KolumneWas der Fall Wirecard lehrt

Capital-Kolumnist Bernd Ziesemer
Capital-Kolumnist Bernd ZiesemerMartin Kress

Als die schöne Wachstumsstory noch völlig intakt schien, noch kein einziger kritischer Artikel der „Financial Times“ über Bilanzmanipulationen erschienen war und die Geschäftsberichte noch einigermaßen pünktlich auf dem Tisch lagen und es sogar ein Testat der Wirtschaftsprüfer gab, fiel bei Wirecard schon eines unangenehm auf: Vorstand, Aufsichtsrat und Hauptaktionär hielten sich nicht an die normalen Regeln und Gebote einer guten Unternehmensführung.

Statt einer professionellen Aufgabenteilung und einer strikten Kontrolle konnte man seit Jahren deutliche Anzeichen einer merkwürdigen Spezl-Wirtschaft ausmachen. Im Vorstand ging man seit Jahren hemdsärmlich miteinander um. Und statt der im Aktiengesetz ausdrücklich vorgesehenen Verantwortung jedes Einzelnen für sein Ressort, ordneten sich alle willig dem Hauptaktionär und Chef unter. Hinzu kam: Im Aufsichtsrat saßen viele Leute, die offensichtlich so froh über ihre Berufung waren, dass sie ihr schönes Amt nicht durch allzu strenge Kontrolle des Vorstands gefährden wollten.

Solange es Wirecard gut ging und ohne Pause höhere Gewinne zu bejubeln waren, scherten sich die meisten Anleger nicht um die sperrigen Einzelheiten der Corporate Governance. Man vertrat die Theorie, in einem Wachstumskonzern, der in vielem noch an ein Start-up erinnerte, müsse man es mit den vielen Regeln nicht allzu genau nehmen. Compliance? Nun ja. Darum wollte man sich halt später einmal kümmern, sich jetzt aber lieber voll auf das globale Wachstum konzentrieren. Doch spätestens mit dem Aufstieg des Unternehmens in die oberste Börsenliga, den Dax-30-Index, wäre eine tiefgreifende Organisationsreform an der Spitze fällig gewesen. Doch es passierte gar nichts.

Der Aufsichtsrat hat auf ganzer Linie versagt

Als dann die ersten schwerwiegenden Vorwürfe gegen Wirecard in der „Financial Times“ auftauchten, reagierte der damalige Aufsichtsratschef Wulf Matthias mit den unglaublichen Worten, man habe bei Wirecard andere Dinge zu tun, als jeden Tag die „endlosen Geschichten“ über das Unternehmen zu lesen. Eine dümmere Antwort konnte man sich nur schwer ausdenken, schrieben wir damals an dieser Stelle. Im Nachhinein kann man sagen: Selten hat der Aufsichtsrat eines Dax-30-Unternehmens so vollständig und auf ganzer Linie versagt wie bei Wirecard. Man kann nur hoffen, dass nicht nur der jetzige Vorstand, sondern auch die Mitglieder des Aufsichtsrats zur vollen juristischen Verantwortung herangezogen werden, wenn sich der Verdacht erhärtet, dass 1,9 Mrd. Euro im Konzern einfach verschwunden sind.

Der Fall Wirecard ist nicht das erste Beispiel für das nonchalante Versagen von Aufsichtsräten. Bei VW konnte man schon lange vor dem Dieselskandal eine völlige Ignoranz gegenüber den Regeln der guten Unternehmensführung beobachten. Auch in Wolfsburg gab es keine klare Trennung zwischen Großaktionären und Aufsichtsrat – und es gibt sie noch immer nicht, wie die Kabalen um VW-Chef Herbert Diess erst jüngst wieder deutlich gezeigt haben.

Trotzdem glauben immer noch erstaunlich viele Anleger, sie müssten sich nicht groß um die Zusammensetzung von Vorständen und Aufsichtsräten kümmern und sich für die praktische Umsetzung der Corporate-Governance-Vorschriften nicht besonders interessieren. Wichtiger sei ein Blick in die Kurscharts oder höchstens noch in die Gewinn- und Verlustrechnung der Quartalsberichte. Doch Wirecard lehrt das Gleiche, was man auch bereits bei VW lernen konnte: Wo Gutsherrenmentalität herrscht und man sich nicht an die Regeln guter Unternehmensführung hält, ist das Scheitern programmiert. Vielleicht nicht sofort, aber irgendwann eben doch.

 


Bernd Ziesemer ist Capital-Kolumnist. Der Wirtschaftsjournalist war von 2002 bis 2010 Chefredakteur des Handelsblattes. Anschließend war er bis 2014 Geschäftsführer der Corporate-Publishing-Sparte des Verlags Hoffmann und Campe. Ziesemers Kolumne erscheint regelmäßig auf Capital.de. Hier können Sie ihm auf Twitter folgen.