PreiseKommt die Inflation zurück?

Euro-Noten im Geldautomaten: Kommt nach der Krise die große Inflation?dpa

Wer Crashängste schürt, gewinnt die Deutschen leicht für sich. Besonders, wenn es um die Inflation geht. Etliche Autoren haben sich an der EZB abgearbeitet, die immer mehr Geld druckt und so die Preise bald in neue Höhen steigen lassen soll. Nur gab es in den vergangenen Jahren stets ein Problem: Auf Leitzinssenkungen und Staatsanleihekäufe der Zentralbanken folgten nie hohe Preissteigerungen. Im Gegenteil: Statt steigender Preise lässt sich seit Jahren eine Disflation beobachten, also abnehmende Inflationsraten.

Nun schreibt aber kein Crash-Prophet, sondern der Ökonomie-Professor und langjährige Mitarbeiter der Bank of England, Charles Goodhart, dass die Inflation wiederkommen könnte. Die These stellte er schon vor der Corona-Pandemie auf. Jetzt bestärkt er sie noch einmal. Und wie. Für das kommende Jahr erwartet er eine Inflation von 5 bis 10 Prozent. Das liege an den Folgen der Corona-Pandemie, aber vor allem daran, dass die Welt vor großen Umbrüchen stehe, so Goodhart und sein Co-Autor Manoj Pradhan.

Sie beschreiben in ihrem Buch „The Great Demographic Reversal“, dass die globalen Trends, die jahrelang für eine Disflation gesorgt haben, sich nun umkehren. Eine alternde Bevölkerung könnte demnach in den entwickelten Volkswirtschaften zu einem massiven Anstieg der Inflation führen. Doch wie genau soll das ablaufen?

Die Globalisierung hat die Inflation verschwinden lassen

Normalerweise sollte die Inflation steigen, wenn die Arbeitslosigkeit sinkt. Denn je weniger Menschen ohne Arbeit es auf dem Arbeitsmarkt gibt, desto höhere Löhne können diese fordern. Schließlich buhlen Unternehmen mit höheren Löhnen um die besten verbleibenden Arbeitskräfte auf dem Markt. Die höheren Lohnkosten geben die Unternehmen dann aber über Preissteigerungen an ihre Kunden weiter. Also steigt mit sinkender Arbeitslosigkeit die Inflation.

Dieser Zusammenhang besteht aber seit Jahren nicht mehr. Eine mögliche Ursache: Die Globalisierung. Denn in einer stark vernetzten Weltwirtschaft können Unternehmen, denen die Löhne zu Hause zu hoch sind, ihre Produktion komplett oder teilweise ins Ausland verlagern oder Vorprodukte dort beziehen, wo sie am günstigsten sind. Das drückt die Preise auch, wenn die Arbeitslosigkeit im Inland schon gering ist.

Man kann sich das an einer deutschen Maschine vorstellen. Die besteht lang nicht mehr nur aus deutschen Bauteilen, sondern wird häufig nur in Deutschland zusammengesetzt. Besonders einfache Vorprodukte wie kleine Metallbauteile kommen oft aus China. Deren Preis hängt also vom chinesischen Arbeitsmarkt ab, der Preis der gesamten Maschine aus chinesischen und deutschen Bauteilen folglich von chinesischen und deutschen Löhnen. Je stärker der Welthandel und die Wertschöpfungsketten nun zwischen Ländern ausgeprägt sind, desto stärker ist die Inflation vom weltweiten Arbeitsmarkt abhängig.

Eben der bot in den vergangenen 40 Jahren immer mehr Arbeitskräfte. Der Handel zwischen der westlichen Welt mit China, aber auch der Zusammenbruch der Sowjetunion fluteten die Welt mit günstigen Arbeitskräften. Immer mehr Frauen strömten zusätzlich auf den Arbeitsmarkt. Die Löhne weltweit glichen sich an. Die Folge: Die Löhne und damit die Inflation in der westlichen Welt stiegen kaum noch, so Goodhart und Pradhan.

Wenn die Weltbevölkerung altert, kommt die Inflation zurück

Doch jetzt kehrt sich der Trend um. Der Welthandel stagniert nicht nur seit Jahren, zudem bleibt auch noch der globale Nachschub an Arbeitskräften aus. Schlimmer noch, in den eng miteinander verwobenen großen Volkswirtschaften, China, USA und Europa, wird die Bevölkerung immer älter. Auf immer weniger Menschen im erwerbsfähigen Alter kommen also weltweit immer mehr Rentner.

