Interview„Wenn es um Technologie geht, gibt es kein Gut oder Schlecht“

Garry Kasparov auf der We are Developers-Konferenz in Berlin 2019.
Garry Kasparov auf der We are Developers-Konferenz in Berlin 2019. Stefan Wieland


Garry Kasparov ist ein ehemaliger russischer Schachspieler. Er war 15 Jahre lang Weltmeister und über 20 Jahre die Nr. 1 der Weltrangliste. Seit seinem Karriereende 2005 trat er als Oppositionsaktivist in Russland auf. Zudem beschäftigt er sich als Autor und Speaker mit moderner Technologie und Künstlicher Intelligenz.


CAPITAL: Herr Kasparov, Sie haben 1997 als weltbester Schachspieler ein Spiel gegen den Supercomputer Deep Blue verloren. Wie hat sich das angefühlt?

GARRY KASPAROV: Verlieren fühlt sich natürlich schlecht an. Aber wenn man verliert, kommt es darauf an, was man daraus lernt – ob man sich vernichtet fühlt oder nach neuen Möglichkeiten schaut. Die Niederlage gegen Deep Blue hat mir die Augen geöffnet und gezeigt, dass in der Zukunft Menschen nicht gegen Maschinen kämpfen, sondern mit ihnen zusammenarbeiten sollten. Und sie zeigte mir, dass Schach ein gutes Laboratorium für diese Zusammenarbeit sein kann.

Wie beurteilen Sie künstliche Intelligenz im Allgemeinen?

Künstliche Intelligenz ist eine revolutionäre Technologie, die unsere Welt dramatisch verändern wird. Grundsätzlich wird KI zeigen, dass viele Angestelltenberufe von Maschinen sehr viel effizienter erledigt werden können – und weil wir nicht mit Maschinen konkurrieren können, glaube ich, dass KI uns zwingen wird, kreativer zu werden. Zudem wird KI die gesellschaftlichen Beziehungen verändern. Das Einsetzen von Maschinen führt in der Regel dazu, dass die Kosten gesenkt werden, sodass mehr Menschen ein Produkt erwerben können. Für Tausende verloren gegangene Jobs in den USA, können also vielleicht Millionen von Leben in Asien oder Afrika gerettet werden.

„Die KI-Debatte wird von Schwarz-Weiß-Denken dominiert“

In vielen Berufen werden Menschen also durch intelligente Maschinen ersetzt?

Wie gesagt: KI ist revolutionär. Es wird Gewinner und Verlierer geben. Wenn wir KI als Beitrag zu unserem Menschsein verstehen, werden wir gewinnen. Dann wird es viel mehr auf der positiven Seite geben. Aber natürlich wird es auch Menschen geben, die sich an den Konsequenzen stören – so wie das schon vorher bei der Landwirtschaft und der industriellen Produktion war. Dieser Kreislauf ist diesmal nicht anders. Der einzige Unterschied ist, dass die Menschen, die heute betroffen sind, Twitter-Accounts haben, deshalb gibt es mehr Aufregung. Aber aus einer historischen Perspektive erleben wir eine Umwälzung, die es auch schon zuvor gab.

Was denken Sie über den aktuellen Hype um Künstliche Intelligenz?

Das Problem mit jedem Hype ist, dass es eine Diskrepanz zwischen der Realität und den gesellschaftlichen Erwartungen und Ängsten gibt. Die heutige KI-Debatte wird von einem Schwarz-Weiß-Denken dominiert. Eine kleinere Gruppe spricht darüber, dass KI die Welt retten wird, eine größere Gruppe spricht über das Ende der Welt. Wir müssen damit aufhören, solche religiösen Begriffe zu verwenden und stattdessen anfangen, ernsthaft über diese von Menschen erfundene Technologie zu sprechen. Ob es einem gefällt oder nicht, KI passiert jetzt, ist in Bewegung. Also sollten wir darüber sprechen, wie wir unser Business dem anpassen können. Wenn es um Technologie geht, gibt es kein Gut oder Schlecht. Es geht darum, wie wir sie einsetzen. Also sollten wir darüber nachdenken, wie wir KI so einsetzen können, dass es für die Mehrheit der Gesellschaft Vorteile bringt.