KolumneWenn sich Konzerne Politiker kaufen

Capital-Kolumnist Bernd Ziesemer
Capital-Kolumnist Bernd ZiesemerMartin Kress

Der ehemalige britische Premierminister David Cameron, der frühere australische Außenminister Alexander Downer, die Ex-Außenministerin Österreichs Karin Kneissl und Altbundeskanzler Gerhard Schröder haben eines gemeinsam: Alle vier setzen ihren guten Ruf für Konzerne mit zweifelhafter Reputation ein. Cameron legt sich seit 2018 für Lex Greensill ins Zeug, dessen Bank in Bremen gerade auf Anordnung der Finanzaufsicht Bafin ihre Tore schließen musste. Downer schmückt den „Internationalen Beirat“ des umstrittenen Stahltycoons Sanjeev Gupta, dessen Reich gerade gefährlich wackelt. Kneissl nimmt künftig, wie letzte Woche verlautete, im Verwaltungsrat des Moskauer Ölkonzerns Rosneft Platz, dessen Vorstandschef Igor Setschin seit sechs Jahren auf der Sanktionsliste der Amerikaner steht. Und Schröder verdient als persönlicher Freund Wladimir Putins gleich Millionen mit mehreren Posten in Staatskonzernen, die in der Vergangenheit mehrmals ins Gerede gerieten.

Nun spricht im Prinzip überhaupt nichts dagegen, dass sich Unternehmen die Erfahrungen früherer Regierungschefs und Minister zunutze machen. Dass man sie in der Wirtschaft gern als Türöffner benutzt bei ihren Nachfolgern, gehört bereits zu den zweifelhaften Praktiken. Wenn Konzerne aber Ex-Politiker für hohe Summen einkaufen, nur um ihren eigenen zweifelhaften Ruf aufzupolieren, hört der Spaß auf. Die FPÖ-Politikerin Kneissl kassiert, wie in verschiedenen Medien zu lesen war, möglicherweise bis zu 600.000 Euro bei Rosneft. Schröder wahrscheinlich noch mehr in seinen Russland-Jobs.

Weil Konzerne, die so viel Geld für Politiker ausgeben, ziemlich regelmäßig durch alle Art von Affären auffallen, funktioniert der erwünschte Reputationstransfer allerdings kaum noch. Im Gegenteil: Wenn sich ein Unternehmen heute einen Mann wie Schröder oder eine Frau wie Kneissl einkauft, vermutet man sofort das Allerschlimmste. Die Medien schauen besonders kritisch hin und in der Öffentlichkeit bricht sofort eine negative Debatte los. Oder umgekehrt gesagt: Ein Politiker, der Wert auf seinen eigenen Ruf legt, verdingt sich nicht bei russischen oder chinesischen Staatsbetrieben und auch nicht bei umstrittenen Finanzfirmen und undurchsichtigen Unternehmensgruppen. Sonst schwindet der Wert seines eigenen Reputationskapitals wie Schnee in der Sonne.

Der jetzige Skandal um die Greensill-Gupta-Gruppe dürfte die Karrieren gleich mehrerer ehemaliger Politiker beenden. Besonders peinlich wird es für Cameron, der sich in der Vergangenheit öffentlich für beide Unternehmen eingesetzt und sich im Sinne seiner Auftraggeber sogar mit der britischen Presse angelegt hatte. Nun erscheint in Großbritannien deshalb so gut wie jeder Medienbericht über die mögliche Greensill-Pleite und die finanzielle Bedrängnis der Gupta-Gruppe mit einem kräftigen Seitenhieb auf den ehemaligen Premierminister. Deshalb bleibt Cameron wahrscheinlich nur noch die Schröder-Devise: Ist der Ruf erst ruiniert, lebt’s sich gänzlich ungeniert. Egal was in Putins Russland heute oder morgen passiert, siehe Giftanschlag auf Alexei Nawalny, man erwartet von Schröder gar nichts anderes mehr als die bedingungslose Verteidigung des Regimes. Versteht sich von selbst.

 


Bernd Ziesemer ist Capital-Kolumnist. Der Wirtschaftsjournalist war von 2002 bis 2010 Chefredakteur des Handelsblattes. Anschließend war er bis 2014 Geschäftsführer der Corporate-Publishing-Sparte des Verlags Hoffmann und Campe. Ziesemers Kolumne erscheint regelmäßig auf Capital.de. Hier können Sie ihm auf Twitter folgen.