Die produzieren nichts, geben aber genauso wie die Arbeitstätigen ihr Geld aus. Immer weniger Menschen müssen so für eine ähnlich hohe Bevölkerung arbeiten. Wenn die Arbeitnehmer knapp werden, steigt ihre Verhandlungsposition gegenüber den Arbeitgebern wieder. Sie können also höhere Löhne fordern und die Preise steigen wieder.

Die Alten werden aber auch immer älter. Und das ist teuer. Schwere Krankheit wie Alzheimer steigern den Bedarf an Gesundheitsversorgung und Medikamenten und treiben die Preise, argumentieren Goodhart und Pradhan.

Doch damit die Alten überhaupt ihren Alltag meistern können, sind sie auf die Hilfe immer mehr junger Menschen angewiesen. Denn Roboter können zwar Autos zusammensetzen, die von einer künstlichen Intelligenz gesteuert werden, sie werden aber kaum die Pflege von alten Menschen übernehmen. Jetzt könnte man sagen, dass es genug Menschen auf der Welt gebe, die aus anderen Ländern einwandern könnten, um die Rentner in Amerika, Europa und China zu pflegen. Doch Menschen lassen sich nicht wie Güter auf ein Schiff packen und importieren. Das gilt besonders, solange Wähler für Parteien stimmen, die die Zuwanderung eher ausbremsen als beschleunigen. Die Pfleger müssten also aus Europa, Amerika und China selbst kommen. Noch ein Prozess, der Löhne und Inflation steigen ließe.

Nun treffen all diese Prozesse auf die Post-Corona-Welt. In der werden Menschen ihr während der Krise angespartes Geld ausgeben und die Preise zusätzlich treiben. Schlimmer aber ist, dass die Staaten weltweit hoch verschuldet sind. Die Zentralbanken müssten bei ohnehin steigenden Preisen nach der Krise dann eigentlich die Leitzinsen heben, um der Inflation entgegenzuwirken. Doch bei einer hohen Staatsverschuldung besteht die Gefahr, dass sie unter politischem Druck zu lange eine lockere Geldpolitik fahren, um die schuldengeplagten Regierungen zu entlasten. Die würde die Inflation weiter erhöhen.

Es muss nicht so kommen

Die Thesen der Autoren lassen sich abstreiten. Das Arbeitsleben könnte sich immer weiter verlängern, der medizinische Fortschritt die Menschen auch im Alter produktiver machen und die Gesundheitsausgaben senken. Wenn die Menschen länger arbeiteten, würde zudem das Verhältnis von Rentnern zu Erwerbstätigen nicht so stark ansteigen, wie die Autoren befürchten. Außerdem könnten Regierungen die Einwanderungsgesetze aufweichen. Die hohen Löhne würden immer mehr Arbeitskräfte aus Ländern mit einer wachsenden Bevölkerung wie Indien und vielen afrikanischen Ländern in die alternden Volkwirtschaften ziehen. Die Autoren bauen auf eine Welt, in der die Menschen kaum auf die neuen Herausforderungen reagieren.

Darüber hinaus hält längst nicht nur ein Überangebot an Arbeitskräften die Inflation gering. Der Ölpreis ist extrem niedrig und könnte bei nachlassender Abhängigkeit vom Öl aus niedrig bleiben. Auch der technologische Wandel trägt seinen Teil zu den deflationären Tendenzen bei. Man denke an Smartphone-Kameras, die beispielsweise die Preise für herkömmliche Digitalkameras senken, weil diese nicht mehr gebraucht werden. Zusätzlich steigern technische Hilfsmittel die Arbeitsproduktivität, so dass Unternehmen mit technischen Hilfsmitteln nicht mehr so viele Arbeitnehmer benötigen, um dieselbe Anzahl an Waren herzustellen. Und gerade die hohen Schulden, die nicht nur Staaten in der Pandemie angehäuft haben, könnten die Gesamtnachfrage in Zukunft so verringern, so dass die Preise eher fallen als steigen.

Man kann den Autoren für ihre Argumente also einiges entgegenhalten. Doch ihre Sorgen wegen steigender Preise sind keineswegs an den Haaren herbeigezogen. Es liegt in der Hand der Regierungen, Ihnen rechtzeitig entgegenzutreten.


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