ReportageKubas nächste Revolution

Eine Installation zu Ehren von Che Guevara am Platz der Revolution in Havanna
Eine Installation zu Ehren von Che Guevara am Platz der Revolution in Havanna
© Getty Images

Irgendwo dort drüben stehen sie bereit, die Autofirmen, Fluglinien, Fährschiffe, die Investoren und Touristen. Die Retter Kubas, glaubt Enrique Nuñez. Oder aber die Zerstörer.

Der Unternehmer blickt sehnsüchtig hinaus aufs Meer. Ein stürmischer Tag geht zu Ende, hohe Wellen brechen am Malecón. Nuñez will nicht „rübermachen“ nach Florida wie so viele andere. Er will die Amerikaner eher hier. Er hofft auf die Investitionen, von 5 Mrd. Dollar ist die Rede. Und er hofft auf Touristen, fünf Millionen im Jahr sollen es werden.

Dann, so glaubt er, ist auch der politische Wandel nicht mehr aufzuhalten. Der Boom wird über alles hinwegrollen, auch das Politbüro.

„Das neue Kuba“

Enrique Nuñez steht an der Bar seiner Dachterrasse hoch über Havanna. Hier oben in der Abenddämmerung hat er einen magischen Blick über die Stadt: links das baufällige Zentrum, rechts die renovierte Altstadt, hier das Grau des Sozialismus, dort die Pastellfarben des Wandels. „Wir sind gerade irgendwo dazwischen“, sagt er. „Mitten auf dem Weg.“

Es ist 19 Uhr an einem Freitag, die Sonne ergibt sich der Nacht, Rumbatöne auf der Straße lösen den Baulärm ab. Die ersten Bargäste treffen ein, Touristen aus Kanada, Spanien und zunehmend aus den USA, dazu neureiche Kubaner, vor allem Künstler und Jungunternehmer. Nuñez nennt sie: „Das neue Kuba.“

Er ist selber einer dieser Erfolgreichen, die sich ihre Nische im tropischen Sozialismus geschaffen haben. Sein Privatrestaurant La Guarida ist immer voll, eines jener paladares, die die Regierung in den 90er-Jahren ­zuließ. Seines trägt die sehr unsozialistische Auszeichnung: „Loved by Luxury Travel Intelligence“.

Fachsprache des Kapitalismus

Nuñez wünscht sich Amerikas Massen und Milliarden nicht etwa für sich, ihm geht es gut. Er wünscht sie sich fürs Land. Mit jedem Touristen kämen neue Impulse, mit jedem Unternehmen neue Ideen, mit jeder Investition steige der Druck aufs Regime, endlich Internet zuzulassen, neue Hotels, mehr Privatinitiative. Wenn die Staatsführung sich nicht von selber reformiere, werde der neue Input das eben erledigen.

Nuñez sagt „Input“. Er spricht von „Incentives“ und „Multitasking“. Er hat keine Angst mehr, die Fachsprache des Kapitalismus zu benutzen. Nuñez gehört zu jenen unerschrockenen Unternehmern, die die Ideen des Sozialismus „gut“, die Umsetzung aber „miserabel“ nennen. Seit 20 Jahren ist er nun im Geschäft und hat alle Stufen der kubanischen Privatisierung erlebt: zunächst die Schikanen durch den Staat, dann den zaghaften Aufbruch, erste Konzessionen, Experimente mit der Perestroi­ka, endlich wirtschaftlichen Erfolg, auch Wohlstand, und heute: Stress.