Streit um Bots Was wird aus dem Musk-Twitter-Deal?

Musks Twitter-Account: Von Bots belästigt
Musks Twitter-Account: Von Bots belästigt
© IMAGO / ZUMA Wire
Mit der Behauptung, Twitter habe ein Bot-Problem, versucht sich Kaufinteressent Elon Musk aus dem geplanten Deal zu winden. Doch so einfach wird das nicht, sagen Experten

In aller Form und mit Nachdruck hat Tesla-Milliardär Elon Musk seine Behauptung erneuert, dass Twitter ein ernsthaftes Bot-Problem habe. Und er hat damit gedroht, von seinem geplanten Kauf des Unternehmens zurückzutreten, wenn das soziale Netzwerk nicht mehr tue, um zu beweisen, dass seine Nutzer echte Menschen sind.

Doch unter Experten gilt es als wahrscheinlich, dass Musk das Bot-Problem nur als Vorwand benutzt, um den Deal abzusagen oder neu zu verhandeln. Denn die Bedingungen sahen zuletzt für Twitter immer besser aus, während gleichzeitig die Märkte in den letzten Wochen auf Talfahrt gingen.

In einem am Montag bei der Wertpapieraufsicht SEC eingereichten Schreiben heißt es von Musk, Twitter verstoße seiner Meinung nach gegen die Vereinbarung, weil es seinen Forderungen nach mehr Informationen über Spam und Fake-Nutzerkonten nicht nachkomme. Hinter den Kulissen aber geht es in den Verhandlungen voran, wie mit der Angelegenheit vertraute Personen berichten. Beide Seiten treffen sich demnach regelmäßig und tauschen Informationen aus, sagten zwei der Personen, die nicht befugt waren, öffentlich zu sprechen.

„Was er versucht, ist eine Papierspur zu hinterlassen“, sagte Andrew Freedman, Partner bei der Anwaltskanzlei Olshan Frome Wolosky und Experte für aktivistische Investoren. „Sein Pech ist,  dass die Kündigungsbestimmungen in solchen Übernahmeverträgen nicht vorsehen, dass der Käufer seine Entscheidung bereut.“

Musk glaubt, 20 Prozent der Nutzer seien Bots

Letzten Monat sagte Musk, er lege das Geschäft „auf Eis“, bis der Social-Media-Gigant nachweisen könne, dass weniger als fünf Prozent seiner Nutzer Bots seien, wie das Unternehmen in einem öffentlichen Bericht erklärte. Musk schätzt, dass mindestens 20 Prozent aller Nutzer gefälschte Konten haben. 

Twitter hat Musk jedoch nach eigenen Angaben Informationen darüber zur Verfügung gestellt, wie es die Anzahl der Spam-Konten seines Dienstes berechnet. Führungskräfte teilten den Mitarbeitern mit, dass Musk das Geschäft nicht einfach auf Eis legen könne, da beide Seiten die Fusionsvereinbarung unterzeichnet haben. Am Montag bekräftigte das Unternehmen, dass es Musk für die Einhaltung der Bedingungen seiner geplanten 44-Mrd.-Dollar-Übernahme zur Rechenschaft ziehen werde. Das deutet darauf hin, dass auch die Verantwortlichen bei Twitter glauben, er könnte versuchen, das Geschäft platzen zu lassen. 

In einer Erklärung teilte der Kurznachrichtendienst mit, dass er mit Musk Informationen ausgetauscht habe und weiterhin austauschen werde. Das Unternehmen sei der Ansicht, dass der Deal im besten Interesse aller Aktionäre sei und beabsichtige, „die Transaktion abzuschließen und die Fusionsvereinbarung zum vereinbarten Preis und zu den vereinbarten Bedingungen durchzusetzen“. Twitter könnte möglicherweise eine Klage gegen Musk anstrengen, um ihn zu zwingen, den Deal abzuschließen – sollte er den Versuch unternehmen, von der Übernahme zurückzutreten.

„Der Twitter-Verwaltungsrat wird irgendwann die Nase voll haben und eine Klage in Delaware einreichen und sagen: Ich will ein Feststellungsurteil, das besagt, dass wir nicht gegen die Vereinbarung verstoßen und dass Musk das Geschäft abschließen muss“, so Brian Quinn, M&A-Professor an der Boston College Law School. „Das dürfte der nächste Schritt von Twitter sein.“

Die Twitter-Aktien gaben am Montag um 1,49 Prozent nach, was auf eine zunehmende Skepsis hindeutet, dass Musk sein Angebot von 54,20 Dollar pro Aktie zum Abschluss bringen wird, und die Kluft zwischen den Erwartungen des Marktes und den Preisvorstellungen des Milliardärs weiter vergrößert. Seit Musk am 14. April seinen Übernahmeplan vorgestellt hat, sind die Aktien kaum – und nur kurz – über 50 Dollar gestiegen. Das Geschäft kam in halsbrecherischer Geschwindigkeit zustande, auch weil Musk darauf verzichtete, die Twitter-Finanzen über die öffentlich zugänglichen Informationen hinaus zu prüfen. 

Öffentlicher Streit um Bots

Twitter-CEO Parag Agrawal hat sich mit Musk öffentlich auf Twitter über Bots gestritten. Agrawal sagte, dass menschliche Prüfer „Tausende von Konten“ untersuchen würden, um die Verbreitung von Bots festzustellen, fügte aber hinzu, dass er aus Datenschutzgründen keine genaueren Angaben machen könne. „Leider glauben wir nicht, dass diese spezifische Schätzung von außen durchgeführt werden kann, da wir sowohl öffentliche als auch private Informationen verwenden müssen“, schrieb Agrawal im Mai. In dem Dokument vom Montag widersprach Musk dieser Einschätzung zu Bots scharf.

