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Kneipensterben Warum immer mehr britische Pubs schließen müssen

Eine Kette sichert die Eingangstür eines Londoner Pubs, der schließen musste
Eine Kette sichert die Eingangstür eines Londoner Pubs, der schließen musste
© picture alliance / empics | Dominic Lipinski
Die Zahl der Pubs in Großbritannien ist unter eine kritische Marke gesunken. Die Betreiber sehen sich enormen Kostensteigerungen ausgesetzt – Hunderte müssen zumachen

Im „White Horse“ in Droxford, Hampshire, sah es innen immer ein bisschen nach Wohnzimmer aus: karierter Teppichboden, offener Kamin, alte Fotos an den Wänden. Das Betreiberehepaar Shekhar und Alex Nailwal war bei den Dorfbewohnern genauso beliebt wie ihr Curry. Das „White Horse“ gehörte – ebenso wie das „Bakers Arms“, der zweite Pub am Ort – fest zum Inventar des Dorfes mit seinen wenigen Hundert Einwohnern.

Umso schmerzlicher war es für die kleine Gemeinde, dass die Nailwals im vergangenen Jahr die Türen ihres Pubs für immer schließen mussten – die letzte Mietsteigerung konnten sie nicht mehr mitgehen. Nach zwei Jahren Coronapandemie und immer weiter steigenden Preisen für Lebensmittel und Bier, war es einfach zu viel. Um das „White Horse“ weiter rentabel betreiben zu können, hätten die Betreiber die Preise wohl verdoppeln müssen – in Zeiten, in denen auch die Kunden mit der Inflation kämpfen, undenkbar.

Erstmalig weniger als 40.000 Pubs in Großbritannien

Pubs gehören zur britischen Identität wie Krone und Fußball. Und so wie sich die Insel politisch wie wirtschaftlich von Krise zu Krise hangelt, leiden auch die Pubs. In der ersten Jahreshälfte 2022 fiel ihre Zahl laut der Immobilienberatung Altus erstmalig unter 40.000 und damit auf ein historisches Tief. Dass die Zahl der Kneipen abnimmt, ist kein neuer Trend. Aber die Geschwindigkeit der Schrumpfbewegung hat angezogen.

Eine Studie der Initiative Camra („Campaign for Real Ale“) ergab, dass in den ersten sechs Monaten 2022 mit 485 fast doppelt so viele Pubs dauerhaft schließen mussten wie im gleichen Zeitraum des Vorjahres. Laut Nik Antona, dem Vorsitzenden von Camra, hat das mit einem Mix aus Lockdown-Folgen und Inflation zu tun: „Der Dezember ist für Pubs eigentlich der wichtigste Monat, weil da die Rücklagen für die nächsten zwölf Monate geschaffen werden“, so Antona. „Aber Ende 2021 hatten wir wieder strengere Corona-Maßnahmen und daher schlechten Umsatz. Die hohen Energie- und Einkaufspreise konnten sich viele dann dieses Jahr nicht mehr leisten.“

Dem nationalen Statistikamt zufolge sind die Energiepreise in Großbritannien im Durchschnitt um 65 Prozent und die Gaspreise um knapp 130 Prozent gestiegen. Dazu mussten auch die Lieferanten ihre Preise erhöhen. Gerade für kleinere Pubs, die ihre Reserven während der Pandemie-Jahre aufgebraucht haben, war das schwierig zu stemmen. „Die Umsätze werden praktisch aufgefressen“, sagt Antona.

Bei vielen Pubs – wie auch dem „White Horse“ – kommt noch erschwerend eine besondere Eigentümerstruktur hinzu. 2020 gehörte gut die Hälfte der britischen Pubs Brauereien oder Pub-Gesellschaften, zu denen Hunderte bis Tausende Pubs gehören können. Die Gastronomen agieren dabei quasi als Franchisenehmer, müssen den Gesellschaften  Lokalmiete bezahlen und von ihnen auch das Bier beziehen. Die Preise legen die Gesellschaften fest, oft oberhalb des Marktpreises. So kritisiert Camra, dass gerade große Pub-Gesellschaften die Pubs im Wesentlichen als Immobilieninvestments betrachteten und auch so verwalteten. Beim „White Horse“ war es die Brauereigesellschaft, die den Nailwals hohe Gebühren auferlegte – und trotz gestiegener Einkaufspreise keine Zugeständnisse machen wollte.

