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Energiesicherheit Biomasse – Europas ungenutzte Energiequelle vor der eigenen Haustür

Biomasse-Heizkraftwerk der Stadt Neustrelitz
Biomasse-Heizkraftwerk der Stadt Neustrelitz
© Jens Büttner / picture alliance/dpa
Biomasse ist die größte Quelle erneuerbarer Energie in der EU – nicht nur für Strom, sondern vor allem für Wärme und erneuerbare Kraftstoffe. Wenn Europa eine strategische Energieunabhängigkeit erreichen will, ist es höchste Zeit, dieses Potenzial zu nutzen

Das Positive zuerst: Europa wird in diesem Winter weder in Dunkelheit versinken, noch in überwiegend kalten Wohnungen sitzen. Die Befürchtungen, dass der EU im Winter die Energiereserven ausgehen, haben sich nicht bewahrheitet. Die Gasspeicher sind EU-weit zu 80 Prozent gefüllt, und alternative Versorgungswege wie Terminals für Flüssiggas wurden in Rekordzeit entschieden und gebaut. Auch die Abhängigkeit von Russland wurde in kürzester Zeit verringert: Der Anteil des russischen Gases in der EU ist von 40 Prozent im letzten Jahr auf nur noch 9 Prozent im Jahr 2022 gesunken – auch dank Gas aus den USA, Norwegen, Algerien oder Aserbaidschan. Auch sind die Erdgaspreise seit ihrem Höchststand im August wieder gesunken.

Dass das Schlimmste abgewendet ist, bedeutet jedoch nicht, dass alles gut ist. Europa steht nach wie vor an einem energiepolitischen Scheideweg und muss spätestens im Frühjahr 2023 zwei elementare Fragen beantworten. Erstens: Wie kann die EU als Ganzes unabhängiger in der Energieversorgung werden? Und zweitens: Wie kann sie dabei ihre Klimaziele noch erreichen?

Energieeinsparungen und die Abschöpfung von Übergewinnen bei Energieerzeugern sind natürlich wichtige Krisenmaßnahmen, so wie sie vom Europäische Rat in seinem Sofortmaßnahmenplan vom 6. Oktober 2022 auch beschlossen wurden. Aber diese Maßnahmen sind nicht nur reaktiv, sondern auch zeitlich begrenzt und laufen am 31. März 2023 bereits wieder aus.

Hilfreich ist in der momentanen Situation auch, dass sich einige EU-Mitgliedsstaaten, zumindest vorübergehend, von überholten ideologischen politischen Handlungsmustern befreit haben. Das alles erspart der Politik aber nicht die Beschäftigung mit den Fragen: Wie sieht die europäische Energiepolitik mittel- und langfristig aus und was tun wir für den Klimaschutz?

Zwar wurde die Abschlusserklärung der COP27-Klimakonferenz viel kritisiert, aber sie stellt doch unmissverständlich klar, dass sich die Weltgemeinschaft in Sharm El Sheikh zur Einhaltung des 1,5-Grad-Ziels verpflichtet hat und auch den globalen Kohleausstieg will. Sollen also beide Ziele, Energiesicherheit und Klimaschutz, in Einklang gebracht werden, ist es an der Zeit, endlich eine nachhaltige, aber bisher vernachlässigte energiepolitische Technik aufzugreifen.

Fragwürdige Argumente und Irrtümer

Die EU hat eine nachhaltige Energiequelle direkt vor der Haustür, die sie nicht vernachlässigen sollte: Biomasse. Rund 96 Prozent der derzeit energetisch genutzten Biomasse - insbesondere für Heizzwecke und als erneuerbare Kraftstoffe für den Verkehr - stammen aus der EU selbst. Moderne energetische Anwendungen von nachhaltig gewonnener Biomasse sind der „schlafende Riese“ für mehr europäische Energieunabhängigkeit und Energiesicherheit. Es wird Zeit, ihn zu wecken.

Obwohl Biomasse die größte Quelle erneuerbarer Energie in der EU ist - nicht nur für Strom, sondern vor allem für Wärme und für erneuerbare Kraftstoffe –, spielen ihre Vorteile in der aktuellen politischen Diskussion kaum eine Rolle. Es mangelt an politischer Akzeptanz, nachdem jahrzehntelang viele Gruppen mit fragwürdigen Argumenten und Irrtümern Bioenergie verteufelt haben.

Wärmewende mit Biomasse

Die politischen Krisenstrategien, die in diesem Winter angewandt wurden, um die Gasvorräte koste es, was es wolle, aufzufüllen, können für den kommenden Winter nicht einfach wiederholt werden. Es wurde dabei nämlich auch deutlich, welchen enormen wirtschaftlichen Schaden hohe Energiepreise bei Privathaushalten und Unternehmen anrichten. Gesucht wird also dringend eine ernsthafte Strategie, zumindest für eine mittelfristige, nachhaltige Energie- und Wärmewende.

Das Hauptaugenmerk der politischen Entscheidungsträger und der Öffentlichkeit liegt jedoch derzeit eher auf der nachhaltigen Stromerzeugung mit Solar- und Windenergie. Dagegen wird der Bedarf an einer Wärmewende sträflich unterschätzt. Aber allein in Deutschland lag der Anteil der Bioenergie an der erneuerbaren Wärmeversorgung im Jahr 2020 bei 86 Prozent. Die Bioenergie ist damit der mit Abstand wichtigste Lieferant von erneuerbarer Wärme – sei es Wärme aus festen Brennstoffen, aus gasförmigen Brennstoffen oder aus flüssigen Brennstoffen. Ein großer Teil der biobasierten Wärme wird bereits jetzt aus Abfällen und Reststoffen gewonnen, also aus Reststoffen der Sägeindustrie, der Papierindustrie oder aus Bauabfällen. Dazu kommen Reste aus der Lebensmittelindustrie, Grünabfälle, Rückstände der Landschaftspflege, landwirtschaftliche Reststoffe und Abfälle einschließlich tierischer Exkremente sowie Siedlungsabfälle.

