KolumneDie große Kumpanei bei Wirecard

Capital-Kolumnist Bernd Ziesemer
Capital-Kolumnist Bernd ZiesemerMartin Kress

Noch nie hat ein Untersuchungsausschuss des Bundestags so viele seltsame Fakten ans Licht der Öffentlichkeit gebracht wie im Fall Wirecard. Und je mehr wir durch die nächtlichen Anhörungen im Bundestag erfahren, desto mehr blamiert sich der Finanzplatz Deutschland als einziges provinzielles Panoptikum. Eine große Wunderkammer mit den merkwürdigsten Gestalten: Aktienzocker im Gewand von Finanzaufsehern, Wirtschaftsprüfer ohne die geringste Ahnung, ein Aufsichtsrat der Deutschen Bank als Kampfkumpel („Mach die Financial Times fertig!“), eine Analystin mit Nebenbeschäftigung als Spitzel gegen Wirecard-Kritiker, ein zwielichtiger Freiherr mit Dauervisum fürs Kanzleramt, eine Hausfrau als Lobbyistin einer China-Firma, ein stummer Finanzminister und sein vergesslicher Staatssekretär und last but not least natürlich der ehemalige Chef des Skandalunternehmens, der nicht mal die Frage nach dem Titel seiner eigenen Doktorarbeit beantworten will.

Man kann darüber lachen, aber es ist auch zum Weinen. Der Finanzplatz Deutschland träumt seit vielen Jahrzehnten von einer größeren Rolle in der Welt. Und mit dem selbstmörderischen Brexit der Briten öffnet sich zum ersten Mal auch eine Möglichkeit, tatsächlich mehr globales Geschäft an den Main zu bringen. Doch der Fall Wirecard bringt an den Tag, wie wenig wir darauf vorbereitet sind und wie weit entfernt von angelsächsischen Standards. Das fängt bei unseren Aufsichtsbehörden und dem Berliner Bundesfinanzministerium an. Dort sitzen die falschen Leute, zu wenig kompetent und zu schlecht bezahlt, um ihre Jobs ernst zu nehmen. Zu sehr verbandelt mit den Unternehmen, die sie doch eigentlich beaufsichtigen sollen, und nicht hart genug gegen die Trickser und gegen sich selbst.

Gute Unternehmensführung? Nicht bei Wirecard

Es geht aber auch um deutsche Mentalitäten und Idiosynkrasien, zum Beispiel die generelle Abneigung gegen Leerverkäufer und „Spekulanten“. Und um die Kumpanei in der früher so gemütlichen Frankfurter Finanzszene. Und man sollte als Journalist auch unbedingt selbstkritisch hinzufügen: Es geht leider auch um die wenig ausgeprägte Neigung der deutschen Wirtschaftspresse zu harten Recherchen in den Konzernen.

Der Fall Wirecard legt auch den Finger auf die vielleicht größte Wunde der deutschen Wirtschaft: die mangelhafte Beherzigung der selbst gewählten Regeln einer guten Unternehmensführung. Dass wir dafür den angelsächsischen Begriff der „Corporate Governance“ benutzen, spricht für sich. Seit gut 20 Jahren bemühen wir uns vergeblich um die Durchsetzung von klaren Regeln und Kontrollen in den Konzernen, wie sie seit jeher in den USA und in Großbritannien gang und gäbe sind.

Im Fall Wirecard versagte die erste Verteidigungslinie gegen Lug und Betrug am kläglichsten, bevor alle anderen Verteidigungslinien auch versagten: der Aufsichtsrat. Seine Zusammensetzung war ein Witz und seine Kontrolltätigkeit ging streckenweise gegen Null. Aber kaum jemand regte sich darüber auf, solange der Kurs der Aktie nach oben ging. Nicht die Kleinaktionäre und nicht die institutionellen Anleger, nicht die Analysten und nicht die Presse. Wenn man aber eine Lehre aus dem Fall Wirecard ziehen will, die vielleicht am wichtigsten für die künftige Entwicklung der Finanzindustrie in Deutschland ist, dann lautet sie gerade so: Investiere niemals in ein Unternehmen, bei dem die Corporate Governance nicht funktioniert!

 


Bernd Ziesemer ist Capital-Kolumnist. Der Wirtschaftsjournalist war von 2002 bis 2010 Chefredakteur des Handelsblattes. Anschließend war er bis 2014 Geschäftsführer der Corporate-Publishing-Sparte des Verlags Hoffmann und Campe. Ziesemers Kolumne erscheint regelmäßig auf Capital.de. Hier können Sie ihm auf Twitter folgen.