PreiseWarum Menschen die Inflation komplett falsch einschätzen

Lebensmittel waren 2020 2,3 Prozent teurer als 2019dpa

Wie hoch ist eigentlich die Inflation? Wer diese Frage zwischen Juli und September im Euro-Währungsgebiet stellte, bekam als häufigste Antwort 5,9 Prozent. Das ist das Ergebnis einer Befragung der EU-Kommission. Dabei lag die gemessene Inflation zwischen August und Dezember sogar unter Null, die Preise gegenüber dem Vorjahr fielen also.

Ähnliches gilt übrigens für den Blick in die Zukunft. In einer Umfrage im Auftrag der Bundesbank in Deutschland sagten die Befragten im Durchschnitt, dass die Inflation in den kommenden zwölf Monaten um 3,1 Prozent steigen würde. Das war im Dezember. Im Juni 2019, weit vor der Corona-Krise, lagen die Antworten bei 2,6 Prozent, die wirkliche Inflation lag dann ein Jahr später bei 0,9 Prozent.

Obwohl die Inflation im Januar zum ersten Mal seit Monaten wieder stieg, und mittlerweile auch seriöse Wissenschaftler längerfristig einen Anstieg der Inflation für möglich halten, übertreffen die Schätzungen des Großteils der Bevölkerung die der Experten bei weitem. Von der gemessenen Inflation sind sie oft sogar mehrere Prozentpunkte entfernt. Wie kann es sein, dass die gemessene Inflation so stark von der Wahrnehmung der Menschen abweicht?

Menschen nehmen Preiserhöhungen eher wahr

Eine Erklärung kann die Verhaltensökonomie liefern. Nach der von Nobelpreisträger Daniel Kahnemann beschriebenen Prospect Theory nehmen Menschen Verluste eher wahr als Gewinne. Sie würden also Preiserhöhungen eher bemerken als Preisminderungen.

Das klingt zunächst auch nach einer guten Erklärung. Schließlich sind einige Preise zuletzt stark gestiegen. Friseurleistungen für Damen etwa kosteten im vergangenen Dezember 5,8 Prozent mehr als im Vorjahresmonat. Inlandsflüge, eine Anlageberatung und Kameras waren ebenfalls teurer. Preise für Bahntickets hingegen fielen gegenüber dem Dezember 2019 um 15,9 Prozent, Spritkosten sowieso. Die offizielle Inflation lag im Schnitt dann aber doch bei wenig aufregenden -0,3 Prozent, nicht weil stark steigende Preise starke Preisminderungen ausglichen, sondern vor allem, weil sie bei einem überwiegenden Teil der Waren keine riesigen Preisänderungen gab. Wenn Menschen sich aber auf Preissteigerungen fokussieren, die es offensichtlich gab, werden sie eine höhere Inflation wahrnehmen als die gemessene Inflation. Doch das erklärt bei weitem nicht die gesamte Diskrepanz zwischen gefühlter und gemessener Inflation.

Denn die Inflation gibt es gar nicht. Sie ist vielmehr nur eine Einheit, auf die man sich geeinigt hat. In der Eurozone ist mit der Inflation meist der Anstieg des harmonisierten Verbraucherpreisindex (HVPI) gegenüber dem Vorjahresmonat gemeint. Der ist auch ausschlaggebend für die Geldpolitik der EZB. Den HVPI erstellen Statistiker, indem sie die unterschiedlichen Preissteigerungen und Preisminderungen mit den aktuellen durchschnittlichen Verbrauchsgewohnheiten gewichten. Superbenzin macht im Schnitt 2,6 Prozent der Ausgaben eines Konsumenten in Deutschland aus, also werden Preisminderungen beim Super mit 2,6 Prozent gewichtet. Die Preissteigerungen bei Inlandsflügen hingegen erhöhen die Inflation kaum, denn sie machen im Schnitt nur 0,04 Prozent der Ausgaben aus. Der HVPI soll also nur angeben, wie stark die Preise für einen  Durschnittskonsumenten von Jahr zu Jahr steigen.

