Microsoft Welche Schwierigkeiten der Kauf von Activision Blizzard birgt

Von der Übernahme von Activision Blizzard verspricht sich Microsoft viel, reibungslos dürfte die Fusion aber nicht über die Bühne gehen
Von der Übernahme von Activision Blizzard verspricht sich Microsoft viel, reibungslos dürfte die Fusion aber nicht über die Bühne gehen
© IMAGO / ZUMA Wire
Mit der Übernahme des Videospieleentwicklers Activision Blizzard startet Microsoft eine Kampfansage an die Konkurrenz in Japan und China. Doch zu früh sollte sich Microsoft nicht für den Coup feiern lassen

Knapp 69 Mrd. US-Dollar – so viel Geld hat Microsoft noch nie in Wachstum investiert. Mit der Übernahme von Videospielentwickler Activision Blizzard will der Hard- und Software-Riese nicht weniger als Geschichte schreiben und voll und ganz auf Zukunft setzen. Metaversum, Exklusivität und eine höhere Wettbewerbsfähigkeit in der boomenden Gamingbranche erhofft sich der Konzern. Es ist die Kampfansage an die Konkurrenz aus Japan und China.

Noch aber ist der Deal nicht in trockenen Tüchern. Wettbewerbshüter melden bereits erste Bedenken an. Und es gibt noch einen Wermutstropfen bei dem Deal: Denn Microsoft holt sich mit Activision Blizzard einen brodelnden Skandal ins Haus.

Dennoch steht eins fest: Die Pandemie hat Gaming nochmal einen kräftigen Schub gegeben. Einer Studie zufolge zocken bereits zwei Drittel der Erwachsenen und drei Viertel der Kinder unter 18 Jahren in den USA wöchentlich Videospiele. Kein Wunder also, dass Microsoft in dem Bereich wachsen will. „Dieser Kauf wird das Wachstum von Microsofts Spiele-Geschäft in den Bereichen mobil, PC, Konsole und Cloud beschleunigen“, heißt es in einem Statement. Konzernchef Satya Nadella spricht darin von der „dynamischsten und aufregendsten Kategorie der Unterhaltung über alle Plattformen hinweg“.

Nächste Ausfahrt Metaversum

Es folgen Sätze, die noch wenig greifbar wirken, aber bereits die gesamte Techindustrie antreiben. Der Kauf werde „Bausteine für das Metaversum“ bereitstellen, so Nadella. Gemeint ist ein Raum, in dem virtuelle und physische Welt verschmelzen. Dass Videospiele da eine Schlüsselrolle spielen, ist naheliegend: Der Zugang ist relativ einfach und mit Virtual-Reality-Brillen gibt es bereits die nötige Technologie. Wer in der Gamingbranche den Hut aufhat, wird im Metaversum mitbestimmen können. Genau aus diesem Grund investiert Meta – einst Facebook – auch in die Entwicklung von eigenen Spielen.

Für Microsoft würde die Übernahme einen enormen Schritt nach vorn in der Spieleindustrie bedeuten. Ob PC, Konsole oder Smartphone - durch Activision Blizzard wäre Microsoft damit plötzlich auf Augenhöhe mit Sony und Tencent, den bisherigen Marktführern. Das liegt vor allem an den Franchises, beziehungsweise Spieletiteln, die Activision Blizzard im Portfolio hat: „Call of Duty“, „World of Warcraft“, „Diablo“ oder das Mobile Game „Candy Crush“ sind alles regelrechte Goldesel im Videospielbereich. Fans dieser Spielreihe halten den turnusmäßigen Neuauflagen dieser Titel immer die treue – selbst bei Rückschlägen in der Entwicklung oder nur geringen Fortschritten.

Mehr Exklusivität im Kampf der Franchises

Kommt der Deal zustande, hätte Microsoft die Möglichkeit, Spieler an die eigenen Plattformen wie die Xbox und deren Game Pass zu binden. In diesem Bereich war in den letzten Jahren ein Machtungleichgewicht zugunsten von Sony entstanden. Erkennbar ist das beispielsweise an den beiden Bezahlmodellen der Tech-Riesen.

Rund 25 Millionen Abonnenten hat der Xbox Game Pass (ca. 12,99 Euro), mehr als 40 Millionen Nutzer zahlen monatlich für Sonys Playstation Plus (8,99 Euro). Auch wenn es teurer ist, ist das Angebot von Xbox im Grunde vielfältiger und damit vom Preis-Leistungs-Verhältnis besser. Spielern stehen dort Hunderte Spieletitel frei zur Verfügung, Sony dagegen bietet monatlich nur drei bis vier Titel an. Allerdings hat Microsoft das Rennen um exklusiven Content in den letzten Jahren verschlafen.