Auch können nachhaltig bewirtschaftete Wälder – neben Bau- oder Zellstoffholz – auch bedeutende Mengen an minderwertigen Holzressourcen liefern, die zur Energiegewinnung genutzt werden können. Dafür muss kein einziger Wald abgeholzt werden, obwohl es immer wieder behauptet wird. 

Um negative Folgen für Klima und Umwelt zu vermeiden, muss moderne Bioenergie rechtlich die Nachhaltigkeitsstandards erfüllen. Stammt die Biomasse aus Wäldern, muss sie aus nachhaltig bewirtschafteten Wäldern kommen und ein Bestandteil des gesamten Holzeinschlags sein – neben Bau- und/oder Zellstoffholz. Das ist nachhaltig und klimaneutral und wächst vor der Haustüre.

Mit moderner Wärme und Energie aus Biomasse könnte Europa vier Probleme lösen:

  • Biomasse ist in der Lage, Wärme auf einem hohen Temperaturniveau für die industrielle Verwendung zu liefern, ohne dass zusätzliche kostspielige Technologie bereit gestellt werden müsste. Außerdem kann sie in großem Umfang und zu relativ geringen Kosten gespeichert werden. Bioenergieanlagen können in der kalten Jahreszeit häufig Wärme und Strom durch Kraft-Wärme-Kopplung erzeugen. Damit ergänzen sie die Solarenergie mit ihrer geringen Produktion im Winter geradezu ideal.
     
  • Biomasse schafft also mehr Energieunabhängigkeit für Europa. Sie kann weitgehend aus lokalen Ressourcen erzeugt und sofort genutzt und eingespeist werden, da die Bioenergieträger mit der bestehenden Infrastruktur kompatibel sind. Biomethangas könnte bis 2050 etwa 40 Prozent des europäischen Gasbedarfs decken.
     
  • Außerdem sorgt sie für Netzstabilität: Mit einem zunehmenden Anteil der Stromerzeugung aus Wind und Sonne sehen sich die europäischen Übertragungsnetzbetreiber mit dem sogenannten 49,5/50,2-Hertz-Problem konfrontiert. Im Gegensatz zur gleichmäßigen Versorgung durch thermische Kraftwerke, die mit Kernenergie, festen Brennstoffen oder Gas betrieben werden, unterliegt die Energie aus Sonnen- und Windenergie natürlichen Schwankungen. Strom aus Biomasse- und Biogaskraftwerken – die wesentlich flexibler sind als Kernkraftwerke – kann dann als stabilisierender Faktor anstelle von Kohle- oder Gaskraftwerken zum Spannungsausgleich im europäischen Netz eingesetzt werden.
     
  • Moderne Bioenergie spielt kurzfristig auch eine Schlüsselrolle für die Erreichung der Klimaziele, weil sie fossile Energie ersetzen kann. Sie ist aber auch für die Erreichung längerfristiger Klimaziele wichtig. Denn um die globalen Temperaturen in den kommenden Jahrzehnten überhaupt stabilisieren zu können, ist zusätzlich die aktive Entfernung von CO2 aus der Atmosphäre – die sogenannte negative Emission – notwendig. Dies wurde auch im sechsten IPCC-Bewertungsbericht klar festgestellt.

Bioenergie mit Kohlenstoffabscheidung und -speicherung (BECCS) ist eine wichtige Option für die Bereitstellung negativer Emissionen. Das CO2, das während des Pflanzenwachstums aus der Atmosphäre aufgenommen wird, wird bei der Energieerzeugung nicht wieder freigesetzt, sondern aufgefangen und im Untergrund gespeichert. BECCS spielt in den IPCC-Emissionsszenarien zur Erreichung der Klimaziele eine entscheidende Rolle und wird seit dem Pariser Klimaabkommen als wichtige Technologie für negative Emissionen diskutiert. Die CO2-Abscheidung wird bereits in mehreren Biokraftstoffanlagen in und außerhalb Europas eingesetzt und auch in mehreren Kraftwerken erprobt.

Europa steht also vor der Wahl, entweder seine Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen und Drittländern zu verlängern und nur kurzfristig auf die Krise zu reagieren – oder endlich mehr eigene Energie zu produzieren, um die Energieversorgung seiner Bürger und seiner Wirtschaft zu gewährleisten. Um dies zu erreichen, müssen wir liebgewonnene Denkmodelle der Vergangenheit überwinden. Energieunabhängigkeit und Versorgungssicherheit müssen strategisch und nicht mehr nur wirtschaftlich gedacht werden. Europa kann diese Verantwortung nicht länger an Drittstaaten auslagern. Wenn wir mehr Unabhängigkeit, Versorgungssicherheit und Nachhaltigkeit bei Energie und Wärme erreichen wollen, führt kein Weg an Biomasse vorbei.

Paul Bennett ist seit 2020 Vorsitzender der International Energy Agency - Bioenergy (IEA Bioenergy). Er beschäftigt sich seit mehr als 30 Jahren wissenschaftlich mit Biokraftstoffen und Bioenergiefragen, aktuell als Portfolio-Leiter für integrierte Bioenergie beim staatlichen Forschungsinstitut Scion in Neuseeland.

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