„Twitters jüngstes Angebot, einfach zusätzliche Details zu den unternehmenseigenen Testmethoden zur Verfügung zu stellen, sei es durch schriftliches Material oder mündliche Erklärungen, ist gleichbedeutend mit der Ablehnung der Datenanfragen von Herrn Musk“, schrieb Musks Anwalt in einem Brief an Twitters Top-Anwalt Vijaya Gadde. „Twitters Versuch, dies anders darzustellen, ist lediglich ein Versuch, die Angelegenheit zu vernebeln und zu verwirren. Herr Musk hat deutlich gemacht, dass er die laxen Testmethoden des Unternehmens nicht für angemessen hält, so dass er seine eigene Analyse durchführen muss. Die Daten, die er angefordert hat, sind dafür notwendig.“

Musk sei der Ansicht, dass die Weigerung des Unternehmens, mehr Informationen zur Verfügung zu stellen, eine „eindeutige materielle Verletzung der Verpflichtungen von Twitter im Rahmen der Fusionsvereinbarung darstellt, und Herr Musk behält sich alle daraus resultierenden Rechte vor, einschließlich seines Rechts, die Transaktion nicht zu vollziehen und die Fusionsvereinbarung zu kündigen“, heißt es.

Die Einreichung eines solchen Antrags sei rechtlich nicht notwendig gewesen, sagt Jill Fisch, Expertin für Wirtschaft und Recht an der University of Pennsylvania Carey Law School. „Er nutzt den SEC-Antrag, um sich mit dieser Erklärung an die Kapitalmärkte zu wenden.“

Ein Problem für Musks Argumentation: Er hatte sich bereits öffentlich über die Bots von Twitter beschwert, bevor er ein Angebot zum Kauf des Unternehmens machte. 

Vertragsstrafe: je 1 Mrd. Dollar

„Er war sich der Problematik offensichtlich bewusst – er sprach offen darüber, dass er das Problem beheben wolle, als einen Bereich, in dem er Werte schaffen könne“, sagt Freedman. „Er müsste wahrscheinlich nachweisen, dass Twitters Vorgehen rücksichtslos oder fahrlässig ist“, um das Unternehmen zwingen zu können, den Vertrag neu zu verhandeln. 

Die vorgeschlagene Übernahme sieht vor, dass beide Parteien für einen Abbruch des Deals je 1 Mrd. Dollar zahlen müssten – aber Musk kann sich nicht einfach aus dem Staub machen, indem er die Strafe bezahlt. Die Fusionsvereinbarung enthält eine spezielle Erfüllungsklausel, mit der Twitter Musk zwingen kann, das Geschäft zu vollziehen, wie aus dem ursprünglichen Antrag hervorgeht. Das könnte bedeuten, dass Twitter, sollte das Geschäft vor Gericht landen, eine Verfügung erwirken könnte, wonach Musk die Fusion vollziehen muss, anstatt eine finanzielle Entschädigung für etwaige Verstöße gegen die Vereinbarung zu erhalten.

Musks Anwalt, Mike Ringler von Skadden, Arps, Slate, Meagher & Flom, sagte, Twitter müsse kooperieren und die geforderten Daten zur Verfügung stellen, damit Musk die für den Abschluss des Geschäfts erforderliche Fremdfinanzierung sicherstellen kann. Diese Forderung wird auch durch die Tatsache erschwert, dass zahlreiche Finanzinstitute Musk Verpflichtungserklärungen für die Fremdfinanzierung ausgehändigt haben, so Quinn. 

Als Twitter-Nutzer hat Musk vermutlich andere Erfahrungen mit Bots auf der Plattform gemacht als die meisten anderen Nutzer. Bots werden meist so programmiert, dass sie beliebten Nutzern folgen, damit sie so menschlicher wirken. Musk, der 96 Millionen Anhänger hat, zieht wahrscheinlich einen höheren Prozentsatz an Bots an als die meisten Nutzer.

Die meisten Schätzungen von außen gehen davon aus, dass der Anteil der Twitter-Bots höher liegt als die vom Unternehmen angegebenen Schwelle von fünf Prozent. Der Berater und Bot-Experte Andrea Stroppa vermutet, dass Bot-Konten in den letzten neun Jahren etwa zehn Prozent des weltweiten Twitter-Publikums ausgemacht haben.

Der Anteil steigt auf bis zu 20 Prozent, sobald es um bestimmte Themen wie Kryptowährungen geht, und auf über 30 Prozent bei Konten, die sich mit bestimmten Verschwörungstheorien beschäftigen, so der Forscher.

„Es steht eine Menge Geld auf dem Spiel, also müsste er eine Menge Beweise haben, damit es sich für Twitter lohnt, aufzugeben, anstatt für den ursprünglichen Preis zu kämpfen“, sagt Ann M. Lipton, Professorin für Wirtschaftsrecht und Unternehmertum an der Tulane University Law School in New Orleans. Das ganze könnte ein „hässlicher Rechtsstreit“ werden.

Mitarbeit: Michelle F. Davis, Sarah Frier, Scott Deveau, Chris Dolmetsch, Bob Van Voris und Molly Schuetz

© 2022 Bloomberg L.P.


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