Steigende Kosten sind größte Sorge

Im dritten Quartal 2022 lag der Umsatz der Gastronomie laut dem Gastgewerbeverband zwar immerhin bei einem leichten Plus von 1,3 Prozent. Gleichzeitig lasten zweistellige Teuerungsraten auf den Gastwirten. Dazu kam in den letzten Monaten der noch immer andauernde Bahnstreik, der dem Verband zufolge zusätzlich Einbußen in Höhe von 2,5 Mrd. Pfund im zweiten Halbjahr 2022 bedeutete.

Inflationssorgen treiben auch die britischen Verbraucher um. In einer McKinsey-Umfrage vom Oktober gab gut die Hälfte der Befragten an, sie hätten Schwierigkeiten, ihre Energierechnungen zu bezahlen. Die steigenden Lebenshaltungskosten wurden mit Abstand als größte Sorge bezeichnet, deutlich vor dem Krieg in der Ukraine und dem Klimawandel. Die Zahl der Menschen, die deshalb weniger Geld für Restaurants oder Pubs ausgibt, hat sich innerhalb von drei Monaten deutlich erhöht, auf etwa 50 Prozent. Damit sind die Pubs von zwei Seiten bedroht. „Anstatt ins Pub zu gehen und da ein Bier zu trinken, kaufen die Leute ihr Bier im Supermarkt und trinken es dann zu Hause“, erzählt Nik Antona.

Immerhin: Die Regierung hilft der Branche, indem sie etwa die Alkoholsteuer eingefroren hat. Man wolle der Branche „größtmögliche Sicherheit“ geben, sagt James Cartlidge, Finanzsekretär des Schatzamtes, bis im August dann ein neues, einfacheres Steuersystem in Kraft treten werde. Dieses soll Pubs Vorteile beim Verkauf von Alkohol verschaffen, zum Beispiel gegenüber Supermärkten, wo Alkohol bisher meist günstiger ist. Und für die Krönung von Charles III. im Mai ist bereits eine Verlängerung der Ausschankzeiten geplant. 

Die Steuerentlastung ist auch eine Reaktion auf anhaltende Kritik von Pub-Lobbyisten wie Camra und BBPA („British Beer and Pub Association“), die Pubs gerade in der ersten Jahreshälfte 2022 nicht ausreichend geschützt sahen. Die BBPA, die nach eigenen Angaben rund 20.000 britische Lokale vertritt, fordert, Energiekosten zu senken und Pubs vor „unfairen, versteckten Gebühren“ zu schützen. 

Es gibt leise Hoffnung

Um Kosten zu sparen, verkürzen viele Pubs mittlerweile ihre Öffnungszeiten. In größeren Städten könnte es durchaus eine Lösung sein, nur noch von Donnerstag bis Sonntag geöffnet zu haben, glaubt der Camra-Vorsitzende Antona. In kleineren Städten hält er das aber eher für gefährlich: „Wenn das kleine Community-Pub, wo ich jeden Tag hingehe, auf einmal montags und dienstags geschlossen hat, suche ich mir ein anderes. Dann verliert mein altes Pub aber Gäste.“ Seiner Meinung nach wäre es sinnvoller, jeden Tag zu öffnen, dafür aber früher am Abend zu schließen. Dadurch, dass mehr Menschen im Homeoffice arbeiteten, würden viele Berufstätige ihr Feierabendbier ohnehin schon gegen 17 oder 18 Uhr trinken. 

Nik Antona erwartet, dass der Trend zu weiteren Pubschließungen in den kommenden Monaten anhalten dürfte. Aber das geplante neue Steuersystem, die zuletzt leicht nachlassende Inflation und der Glaube an die britischen Gemeinschaft stimmen ihn dennoch positiv. „Meine Hoffnung ist, dass sich die wirtschaftliche Lage normalisiert und die Menschen in die Pubs zurückkommen“, sagt Antona. „Wir haben den Wunsch unter Leute zu gehen, das ist unsere Kultur.“

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