bafin, sie habe in diesem Fall „ihren Job gemacht“. Anderentags musste Bafin-Chef Felix Hufeld selbst einräumen, dass genau das eben nicht der Fall gewesen ist. Nun fordert der Finanzminister „harte Konsequenzen“. Eine mehr als peinliche Vorstellung, die im Zuge der ganzen Eilmeldungen über die Wirecard-Pleite etwas unterzugehen droht. Aber am Ende kann sich auch die Politik nicht aus der Mitverantwortung für das Vollversagen der deutschen Aufsicht stehlen.

Die politische Debatte über die richtige Regulierung der Fintechs duldet keinen Aufschub. Einige dieser blutjungen Firmen kommen bereits auf geradezu gigantische Bewertungen unter ihren Investoren. N26 – der Star der Szene – beispielsweise auf zuletzt über 2,3 Mrd. Euro (Stand 2019) bei einem Umsatz von gerade einmal 50 Mio. Euro. Ist das vielleicht die Blase, die Christopher Hohn meint? Mag sein oder auch nicht. Auf jeden Fall geht es um sehr viel Geld. Grund genug zu überprüfen, ob die Aufsicht Schritt hält mit der schnellen Entwicklung der Fintechs.

 


Bernd Ziesemer ist Capital-Kolumnist. Der Wirtschaftsjournalist war von 2002 bis 2010 Chefredakteur des Handelsblattes. Anschließend war er bis 2014 Geschäftsführer der Corporate-Publishing-Sparte des Verlags Hoffmann und Campe. Ziesemers Kolumne erscheint regelmäßig auf Capital.de. Hier können Sie ihm auf Twitter folgen.