Superhelden-Adaptionen wie "Marvel's Spider-Man", Endzeit-Dramen wie "The Last of Us" oder Action-Adventures wie "Uncharted" waren als Exklusiv-Titel auf der Playstation für Sony Kassenschlager, die sich wunderbar im Konsolenbundle verkaufen ließen. Auch die Frequenz war beim japanischen Entwickler im Triple-A-Bereich - also Spiele mit besonders großem Entwicklungsbudget - in der Vergangenheit deutlich höher als bei Microsoft.

Allerdings ist wohl eher nicht zu erwarten, dass Shooter wie „Call of Duty“ nur noch auf Xbox und PC zu spielen sind. Xbox-Chef Phil Spencer hatte dazu bereits angekündigt, dass man versuche, Spiele für eine möglichst große Zahl an Zockern bereitzustellen. Das klingt nur logisch, da „Call of Duty“ oder „World of Warcraft“ vor allem durch Ingame-Verkäufe Millionen in die Kassen spülen. Mit Activision Blizzard würde sich Microsoft aber nun einen Konzern einverleiben, mit dem große Exklusiv-Titel im Triple-A-Bereich in Zukunft besser umzusetzen sind. Zumindest in der Theorie.

Aufarbeitung von Skandalen

Denn Activision Blizzard schreibt seit Monaten eher negative Schlagzeilen. Im vergangenen Sommer wurde der Spielentwickler von Vorwürfen der Diskriminierung und Belästigung weiblicher Angestellter erschüttert. Vom einem toxischen Arbeitsumfeld war da die Rede. Im Juli verklagte dann der Bundesstaat Kalifornien das Unternehmen. Mehrere ranghohe Manager bei Activision Blizzard wurden entlassen, doch Chef Bobby Kotick blieb. Dabei forderten 2000 der 10.000 Activision-Beschäftigten per Petition seinen Rücktritt - denn der soll von den Vorgängen im Unternehmen gewusst, aber nichts unternommen haben.

Bei der Ankündigung des Deals mit Microsoft soll Kotick laut „New York Times“ davon gesprochen haben, dass beide Unternehmen ähnliche Werte und Unternehmenskulturen pflegen. Microsofts Gaming-CEO Spencer sagte in der Folge seine Unterstützung zu, die Reform der Unternehmenskultur voranzubringen. Und das wird vorerst mit Kotick geschehen. Er soll bis zum Abschluss der Übernahme in zwölf bis 18 Monaten noch auf dem Chefsessel bleiben und danach in eine beratende Funktion übergehen, beruft sich die NYT auf Insider.

Die Blizzard-Sparte hat zudem aktuell kein gutes Standing. Mit eher mäßigen Erweiterungen zu „World of Warcraft“ und Entwicklungsverzögerungen bei „Diablo 4“ und „Overwatch 2“ war der amerikanische Spieleentwickler bei Zockern in Ungnade gefallen.

FTC modernisiert Fusionsrichtlinien

Trotz des zurzeit eher mäßigen Rufs von Activision Blizzard hinterlässt die nahende Übernahme aber bereits Spuren beim Konkurrenten Sony. Am Tag der Ankündigung gingen die Papiere des Japanischen Techkonzerns auf Talfahrt und sackten in Tokio um bis zu 13 Prozent ab - ein Milliardenverlust für Sony.

Doch zu früh feiern lassen für den Coup darf sich Microsoft nicht. Kaum waren die Fusionspläne bekannt, meldeten sich bereits US-Behörden zu Wort. Nur wenige Stunden später gab die Federal Trade Commission (FTC) bekannt , dass sie nun die Modernisierung ihrer Fusionsrichtlinien für große Unternehmen, insbesondere im digitalen Bereich, einleiten würde. Zwar wurden Microsoft-Pläne nicht erwähnt, Auswirkungen könnte das aber dennoch auf den Deal haben.

Sowohl die FTC als auch die EU waren der Idee von Big-Tech-Akquisitionen in letzter Zeit weniger freundlich gesinnt, weil sie befürchten, dass eine weitere Konsolidierung des Marktes zu Monopolen führen könnte. Eine Rolle spielt deshalb, ob die Fusion mit Activision Blizzard in der Entertainment-Sparte angesiedelt wird. In der Unterhaltungsbranche werde Fusionen dieser Größenordnung, wie zuletzt bei der Übernahme von Fox durch Disney, weniger kritisch beäugt. Da Microsoft diesen Deal jedoch als wichtigen Baustein im Metaversum positioniert hat, ist es nicht abwegig, dass es Widerstand von den Wettbewerbshütern gibt.

Der Beitrag ist zuerst erschienen auf ntv.de


Mehr zum Thema



Neueste Artikel