Die eine Inflation gibt es nicht

Nun gibt es dabei gleich mehrere Schwierigkeiten. Die erste ist, dass kaum jemand durchschnittliche Verbrauchsgewohnheiten hat. Wer aber ein Zehntel seiner Ausgaben in Bahntickets oder Benzin steckt, wird in den vergangenen zwölf Monaten wirklich eine niedrigere Inflation erlebt haben als jemand, der regelmäßig nur fünf Prozent seiner Ausgaben dafür aufwendet, stattdessen aber häufiger zum Friseur geht.

Die Konsumgewohnheiten unterscheiden sich besonders nach dem Einkommen der Menschen. Wer weniger Geld zur Verfügung hat, gibt einen größeren Teil davon für  Grundbedürfnisse wie Wohnen und Essen aus. Die Ökonomen Eren Gürer und Alfons Weichenrieder von der Frankfurter Goethe-Universität untersuchten, ob die Inflation reichere Haushalte anders betraf als ärmere und fanden heraus: In den EU-Ländern hatten die Haushalte mit geringen Gesamtausgaben zwischen 2001 und 2015 deutlich höhere Inflationsraten als einkommensstärkere Haushalte. In Deutschland war die Abweichung geringer als in anderen Ländern.

Aber auch im Schnitt misst der HVPI nicht unbedingt die richtige Inflation. Das gilt besonders während der Corona-Pandemie. Denn obwohl der Index jährlich an die Kosumgewohnheiten angepasst wird, haben diese sich im vergangenen Jahr innerhalb von Wochen rasant verändert. Während die Ausgaben für Verkehrsmittel von Februar bis August im Euroraum um ein Fünftel gefallen sind, gaben die Menschen mehr für Lebensmittel aus. Die Lebensmittelpreise stiegen dabei. Die Transportpreise fielen. Die Inflation wird also unterschätzt, weil der Index nicht an die neuen Gewohnheiten angepasst wurde. Aber auch hier gehen Ökonomen bei der EZB davon aus, dass der HVPI die Inflation nur moderat unterschätzte, immerhin um circa 0,2 Prozentpunkte.

Immobilien- und Aktienpreise nicht Teil der Inflation

Einen viel größeren Unterschied würde es machen, wenn die Statistiker auch Vermögensgüterpreise in ihre Rechnung einbezögen. Denn besonders in Phasen lockerer Geldpolitik, wie sie in den vergangenen Jahren üblich war, steigen Immobilien- und Aktienpreise. Diese sind jedoch nicht im europäischen harmonisierten Verbraucherpreisindex HVPI enthalten, der, wie sein Name vermuten lässt, nur Konsumgüter abdeckt. Das ist an sich in Ordnung, denn das Ziel der Inflationsbekämpfung ist es nicht, die Preise von Investitionsgütern günstig zu halten. Doch für Selbstnutzer von Wohneigentum ergibt sich ein Problem: Die steigenden Kosten für ihren Wohnraum gehen nicht in den Index ein, während Mieten enthalten sind. Steigende monatlichen Ausgaben für das Wohneigentum, die bei höheren Immobilienpreisen beispielsweise durch steigende Tilgungszahlungen anfallen könnten, bleiben unberücksichtigt. Unter Ökonomen herrscht daher eine Debatte, ob nicht wenigstens die Preise selbstgenutzten Wohneigentums in die gemessene Inflation eingehen sollten. Schwierig ist vor allem, wie sich die Ausgaben korrekt berechnen und gewichten ließen.

Im Januar waren die Preise in Deutschland nach dem HVPI übrigens 1,6 Prozent höher als im vergangenen Januar. Wer die Inflation trotz all ihrer Ungenauigkeiten auf Werte um die fünf Prozent geschätzt hat, lag also wahrscheinlich daneben. Außer natürlich, sie oder er ist arm, hat aber eine Wohnung gekauft und fliegt sehr gerne. Dann könnte die Person mit der Annahme durchaus richtig liegen.

 


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