EditorialWarum wir uns vor „Wenden“ hüten sollten

Capital-Chefredakteur Horst von Buttlar
Capital-Chefredakteur Horst von ButtlarGene Glover

Wenn ich das Wort „Wende“ höre, bekomme ich ja immer öfter das Grausen. Nicht weil ich den Klimawandel leugne, lieber mit Öl heize oder Tesla blöd finde. Im Gegenteil, als Berliner Blasenbewohner düse ich gern mal mit einem i3 von Drivenow rum, ich trenne Müll, seit ich keine Windeln mehr trage, und von der Ölheizung habe ich mich schon vor zehn Jahren verabschiedet. Das Wort „Wende“ steht bloß in all seinen Varianten für einen radikalen, oft kopflosen und wild entschlossenen Umbau bestehender Systeme – sei es die Energieversorgung, der Verkehr-, die Landwirtschaft oder auch die Ernährung.

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All diese „Wenden“, die ehrbare Grundanliegen haben, haben einiges gemeinsam. Erstens: Sie werden als „gut“ kategorisiert; das Gegenteil ist böse. Zweitens: Eine Umkehr ist nicht möglich, die Wende ist alternativlos. Drittens: Es werden gewaltige Kräfte und Summen mobilisiert, um das System, also die Gesellschaft, eine Branche oder die Wirtschaft in die gewünschte Richtung zu lenken. Viertens: Tauchen Widersprüche oder Nebenwirkungen auf, werden sie geleugnet, symbolische Ersatzhandlungen vollzogen oder die Wende noch mehr forciert.

Ein Beispiel: Die deutschen CO₂-Emissionen stagnieren, aus vielerlei Gründen. Also tanzen wir wochenlang um 200 Hektar Wald und beschleunigen den Ausstieg aus der Kohle. Diese deutschen „Wenden“ vollziehen sich nicht hegelianisch, sondern jakobinisch.

Einseitigkeit und Emotionalität sind das Problem

Ich befürchte, dass wir bei der „Verkehrswende“ immer öfter auf ähnliche Widersprüche stoßen werden, weil wir schon jetzt die gleiche Unerbittlichkeit an den Tag legen: Deutschland setzt voll auf Elektromobilität. Im Prinzip geht unsere Autoindustrie, getrieben von der Regierung, eine gigantische Milliardenwette ein: dass es allein dieser Antrieb sein wird, der uns die saubere, CO₂-neutrale Zukunft bringt.

So wie Solarstrom in Deutschland ineffizient ist, was uns nicht davon abhielt, mit Unsummen eine Solarstromindustrie hochzuzüchten und Tausende Dächer mit Panels zuzupflastern, so interessieren uns bei der E-Mobilität kaum die Effizienz noch die CO₂-Bilanz noch die Entsorgung noch die Praktikabilität.

Konsens ist, dass Elektroantriebe eine Rolle spielen werden, eine größere, als wir einst geglaubt haben. Die Einseitigkeit und Emotionalität sind das Problem. Wie bei der Energiewende ist es wichtig, dass wir alle Technologien erforschen – und sie verwerfen, wenn sie sich als Irrweg erweisen. Sonst werden wir 2030 in Gorleben tonnenweise Batterien entsorgen.